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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Zur Geschichte der Zukunft im Judentum

von Anton Legerer, October 9, 2008
Mit seiner jüngsten Ausstellung deckt das Jüdische Museum in Wien gleich mehr als sechs Jahrtausende ab. Die jungen Ausstellungsmacher Werner Hanak (Kurator) und Christian Prasser (Architekt) setzen den Beginn der Zukunft mit einer Rauminstallation von George Segal bei der «Vertreibung aus dem Paradies», dem Garten Eden an: Eva und Adam als die ersten Menschen, die mit einem unsicheren Morgen konfrontiert sind.
Aufbruch in die Zukunft: Abba Eban und David Hacohen hissen 1947 die israelische Flagge nach dem die UNO die Teilung Palästinas beschlossen hat. - Foto Reuters

Am anderen Ende steht die Zukunft, verkörpert durch eine Millenniumsuhr, die die verbleibenden Tage bis zum Jahr 2000 der herkömmlichen und die knapp 240 verbleibenden Jahre zum Jahr 6000 der jüdischen Zeitrechnung zählt. Dazwischen: der Mensch in seinem jeweiligen Zeitrahmen, der durch die Jahreszeiten und die Erfordernisse in der Landwirtschaft, durch den religiösen Jahreszyklus, durch seinen Lebenszyklus von der Geburt bis zum Tod und nicht zuletzt durch sein geschichtliches Bewusstsein, das ihn immer wieder die Zukunft - manchmal in Form religiösen Messianismus, manchmal als utopische Judenstaat-Projekte - erdenken lässt, festzumachen ist.
Zwischen Utopia und Makom heisst der Abschnitt der Ausstellung, der die Suche nach dem idealen und dem sicheren Ort thematisiert. Unter anderem wird die wenig bekannte Geschichte von Birobidschan thematisiert. Das südostsibirische Gebiet Birobidschan wurde am 7. Mai 1934 zur «Jüdisch-Autonomen Region» innerhalb der Sowjetunion erklärt. Tatsächlich kam es in der Folge zu einem Aufschwung, und zwischen 1936 und 1938 lebten dort rund 20 000 Juden. Die Verfolgung politischer und kultureller jüdischer Institutionen und ihrer Mitglieder in einer zweiten sogenannten «Säuberungswelle» Ende 1948 brachte das Ende dieser für kurze Zeit realisierten Utopie.
Von jedem zweiten Raum der Ausstellung kann man eine Installation mit dem «Vogel, der die Wahl hat» von Avraham Ofek sehen. Die Ausstellungsmacher sehen die Wahl zwischen zwei oder mehreren Möglichkeiten als Grundbedingung für den Einzelnen, eine Zukunft selbst zu gestalten. Die Metapher des Vogels ist auch beim Prunkstück der Ausstellung im Erdgeschoss des Museums gegeben: dem Originalmosaik der Synagoge von Zippori (Sepphoris). Das 13,5 x 4,5 Meter grosse Bodenmosaik stammt aus dem 5. Jahrhundert und wurde von den Archäologen bei seiner Entdeckung 1993 mit «Versprechen und Erlösung» betitelt. Es ist erst- und zugleich letztmalig in Europa ausgestellt, denn nach seiner Rückführung wird das vollständig restaurierte Mosaik wieder am Fundort eingelassen. Das Mosaik, das zuvor im Israel-Museum in Jerusalem ausgestellt war, zeigt die Darstellung jüdischer Symbole wie der Menorah, der Tierkreiszeichen sowie figurale Darstellungen aus der Bibel wie die Opferung Isaaks oder den Besuch der drei Engel bei Abraham und Sarah.
Dem dreitausend Jahre alten hebräischen Kalender von Geser zu Beginn der Ausstellung setzten die Ausstellungsmacher am Ende des Ausstellungsrundgangs zwei für die Besucher zugängliche Computer, die einen Zugang zur jüdischen Religion im Internet anbieten, entgegen. Erstmals wurde ein Audio-Guide erstellt, der die Besucher auf Deutsch und auf Englisch durch die Ausstellung führt.

Eden - Zion - Utopia. Zur Geschichte der Zukunft im Judentum. Bis 20. Februar 2000, Jüdisches Museum der Stadt Wien. Öffnungszeiten: Sonntag bis Freitag 10-18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr. Zur Ausstellung ist ein gleichnamiger Katalog im Wiener Picus-Verlag erschienen. Informationen: Tel. 0043-1-535 04 31; Internet www.jmw.at





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