Zurück in die Wüste?
Immer mehr macht es den Anschein, als ob das Volk Israel zum zweitenmal nach dem Auszug aus Ägypten in die Wüste geschickt würde. Im Gegensatz zu damals aber, als die Juden den Aufenthalt in der Wildnis nutzten, um sich zum Volk durchzumausern und sich der Schlacke ägyptischer Sklaverei zu entledigen, scheint diesmal der Gang in entgegengesetzter Richtung zu gehen. Nicht, dass Israel und seine Einwohner physisch in ihrer Existenz gefährdet wären. Die Bedrohungen von aussen scheinen unter Kontrolle zu sein, und wirtschaftlich hat man schon schlimmere Zeiten mitgemacht. Um so bedenklicher sieht es im jüdischen Staate aber in geistig-moralischer Hinsicht aus.
Seit Jahrzehnten gilt Präsident Ezer Weizman Millionen von Israelis als das inkorporierte Vorbild schlechthin. Er gehört ebenso zu den sagenumwobenen Mitbegründern der israelischen Luftwaffe, wie er in seiner unerschrocken-originellen Weise Kontakte mit den Palästinensern zu einem Zeitpunkt anknüpfte, als dies laut damaligen Gesetzen noch strafbar war. Der gleiche Ezer Weizman, der sich die Liebe und Sympathie seiner Mitbürger sicherte, indem er Opfer von Terroranschlägen so rasch zu besuchen pflegte, dass er oft zusammen mit den Ärzten in der Intensivstation eintraf - der gleiche Ezer Weizman soll nun laut Enthüllungen in den Medien als Parlamentarier und Minister widerrechtlich Gelder aus dem Ausland eingesackt und diese erst noch nicht versteuert haben. Das unglaublich erscheinende ist eingetreten: Die Polizei hat erstmals ein strafrechtliches Verfahren gegen einen Staatspräsidenten eingeleitet. Mit Seidenhandschuhen zwar, aber die Tatsache lässt sich nicht mehr unter den Teppich kehren.
Das Volk hat ob der Eskapaden eines Netanyahus, eines Deris, eines Ronni Bar-On, eines Ofer Nimrodi und zahlreicher hoher Polizei-Offiziere ebenso die Faust im Sack gemacht wie nach dem Bekanntwerden von krummen Touren, die Ehud Barak im Vorfeld der Wahlen gedreht haben soll oder von sittlichenVerfehlungen von Lehrern in Jeschiwot. Die Affäre Weizman scheint Israel darüberhinaus aber in einen echten Schock versetzt zu haben. Man will es einfach nicht wahrhaben, dass der Präsident, dessen burschikoses Auftreten zwar nicht jedem willkommen ist, dessen Einsatz fürs Vaterland aber auch seine Kritiker anerkennen, ein «Mensch wie Du und ich» sein soll, der mit den gleichen Haken und Ösen operierte wie tausende anderer Israelis - die aber nicht im Präsidentenhaus sassen bzw. sitzen. Das Verfahren gegen Weizman wird Wochen dauern. Nichts wäre für den Staat und seine Einwohner besser als eine völlige Reinwaschung des Präsidenten von allen Verdächtigungen. Eines aber zeichnet sich heute schon ab: Die Israelis kostet es im eigenen Land immer mehr Mühe, Menschen zu finden, zu denen sie nicht nur aufblicken können, sondern die auch bereit sind, Führungspositionen einzunehmen. Ist der Gang zurück in die geistig-moralische Wüste wirklich nicht mehr aufzuhalten?


