Wochenrückblick
Liste. Rätselraten herrscht rund um die Sitzung von Mitgliedern des Volcker-Komitees dieser Woche in Zürich, und so wird es wohl auch in der nächsten Woche bleiben, für die Elan Steinberg, Direktor des Jüdischen Weltkongresses, laut der Nachrichtenagentur Reuters eine Folge-Redaktionssitzung in New York angekündigt hat. Ein Streit ist jedenfalls um eine Liste entbrannt. Auf ihr sollten Namen publiziert werden, und zwar von allen Inhabern nachrichtenlos gebliebener und laut Bankkreisen zumeist geschlossener Konti aus der Nazizeit. Die Schweizer Seite soll sich gegen die Publikation wehren und führt das Bankgeheimnis ins Feld. Dieses Argument, erstaunt im höchsten Mass - wäre es stichhaltig, wären die ersten publizierten Listen von 1997 auch nicht rechtens gewesen. Man soll sich angeblich auf die Hälfte der Namen geeignet haben, was ein höchst merkwürdiger Kompromiss wäre. Die genannten Zahlen der Konti variieren, doch soll es mindestens 30 000 saldierte Konti geben. Saldiert von wem? Und wann? Die amerikanische Reuters-Korrespondentin meldete am Wochenende, 2000 Konti, saldiert oder unsaldiert. blieben offen, hätten Nazis gehört. Nun, der jüdischen Seite des Volcker-Komitees sind die Opfer-Vermögen aus naheliegenden Gründen am wichtigsten. Die Herren des Weltkongresses sind aus Zürich nach Deutschland weitergereist, um dort eine zu Recht verlangte höhere Abfindung für Zwangsarbeiter zu erstreiten. Eine zweite Aussage Steinbergs bestätigt, dass der Bankenvergleich vom August 1998 über 1,25 Milliarden Dollar keineswegs «in Gefahr» ist: Diese Summe sei ausreichend, sagte Steinberg, da keine Erben mehr vorhanden sein dürften, um die aufgefundenen «Milliarden» abzuholen. Was damit stattdessen geschehen soll, liess er allerdings offen. Komme es, wie es kommen mag - hoffentlich lässt sich Paul Volcker nicht von seinen löblichen Absichten nach einer vollständigen Aufklärung abbringen. Und dazu gehörten nach seiner Absicht auch Auskünfte über Mittelsmänner - und Tätervermögen. Im Lichte der gesamten Vergangenheitsdebatte wäre es wichtig genug zu wissen, wie es mit den trotz des Washingtoner Abkommens von den Schweizer Banken geretteten Tätervermögen stand und steht. Und wenn es nur aus moralischen Gründen wäre - die Guthaben polnischer Privatkunden wurden 1949 ohne mit der Wimper zu zucken auf Verlangen von den Banken via Bankiervereinigung postwendend dem Bund angemeldet. Um am Ende des Schoa-Jahrhunderts doch keine Kenntnis davon zu erhalten, ob es in der Schweiz tatsächlich Bankkunden erster und zweiter Klasse gegeben hat, wäre die gesamte Volcker-Übung viel zu teuer gewesen. Ausser Spesen nichts gewesen? Das darf nicht sein. Es stand mehrfach an dieser Stelle: Wenn daraus keine Lehren zu ziehen sind, dann hatte die gesamte Identitätskrise der letzten drei Jahre samt ihrer Aufarbeitung wenig Sinn.


