Zwischen «Carmen» und Auschwitz
Es ist nicht zuletzt der Hartnäckigkeit und dem immensen Wissen der kürzlich verstorbenen Historikerin Sybil Milton zu verdanken, dass der Bericht über die Fahrenden trotz aller Schwierigkeiten erschien, wenn auch mit Verspätung. Milton, Vizepräsidentin der UEK und eine von drei Berichtsleitern des Heftes (die anderen sind Jacques Picard und Jakob Tanner), erforschte als eine der frühesten nicht nur die jüdischen Leiden im Dritten Reich, sondern auch jene der Sinti und Roma. Sie schrieb erschütternde wissenschaftliche Werke zu diesem Thema.
Der Bericht und seine Aussage
Der Bericht betritt auf vielen Gebieten Neuland. Beispielsweise werden die Kategorien, Namen und Begriffe detailliert dargestellt. Wobei nicht alle, die heute noch in der Umgangssprache als «Zigeuner» tituliert werden, diesen Namen als negativ betrachten und sogar wohlgesinnten «Gadze» (Sesshaften) dessen Gebrauch gestatten. Die politischen und historischen Gegebenheiten vom 19. Jahrhundert bis in das letzte Viertel des 20. Jahrhunderts und heute ergeben im Fahrenden-Beiheft ein haarsträubendes Bild. Hätte die UEK nur die NS- und Kriegsjahre auswerten wollen, wäre sie an Grenzen gestossen. Die Quellenlage in der Schweiz zeigte sich sehr dürftig. Die Fahrenden wurden an der Grenze nicht als eigene Flüchtlingskategorie geführt, weil sie sich oft nicht als solche zu erkennen geben wollten und weil sie in der Regel den regional dominanten Konfessionen ihrer Herkunftsgebiete angehörten. Für sie galten allenfalls die Begriffe «Vaganten», «Vagabunden» und andere Pejorative. Oder ihre Akten waren vernichtet worden. Thomas Huonker, der ursprüngliche, von der UEK beauftragte Zürcher Autor der Studie, und die Historikerin Regula Ludi, damals wissenschaftliche Mitarbeiterin der UEK, welche Huonkers Arbeit überarbeitete, fassten den Zeitrahmen deshalb weiter. Und so erwies sich die NS-Zeit als ein Puzzle-Teil, das nahtlos ins Gesamtbild der Zigeunerverfolgungen in Europa passte. «Zigeunerpolitik» in der Schweiz bestand leider meist aus Kriminalistik oder aus pseudo-medizinischen Irrläufen wie «Rassenhygiene», Eugenik, Zwangssterilisation. Nicht wegzudeuten ist auch das Einreiseverbot bereits im Jahre 1906. Die «Zigeunerpolitik» wurde nicht einmal nach 1945 geändert, sondern erst Anfang der siebziger Jahre, nachdem Hans Caprez im «Beobachter» verdienstvoller Weise in mehreren Artikeln die skandalösen Aktivitäten des «Hilfswerks für die Kinder der Landstrasse» publik und zum Gegenstand breitester Ablehnung gemacht hatte. Das sogenannte «Hilfswerk», das bis zuletzt von hohen Politikern als «aus der Zeit verständlich» schöngeredet wurde, nahm den Fahrenden brutal ihre Kinder weg, brachte diese in Heimen und überforderten Pflegefamilien unter. Ein Verbrechen, das diese Kinder und ihre Familien unauslöschlich traumatisierte und nach den Satzungen der Uno als Völkermord gilt. Allerdings unterschrieb die Schweiz diese Konvention erst kürzlich, 50 Jahre nach deren Entstehen.
Reaktionen
Die Roma - die Mehrzahl der Fahrenden aus Osteuropa -, die Sinti - meist aus Deutschland - und die Jenischen - vorwiegend die Fahrenden der Schweiz und Österreichs -, sind im Laufe der Jahrhunderte nicht viel weniger stark diskriminiert worden als die Juden, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Die Lebensweise der «Zigeuner» war und blieb den Sesshaften suspekt. Sergius Golowin hat in einem Gespräch mit der JR vor wenigen Jahren festgestellt, dass Juden und Fahrende, vor allem in Osteuropa, sogar manchmal gleiche Berufe ausübten: Fahrende Musiker, fahrende Händler waren beide, jedoch ohne synergetische Kontakte, im Gegenteil. Golowin fand dies nicht weiter schlimm, seien doch auch viele der 16 über die Welt verstreuten Stämme der Fahrenden keineswegs gut aufeinander zu sprechen. Der Schweizer Experte sagte ganz klar, dass die Zigeuner leider nicht so wie die Juden stets Zusammenhalt und Organisationen aufweisen könnten und die NS-Opfer deshalb nur mühsam aufzufinden seien. Eine Konsequenz der Publikation im «Beobachter» war, dass sich die Fahrenden auch in der Schweiz endlich zu Zweckgemeinschaften zusammenschlossen, wie der «Radgenossenschaft», den Naschet-Jenischen und anderen, die besonders wichtig wurden für die Suche und Erhaltung der kulturellen Identität, der Sprache und eines neuen Selbstbewusstseins. Sie erwiesen sich auch als hilfreich bei der Erarbeitung der Listen von Opfern, die Anspruch auf einen Zustupf aus dem Humanitären Schweizer Fonds anmelden konnten. Der Bundesrat hatte recht, als er sich nach Erscheinen des UEK-Berichts bei den Fahrenden entschuldigte und sie seines Mitgefühls versicherte: Die Schweiz gehörte zu den ersten Staaten, die auf Gesetzesebene Bestimmungen über die so genannten Zigeuner schufen. Quellen, wonach solche Sondergesetze aufgehoben worden wären, liessen sich nicht finden. Im Gegenteil: Die Polizeiabteilung versuchte oft mit allen Mitteln, eingebürgerten Jenischen, die sich in die «Heimat» flüchten wollten, ihr aufgrund des «Heimatlosen-Gesetzes» erworbenes Schweizer Bürgerrecht zu entziehen. Die erschütternden Fallbeispiele von Familien, die wie Spielbälle zwischen den Grenzen hin- und hergeschoben wurden, sprechen eine deutliche Sprache. Sogar aus den nüchternen Berichten von Grenzwächtern spricht oft das Mitleid, wenn selbst kleine Kinder tagelang im Schnee, ohne Nahrung, im Niemandsland vegetieren mussten.
