Zweimal rot
Nein, Ariel Sharon hat mit seinem Besuch auf dem Tempelberg die anschliessenden Unruhen nicht ausgelöst. Deren Ausbruch war angesichts des politischen Tretens an Ort sowieso nur noch eine Frage der Zeit gewesen. Deswegen allerdings hat Sharon (der ja auch in Sabra und Shatilla nicht selber gemordet, sondern nur zur Seite geblickt hatte) nicht weniger verwerflich gehandelt. Der Likud-Chef, der seit Jahren nicht mehr einen publizistisch derart breitgeschlagenen «Alpaufzug» auf den Tempelberg vollzogen hat, hat nämlich in kaum mehr zu überbietendem Zynismus und in kältester Berechnung von der herrschenden Situation profitiert, und zwar nicht in der Verfolgung nationaler oder sicherheitspolitischer Zielsetzungen, sondern aus ureigenem Egoismus. Sharon muss den ihm immer aufsässiger im Nacken sitzenden Netanyahu abschütteln, will er bei den nächsten Primaries seine Chancen auf einen Sieg im Kampf um den Posten des Likud-Bosses wahren. Und wie tut man dies? Indem man für Schlagzeilen sorgt, die vor allem am rechten Ende des politischen Spektrums positiv aufgenommen werden. Sharon fing gleich zwei Fliegen auf einen Schlag, haben die Unruhen doch die Aussichten auf eine grosse Koalition mit Barak wieder erhöht, was einen dicken Strich durch Netanyahus Rückkehr-Rechnung machen würde.
Sharon steht nicht alleine da, hat doch auch Arafat die Situation schamlos zu seinen Gunsten ausnutzen wollen. Vor dem Hintergrund einer sich mehr und mehr zugunsten Israels neigenden Weltmeinung, zuzüglich wachsenden Drucks extremer Kreise im eigenen Lager, kam ihm dabei die Aussicht auf Gewalt und fliessendes Blut sehr gelegen, konnte er doch davon ausgehen, dass die Medien die immer wieder schockierenden Bilder sterbender oder toter Kinder in geschäftstüchtiger Routine in alle Welt hinaustragen und damit den sehnlichst auf anti-israelische Argumente wartenden Menschen selbige frei Haus liefern würden. Um sicher zu gehen, dass der Aufstand nicht zu früh abbröckelt, liess Arafat zudem seine Radio- und TV-Stationen praktisch rund um die Uhr nationalistische Lieder, fanatische Aufrufe und vor allem anti-israelische und anti-jüdische Slogans ausstrahlen.
Auf dem Altar egoistischer und megalomaner Überlegungen wurde so bedenkenlos das Blut dutzender von Menschen verspritzt. Im Grunde genommen müsste jetzt zweimal die rote Karte gezückt werden, um die politische Szene des Nahen Ostens endlich und endgültig von Leuten wie Sharon und Arafat zu befreien (vgl. Seiten) 1,2,3 u. 8).


