Zeichen mit Licht und Hoffnung
Doch worauf gründet der Erfolg ausgerechnet dieser einen Fotografie, bei der es sich möglicherweise bereits um eine Montage gehandelt hatte und von der weder ein Originalnegativ erhalten geblieben ist noch das genaue Entstehungsdatum bekannt ist? Am 10. Januar 1902 schrieb Theodor Herzl dem Fotografen Ephraim Moses Lilien (1874-1925): «Für das Rheinhintergrundbild herzlichen Dank, es wird mich stets an die angenehmen Minuten erinnern, die ich mit dem liebenswürdigsten Krakehler verbrachte. Auf Wiedersehen, liebster Meister Lilien [!]» So darf davon ausgegangen werden, dass das Bild anlässlich des 5. Kongresses vom 26.-30. Dezember 1901 entstanden ist. Doch da bekanntlich an verschiedenen Anlässen Bildfolgen auf dem Balkon angefertigt wurden, könnte die Aufnahme auch während des 6. Kongresses vom 23.-28. August 1903 entstanden sein. Zu dieser Zeit war jedoch der Neubau der Rheinbrücke bereits im Gang.
Theodor Herzl und der aus Galizien stammende Künstler Ephraim Moses Lilien waren Meister der Inszenierung. Seiner Zeit weit voraus, gestaltete Herzl seine Auftritte - den Möglichkeiten der Zeit entsprechend - als mediengerechte Ereignisse. Hohe Wellen schlug insbesondere seine Palästinareise des Jahres 1898. Um das dortige Treffen mit Kaiser Wilhelm zu dokumentieren, griffen die Zionisten gar zur Fotomontage. Auf dem ursprünglichen Original war zwar der Kaiser hoch zu Pferd, jedoch nur ein Bein von Herzl sowie sein Tropenhelm zu erkennen. Eine kleine Retusche rückte dann später Herzl ins «richtige Licht». Das sichere Gespür Herzls für das atmosphärisch Angemessene ist auch aus Basel belegt. Anlässlich des 1. Kongresses 1897 hatte er den Teilnehmern vorgeschrieben, sich im Frack im Casino einzufinden. Damit sollte die bürgerlich-festliche Bedeutung des Anlasses unterstrichen werden. Als Max Nordau «nur» im Gehrock erschien, forderte ihn Herzl auf, sich im Hotel umzuziehen. Die Fähigkeit Liliens, des «ersten Künstlers des Zionismus», andererseits bestand darin, traditionelle jüdische und biblische Themen mit modernen, insbesondere mit Jugendstilmotiven zu verknüpfen und künstlerische Anliegen zu popularisieren. Bekannt geworden als Buchillustrator lieferte er dem sich neu entwickelnden jüdischen Bewusstsein die Bilder. Er scheute sich nicht, zeitgenössische Techniken und Strömungen, die weit über die bildende Künste hinausreichten, für politische Zwecke dienstbar zu machen. Am 5. Zionistenkongress setzte er sich für eine stärkere Betonung der unterschiedlichen kulturellen Formen für die Fortentwicklung des Judentums ein und organisierte mit Martin Buber erstmals eine Kongressausstellung. Mit der gleichen Absicht trat er zusammen mit Buber und anderen Mitstreitern während des gleichen Kongresses als Mitbegründer der demokratischen Fraktion in Erscheinung. 1906 lehrte er während zweier Semester an der neu gegründeten Kunstgewerbeschule Bezalel in Jerusalem. Sehr früh bediente sich die zionistische Bewegung neueren und neuesten Distributionsformen wie Postkarten, Kreditmarken und Plakaten, die häufig von Bezalel gestaltet wurden. Damit steigerten die Zionisten die Privatisierung öffentlich-jüdischer Bildangebote und förderten das Einsickern politischer Botschaften in die persönliche Sphäre. Die billigen Reproduktionsmöglichkeiten ermöglichten nicht nur eine rasche Erweiterung des Bildangebots, sondern zugleich deren fortlaufende Erneuerung. Liliens Herzl-Fotografie erlangte in dieser Entwicklung eine herausragende Rolle. Dies lag vor allem an der Qualität von Liliens Arbeit, denn er verstand es, unterschiedliche Bildtraditionen zu vereinen und diverse Gruppen von Beobachtern anzusprechen.
