Wochenrückblick
Überlebende. Dass der rechtsaussen politisierende Zürcher SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer in seiner letzten Gazette «Schweizerzeit» die Historiker der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg als «Lausbuben» bezeichnete, die «eine gehörige Tracht Prügel» verdienten, sei hier nicht kommentiert. Die Kolumne spricht für sich selber und für die unsägliche zur Schau gestellte Ignoranz, die möglicherweise einfach eine Strategie darstellt. Nachgefragt sei allerdings, ob es zulässig ist, eine Kommission derart zu verunglimpfen, in der u.a. zwei international hochangesehene Historiker sitzen, die selber den Holocaust überlebten. Es handelt sich um die Professoren Saul Friedländer, der in einem französischen Kloster versteckt überlebte, während seine Eltern in einem Vernichtungslager ermordet wurden, weil sie an der Schweizer Grenze zurückgewiesen worden waren, und Wladyslaw Bartoszewski aus Warschau, der Auschwitz überlebte. Eine Antwort erübrigt sich allerdings auch hier.
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Von Sonabend zu Sonabend. Seine Klage gegen die Schweiz wurde vom Bundesgericht suspendiert, weil der in London lebende Charles Sonabend sich entscheiden musste, ob er Mitglied einer seriösen, von Michael Hausfeld vertretenen Sammelklage bleiben wolle oder nicht. Er hat sich für die Mitgliedschaft in der Sammelklage entschliessen müssen, doch seine Klage ist damit nicht vom Tisch. Sie wurde nun von seiner Schwester übernommen, die in Belgien lebt und niemals Mitglied einer Sammelklage war. Die Geschwister waren nur durch Zufall gerettet worden und überlebten, nachdem die Familie im Sommer 1942 von Schweizer Polizisten an die Grenze gefahren und den Deutschen übergeben worden war. Die Eltern wurden im Vernichtungslager ermordet.
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Die Gretchenfrage. Die NZZ publizierte ein handliches Heft über die neuen Parlamentsmitglieder. Eine grossartige Leistung, nur drei Tage nach den letzten Ständeratswahlen. Die Parlamentsdienste schaffen ihre eigene Mitgliederliste samt Sitzplan erst auf Anfang 2000. Das NZZ-Heft ist auf den ersten Blick absolut fehlerlos, frech illustriert und gut gegliedert. Bei keinem Parlamentsmitglied fehlen die Foto, die Adresse samt E-Mail, der Zivilstand, das persönliche Hobby und das politische Legislaturziel. Eigentlich wurde sogar des Guten zu viel getan: Auch die Gretchenfrage war den Abgeordneten nämlich gestellt worden, zu welcher Religion sie gehören. Interessant, wer darauf antwortete und wer nicht. Längst nicht alle «Bürgerlichen» meldeten ihr Bekenntnis, längst nicht alle «Links-Grünen» verweigerten die Auskunft. Eine Frage, die vielleicht besser unterblieben wäre, weil es nicht mehr korrekt ist, sie überhaupt zu stellen.


