Wochenrückblick
Angebot. Das Finanzdepartement hat Marc Richter, dem Zürcher Rechtsanwalt der Geschwister Charles und Sabine Sonabend, ein geradezu beleidigendes Angebot unterbreitet: Der Bund wolle die Anwaltskosten der 1942 ausgewiesenen und im Gegensatz zu den Eltern wie durch ein Wunder am Leben gebliebenen ehemaligen Flüchtlinge bezahlen, aber nicht im Sinne einer Genugtuung. Zur Erinnerung: Auch im ähnlich gelagerten Fall Joseph Spring bezeichnete das Bundesgericht am 21. Januar die dem Kläger zugesprochenen 100 000 Franken (in der Höhe der verlangten Genugtuung) nur als «Parteienentschädigung». Richter, der von seinen Klienten in all den Jahren des Verfahrens bisher keinen Rappen Honorar verlangt hat, ist nicht sicher, wie es weitergehen wird: Annahme des Angebots? Gang vor das Bundesgericht und/oder nach Strassburg? «Meine Klienten haben sich noch nicht entschieden», erklärt Richter.
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Attacke. Aus einer unerwarteten Ecke, wenn auch in der NZZ, wurde diese Woche der Flüchtlingsbericht der Historikerkommission attackiert. Vom Historiker Thomas Maissen, Mitarbeiter der NZZ, der bisher die Arbeit der Kommission durchaus objektiv und positiv bewertete, wurde am Montag ein in sich manchmal eher widersprüchlicher Text unter dem Titel «Weltkriegsgeschichte - worüber und für wen?» publiziert. Einerseits wird darin gesagt, dass die Einzelkämpfer-Redaktion eines solch monumentalen Unterfangens nicht mehr einem einzelnen Menschen zuzumuten ist wie seinerzeit noch Edgar Bonjour. Andererseits verlangt Maissen dennoch einen einzelnen Verfasser/Redaktor für den Schlussbericht der Kommission. Namentlich kritisiert er das Forschungskonzept, das sowohl die Recherchen als auch die Verfassung der Studien zu den einzelnen Themen den wissenschaftlichen Mitarbeitenden anvertraut. Direkt in die Schusslinie gerät dadurch der bisherige Forschungsleiter Jacques Picard, Mitglied der Kommission, mit dem Maissen allerdings nie Kontakt aufgenommen hatte. Doch Picard nimmt die Kritik sehr gelassen. Für ihn trugen und tragen die Emanzipation der Mitarbeitenden und die Bildung von Teams Früchte. In der Tat: Es entspricht nicht mehr der gängigen Forschung, hierarchisch von oben zu kontrollieren, sondern effizient im System der «checks and balances» in einem gegensetigen Prozess, der aus den Quellen kommt, zu arbeiten. Keine Olympier sollen mehr auswerten, was Dutzende von «Archivmäusen» (so nannte Kommissionspräsident Jean-François Bergier einst, wohlwollend gemeint, aber die Mitarbeitenden verärgernd, seine jungen Wissenschaftler) anonym zusammengetragen haben. Stattdessen wird das Paten-System mit Autorschaft der Recherchierenden verfolgt. Weiter schwenkte Maissen plötzlich in den Kritik-Mainstream ein und monierte die «fehlende internationale Einbettung». Allerdings ist er klug genug, nicht darauf zu beharren, weil er wohl genau weiss, wie schwierig bis unseriös ein internationaler Vergleich mangels homogener Grundlagen wäre. Andererseits übersieht er, dass der internationale Bezug in mehreren Kapiteln ausführlich hergestellt wird. Nicht stichhaltig erscheint Maissens Ansicht, der Bericht überbewerte das Thema Antisemitismus. Der NZZ-Historiker erklärt den Zeitpunkt und die Trendwende seiner ganzseitigen Philippika damit, dass er seine erste, positive Reaktion auf den Flüchtlingsbericht, der im Dezember veröffentlicht wurde, selber nochmals hinterfragen wollte. Leider stimmte er damit nun teilweise in die Vor- und Nachverurteilung der NZZ über den Flüchtlingsbericht ein, obwohl dies, wie er sagt, keineswegs seine Absicht oder gar sein Auftrag gewesen sei. Es fällt jedoch wieder ein, was «David», das Zentrum gegen Antisemitismus und Verleumdung, kürzlich anhand eines Leserbriefs der NZZ vorwarf - dass diese die ungefilterte Publikation stammtisch-antisemitischer Ansichten zulasse. Wenn Maissen von einem Malaise in der Kommission bzw. bei den wissenschaftlichen Mitarbeitenden spricht, hat er andererseits nicht unrecht, auch wenn seine Informationen wohl nur von Einzelnen stammen.