Im Zentrum der Fotografie findet sich der in die Weite gerichtete, doch fixierte und zugleich visionäre Blick, der den jahrhundertealten Zionssehnsüchten ein realistisches Ziel zu geben scheint. Durch die Profilabbildung wird Herzl einem König ähnlich in Szene gesetzt. Diese Form der Bildpräsentation leitet sich aus antiken Medaillenporträts ab. In der Renaissance wieder aufgenommen, findet diese Darstellungsart in Form von Briefmarken und Banknoten bis heute Verwendung. Im Vergleich zur Herrscherikonographie der Jahrhudertwende lassen sich allerdings bemerkenswerte Unterschiede festmachen. Die ansonsten beigefügten Insignien der Macht fehlen aus leicht verständlichen Gründen ebenso wie das gewohnheitsmässige Tragen einer Uniform oder eines Staatsornates. Dafür vermittelt Herzl bürgerliche Seriosität, was einem «Bürgerkönig ohne Land», der dringend politischer Unterstützung bedürfte, angemessener erscheint. Auch die leicht gebeugte Haltung und insbesondere die gefalteten Hände sprechen eine völlig andere Sprache, als wir es aus vergleichbaren herrschaftlichen Repräsentationsmotiven der Jahrhundertwende kennen. Das Falten der Hände, im Abendland das Zeichen der Gebetsgebärde, bringt das Meditative, die Konzentration zum Ausdruck. Über das Nachdenken wird die Vision, konkreter die Idee in den Vordergrund gerückt. Um welche Idee es sich dabei handelt wird deutlicher bei der Hinzunahme eines um 1907 am Bezalel von Hans Deiters gestalteten Kompositbildes. Auf dieser Darstellung wurde der Hintergrund ausgetauscht. Basel, die Stadt, in der der Boden für die zionistische Bewegung gelegt wurde, wird durch Jerusalem ersetzt. Erstrahlt im Lichte der aufgehenden Sonne ist erhöht der Davidsturm zu erkennen. Dieses Emporgesetzte entspricht vollends der jüdischen Vorstellung von der Rückkehr ins Gelobte Land, denn der hebräische Ausdruck, der für die Einwanderung, «Alija», benutzt wird, bedeutet wörtlich übersetzt Erhöhung. Vor den Mauern Jerusalems stehen kräftige Landarbeiter, die unter der Sonne Palästinas das Land bebauen. Die Motivtriade aufgehende Sonne, Jerusalem, Landarbeiter korrespondiert mit einem weiteren sehr bekannten Bild Liliens, das er als offizielle Postkarte ebenfalls für den 5. Kongress in Basel zeichnete. Darauf ist ein Engel zu erkennen, der einem müden alten Juden den Weg ins Gelobte Land weist, wo in weiter Ferne und im Lichte der aufgehenden Sonne ein jüdischer Landarbeiter zu erkennen ist. Beobachter der ganzen Szene vor den Toren Jerusalems ist Theodor Herzl, der in «Basler Pose» von einem imaginären Balkon herab die Realisierung seiner Idee verfolgt. Durch ein zusätzliches Element wird der zionistische Pathos noch gesteigert. Bei der textuellen Kommentierung handelt es sich um den Psalm 137, er wie keine andere Stelle der Schriften für die Sehnsucht nach Zion steht. In der Übersetzung von Buber/Rosenzweig lautet der Vers: «Vergesse ich, Jerusalem, dein, meine Rechte vergesse den Griff!»
Doch nicht nur Nachahmer in der Folge von Lilien bedienten sich des berühmten Balkonmotivs, auch der Künstler selbst verwendete die Gestalt Herzls mehrfach innerhalb seines zeichnerischen Schaffens. Eines der bemerkenswertesten Beispiele findet sich in Morris Rosenfelds Lieder des Ghettos, das Lilien im Jahre 1902 illustrierte. Diese Arbeit sowie das ein Jahr zuvor fertig gestellte Buch Juda des Freiherrn Börries von Münchhausen gelten als Höhepunkte der Illustrationskunst und als Meilensteine einer «neujüdischen modernen Kunst». Doch anders als bei seinen künstlerischen Vorbildern, den Engländern Walter Crane, Aubrey Beardsley und William Morris, schwindet bei Lilien die filigrane, dekadente Ästhetik zugunsten einer kraftvollen Darstellung. Nicht ein von Jugendstilornamenten umranktes nahes Ende steht im Mittelpunkt seines Schaffens, sondern biblische und jüdische Themen mit hoffnungsvollen Perspektiven. Bei der Erschaffung des Menschen ist Gott auf die Unterstützung des geflügelten Senates angewiesen. Dieser besteht aus vier Engeln. Deren gestählte Körper sind den damaligen Vorstellungen vom «Muskeljudentum» nachempfunden, das selbstbewusst seinen Weg wählt. Diese Engelswesen stehen dem «neuen Menschen» zur Seite, und bei einem handelt es sich um den «Basler Herzl», dessen Erhabenheit dadurch gesteigert wird, dass er in der Hand die Harfe, das Symbol der harmonischen Verbindung zwischen Himmel und Erde, hält. Es waren vor allem antike Herrscher, die mit einer Harfe dargestellt wurden. In der jüdischen Überlieferung ist es David, der mit dem Saiteninstrument umzugehen weiss. Als späterer, unbesiegbarer Herrscher steht er im kollektiven Gedächtnis vor allem für die Vereinigung von Juda und Israel zu einem Königtum. Nur zu gerne reihten die Zionisten Herzl in diese Tradition ein. Mögen wir ob dieser verklärten Inszenierung schmunzeln, gilt es doch anzuerkennen, dass Lilien es mit seiner Herzl-Fotografie verstanden hat, unterschiedlichste Sehnsüchte in einem einzigen Bild zu bündeln, seine eigenen mit eingeschlossen.
Der Artikel ist eine der 21 Bildbetrachtungen des kürzlich erschienenen Buches «Bildergeschichten - Aus der Bildersammlung des Staatsarchivs Basel-Stadt 1899-1999». Hrsg. von Esther Baur und Walter Dettwiler im Schwabe-Verlag.


