Zivilcourage - oft ein Fremdwort
Die Weltgeschichte hat oft eine tragische Wende genommen - nicht nur weil böse Menschen am Werk waren, vielleicht ebenso oft, weil es Menschen an Zivilcourage mangelte. Ich denke da beispielsweise an das Hitler-Regime und den zweiten Weltkrieg. So lange alles in Hitlers Sinn verlief, jubelten ihm die breiten Massen zu. Wer gegen ihn war, wagte es kaum, den Mund zu öffnen, geschweige denn etwas gegen das Regime zu unternehmen. Erst als sich das Kriegsglück gegen Nazi-Deutschland wendete, wurden in erwähnenswertem Masse Putsch-Pläne geschmiedet. So wurde denn Feldmarschall Rommel später als Held des Widerstandes gegen Hitler gefeiert - unter völliger Verfälschung der historischen Wahrheit: So lange Hitlers Armeen - z. T. von Rommel geführt - siegten, liess sich Rommel als grosser Feldherr feiern, und er genoss diesen Ruhm sichtlich. Dabei waren ihm und seinen Kollegen die Greueltaten der Nazis sehr wohl bekannt. Solche «Widerstandskämpfer» verdienen diese Bezeichnung einfach nicht - sie sind vielmehr reine Opportunisten. Wirklichen Mut und entsprechende Zivilcourage haben - in vielen Ländern, die von Diktatoren ins Unglück gestürzt wurden - oft die «unbekannten Helden» gezeigt, kleine, namenlose Leute, die Verfolgten halfen, ohne je damit rechnen zu dürfen, dafür belobigt zu werden.
In Alfred Bioleks «Boulevard Bio»-Sendung am deutschen Fernsehen erzählte kürzlich der bekannte deutsche Schauspieler Hardy Krüger, dass er als Jüngling (damals Zögling eines nazistischen Jugendhortes) bei Filmarbeiten in den Bannkreis des antinazistischen deutschen Schauspielers Hans Söhnker geriet, von ihm und seinem Gedankengut fasziniert war und den Mut hatte, als Kurier für die Übermittlung von Meldungen zu wirken, die dem um Söhnker und einen anderen deutschen Schauspieler errichteten Kreis half, Gruppen von versteckten deutschen Juden in die Schweiz zu schaffen. Krüger zeigte dabei schon als Jüngling Zivilcourage, indem er sich gegen seine (nazistischen) Eltern und den nazistischen Jugendhort und dessen Ideologie wandte.
Es gab weitere solcher Beispiele - Gustav Gründgens, Wilhelm Furtwängler (die beide Juden unter falschem Namen spielen liessen und sie somit retteten) und viele, viele Unbekannte, so beispielsweise all jenen Namenlosen, die - vor allem in Berlin - Juden Unterschlupf gewährten. Sie waren die wahren Helden. Ebenso wie der Schweizer Paul Grüninger, Polizeihauptmann und Kommandant der St. Galler Polizei, der österreichische Juden schwarz die Grenze überqueren liess, obwohl dies gegen den Bundesratsbefehl verstiess. Er wurde aus dem Amt gejagt, verlor Beruf und Würde, und es dauerte beschämende Jahrzehnte, bis er schliesslich moralisch rehabilitiert wurde. Auch in der Schweiz gab es viele namenlose Helfer, deren Zivilcourage nie bekannt und gewürdigt wurde.
Man gebe sich keinen Illusionen hin, dass die Zivilcourage in irgend einem Land grösser oder kleiner wäre als in einem anderen. Es sind die mangelnde mitmenschliche Achtung und vor allem die oft fehlende Toleranz, die die Menschen im Angesicht des Unrechts schweigen lassen, so lange ihnen selbst nichts geschieht.
Bundesrat Ogi wurde zwar im Dezember 1999 mit der höchsten Stimmenzahl aller BundesrätInnen vom Parlamen im Amt bestätigt -, aber er verkennt vollkommen, dass dies nicht eine Wahl für ihn, sondern eine Wahl gegen Blocher war. Ogis mangelnde Standhaftigkeit gegenüber Blocher ist als Sesselkleberei einzustufen. Hätte er wirklich Zivilcourage, wäre er in der Partei öffentlich gegen Blocher aufgestanden - selbst auf das Risiko einer Parteispaltung hin. Denn was er im Bundesrat vertritt, hat nichts mehr mit dem zu tun, was die Blocher-SVP anstrebt. Unter solchen Umständen tritt ein Politiker - sei er nun ein Bundesrat oder ein gewöhnliches Parteimitglied - aus der betr. Partei aus, denn er kann sich mit deren Ziele ja nicht mehr identifizieren. Herrn Ogi wären drei Möglichkeiten zur Verfügung gestanden: Austritt aus der Partei und Rücktritt als Bundesrat, Austritt aus der Partei und Verbleib als Parteiloser im Bundesrat, Austritt aus der Partei und Wechsel zu den Freisinnigen unter Beibehaltung des Bundesratsmandats. Dazu aber fehlte ihm die Zivilcourage. Kein politisches System, keine Religion, keine Ideologie hat die Menschen bisher besser zu machen verstanden. Der Mensch ist von Natur aus ein egoistisches Wesen, und er wird kaum einmal - seis im Elternhaus, seis in der Schule und den höheren Lehranstalten, seis im Militärdienst oder im Berufsleben - zur Zivilcourage erzogen. Gehorchen ist erstes Gebot. So bedarf es denn sehr charakterstarker Persönlichkeiten, um die Zivilcourage und den Mut aufzubringen, gegen den Strom zu schwimmen und ohne Rücksicht auf die eigene Sicherheit Unrecht anzuprangern. Solche Menschen werden wohl immer in der verschwindenden Minderheit bleiben. Bleibt nur zu hoffen, dass diese wenigen den Mut nicht verlieren und hier und dort, dann und wann wenigstens einen Funken Hoffnung aufleuchten lassen.
Der Autor ist Inhaber der Presseagentur Dukas.