Parallelen und gleiche Namen
In der UEK-Arbeit tauchen überall Namen von Leuten auf, die sich schon den Juden gegenüber nicht mit Ruhm bedeckt hatten: Reinhard Heydrich, Heinrich Rothmund, Robert Jezler. Der SS-Kriminalkommissar Paul Dickopf, der sich in Frankfurt seit 1934 mit Zigeuner- und «Asozialen»-Fahndung beschäftigt hatte, erhielt in der Schweiz mit Hilfe des Hitler-Bewunderers François Genoud auf dubiose Weise 1944–45 Asyl. Später arbeitete Dickopf für die Amerikaner - und stieg schliesslich sogar zum Leiter des deutschen Bundeskriminalamtes (BKA) und zum Präsidenten der Interpol auf. Diese Fahndungsinstitution ist die Nachfolgerin der IKPK (Internationale Kriminalpolizeiliche Kommission) unter Leitung von Reinhard Heydrich, an deren Sitzungen auch begeisterte Schweizer fleissig teilnahmen. Laut Bericht soll die Schweiz auch keine unwichtige Rolle bei der Übernahme der IKPK durch Heydrich gespielt haben. Zwangsläufig erwiesen sich bei der Erarbeitung des Berichts die Quellen in Deutschland als überaus wichtig, wie auch die Erforschung der deutschen Version der Beseitigung einer «Zigeunerplage», nämlich Deportation und Genozid. Die Zahlen der in Auschwitz im «Zigeunerlager» von Birkenau zusammengepferchten Opfer ist schwer zu definieren. Die heute diskutierte Zahl der Ermordeten bewegt sich zwischen 100 000 und 800 000. Obwohl exakte Unterlagen fehlen, geht die UEK davon aus, dass die Nazis beträchtliche Vermögenswerte bei den Fahrenden konfiszierten, weil diese ihre Schätze leicht tragbar in Form von Goldschmuck und Goldmünzen auf sich trugen. Es wird davon ausgegangen, dass auch Zigeunergold unter den Barren war, vielleicht sogar ein Anteil Opfergold, die von der Schweizer Nationalbank der NS-Reichsbank gegen Devisen angekauft wurden.
Diskrepanz zwischen Behörden und Bevölkerung
Denn wirklich ernst genommen wurden die «Zigeuner» eigentlich von niemand, ausser von den Behörden, die sie als Gefahr einstuften. Für weite Teile der Bevölkerung waren sie die Leute, die am Dorfrand in Zirkuswagen hausten, am Lagerfeuer kochten, auch darum herum tanzten, Scheren schliffen, Pfannen flickten - und stahlen wie die Raben, bevor sie weiter zogen. In Operetten umgab sie dafür die Aura der Romantik, wenn sie als Stehgeiger und «Zigeunerprimas» die Geigen schluchzen lassen durften. «Komm Zigan, spiel mir was vor», das war die kitschige und deshalb nicht zum Nachdenken zwingende Wahrnehmungsebene der sesshaften Welt. In der Operette «Der Zigeunerbaron» kommt ein Schicksalsfaden zur Geltung, der sich durch zahlreiche Bühnen- und Trivialliteratur zieht: Der Held wird mit einem Zigeunerkind vertauscht, das bei Hofe aufwächst. Doch er wird von den Zigeunern ausnahmsweise so gut erzogen, dass er doch noch sein rechtmässiges Erbe antreten kann. Zur berühmtesten Zigeunerin der Welt avanciert ist «Carmen», weil «die Liebe vom Zigeuner stammt», wie die Heroine in ihrer ersten grossen Arie von allen Opernbühnen der Welt singt, gehüllt in die hochgeschürzten «Zigeunerröcke» und weit offenen Miederblusen unter schwingenden Schultertüchern, komplett bis zu den goldenen Ohr-Kreolen und klingelnden Armreifen, wie sie den Fahrenden als Kostümierung zugeschrieben wurden (und werden). Und jenes Publikum, das weniger oft die Opern- und Operettenhäuser frequentierte, riss auf den Dörfern die Wäsche von den Leinen, wenn es hiess, die Zigeuner seien wieder da. Trotz der neuen, im Beiheft publizierten Fakten und Zusammenhänge fordert die UEK dazu auf, weitere wissenschaftliche Abklärungen vorzunehmen, die den Mandatsrahmen der Kommission gesprengt hätten. Im Bereich der Medizingeschichte sowie der Fürsorge- und Polizeigeschichte wäre noch viel Arbeit nötig. Auch sollten, wie die UEK in den Schlussbemerkungen anregt, die Archive von Kantonen und Gemeinden erforschen werden, insbesondere Graubünden, Luzern, Waadt, Tessin, Aargau, Zürich, Bern, Baselland. Alles, damit ein weiteres dunkles Kapitel der Schweizer Geschichte zwar nicht weiss gewaschen, aber doch ausgeleuchtet werden könnte.
Der Bericht auf www.uek.ch abrufbar.


