Wochenrückblick
Abschluss. Bis Ende September 1999 sollten die Geschäfte des Humanitären Fonds für bedürftige Opfer von Holocaust/Schoa abgeschlossen sein, hofft Präsident Rolf Bloch. «Die Gelder sollten bis dann zugewiesen sein, aber noch nicht ausbezahlt.» Beispiel: In Israel beginnen die Zahlungen erst nächstes Jahr. Dem Vernehmen nach beginnen die Mitarbeitenden in Bern langsam neue Zukunftsperspektiven für sich zu suchen. Bloch sagt, er sei der einzige Fonds-Präsident, der dafür getadelt werde, dass er das Geld zu wenig rasch ausgebe. Er betonte auch stets, es sei bedeutend leichter gewesen, das Geld (von den Grossbanken, anderen Banken, einzelnen Industrie-Unternehmen und der Nationalbank) zusammenzubekommen, als es wieder auszugeben. Das ist allerdings nicht der Fehler Blochs oder seines Stabes, sondern eher der Umstände: Die jüdische Seite agierte oft umständlich, und die nichtjüdische Seite ist weniger gut organisiert, was die Auffindung der Berechtigten wie die Auszahlung ihrer Zuwendungen schwierig gestaltet.
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Deadline. Bis zum 22. Juli sollen sich fünf europäische Versicherer (darunter die Winterthur und die Zürich) mit ihren jüdischen Verhandlungspartnern einigen. Diese Deadline setzte die Kommission unter dem ehemaligen amerikanischen Aussenminister Eagleburger. Bis dahin sollen die Ansprüche von Policen-Inhabern aus der Holocaust-Zeit geregelt sein. Eagleburger stellte sich als Schiedsrichter zur Verfügung, falls es vor der Deadline Unstimmigkeiten geben sollte. Ein Knackpunkt ist der heutige Wert der Policen, ein anderer der, dass betagte Kläger vorzeitig einen Betrag erhalten sollen.
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Kunstraub. Die Rückerstattung von Kunstwerken, die von den Nazis bei jüdischen Sammlern und Händlern gestohlen oder als «entartet» diffamiert wurden, nimmt ganz diffuse Wege. Die «Sünderin» von Ernst Nolde wurde kürzlich bei Kornfeld in Bern für 3,1 Millionen Franken im Auftrag der Berliner Nationalgalerie ersteigert - das Museum hatte das Gemälde 1926 gleich nach seiner Entstehung von Nolde gekauft. 1937 wurde es von den Nazis für «entartet» erklärt und 1939 mit hymnischen Lobpreisungen im Katalog an der sattsam berüchtigten Auktion bei Fischer in Luzern von einem Schweizer Privatsammler ersteigert. Nach wechselvollem Schicksal ist «Die Sünderin» nun dorthin zurückgekehrt, wo die Sünder es beschlagnahmt hatten. Andere Bilder und Sammler haben weniger Glück. Wer sich für das Thema interessiert oder glaubt, einen Anspruch zu besitzen, kann sich via Internet informieren: www.wjc-artrecovery.org
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Neunte. Sir Simon Rattle, das 44jährige «Wunderkind» der Dirigenten, wurde kürzlich vom Obersten Gerichtshof der Musik, den Berliner Philharmonikern, zu ihrem neuen Chef gewählt. Lange bevor er sein neues Amt antritt, dirigiert Rattle am 7. Mai 2000, dem 55. Jahrestag der Befreiung des KZ Mauthausen, die Wiener Philharmoniker und Beethovens 9. Sinfonie auf dem Gelände des ehemaligen Steinbruchs, in dem Tausende Häftlinge ihr Leben verloren.
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Schliessfächer. Gerhart Riegner hat einmal mehr recht behalten. Er sagte stets, die wahre Geschichte der nachrichtenlosen Vermögen auf Schweizer Banken liege in den Schliessfächern, die teilweise längst aufgehoben wurden - sei es, dass die Bank den Tresorraum umbaute oder dass der Inhaber aus leicht ersichtlichen Gründen keine Gebühren mehr zahlen konnte. Die Banken verneinten zur Zeit der Publikation von Namenlisten stets, dass in Schliessfächern grosse Schätze gehoben würden. Nun gab der Schweizerische Bankenombudsmann bekannt, dass bis Ende 1998 von ihm und der für Fälle vor 1945 zuständigen Atag Ernst & Young 64 Fälle vor und nach 1945 (sein Büro kümmert sich nur mehr um Ansprüche von nach 1945) geklärt werden konnten, im Gesamtbetrag von 19 Millionen Franken. Dazu kamen fünf Schliessfächer. Vier davon enthielten Vermögenswerte von mehr als einer Million Franken.


