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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Wochenrückblick

von Gisela Blau, October 9, 2008

Farbe. Normalerweise erscheinen die meist provokanten, immer witzigen Eigenwerbungs-Inserate des Tages-Anzeigers schwarz auf weiss. Am Montag jedoch spendierte sich der «Tagi» eine Zusatzfarbe - ein deutliches Braun. Dazu liess sich die Zürcher Werbeagentur Weber, Hodel, Schmid mit Bezug auf die jüngste Schweizer Antisemitismus-Umfrage (JR Nr. 11), laut welcher 16 Prozent der Befragten persönlichen Antisemitismus zugeben, den Text einfallen: «Jeder sechste Schweizer bekennt Farbe.» Darunter stand, wie üblich schwarz auf weiss, der einprägsame, immer gleiche «Tagi»-Werbespruch: «Wir bleiben dran.» Wir auch.

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Wüter. Norman Finkelstein, Professor für politische Theorie an der City University von New York («angefangen bei Plato bis zur Gegenwart»), gibt gerne Interviews. Bisher erschienen sie in der Berliner Zeitung und in der Schweiz in der Sonntagszeitung (sowie hier und jetzt in der JR). Die Publizität wird rasant zunehmen, sobald im Juli sein Buch über die «Holocoaust-Industrie» in England erscheint. Finkelstein, Sohn von Holocaust-Überlebenden, die mehrere Konzentrationslager durchmachen mussten, bevor sie nach den USA auswandern konnten, hat u.a. den Fall der Schweizer Banken «entdeckt». Früher schrieb er Bücher gegen Israel, nahm auch an Demonstrationen gegen Siedler in Jerusalem teil («warum soll Palästinenser-Land in Ostjerusalem für Siedlungen konfisziert werden, nur damit dort Juden aus Brooklyn wohnen können?» - ein Argument, bei dem er nicht überall auf Opposition gestossen ist). Doch nun hat er das Messer vornehmlich gegen die Claims Conference(CC) gewetzt, die ohnehin bei vielen Überlebenden keinen guten Ruf geniesst. Doch Finkelstein sagt, die CC habe von der Milliarde, die sie von Deutschland zu Handen der Überlebenden erhielt, einen guten Teil «zweckentfremdet», nämlich «für die Unterstützung jüdischer Gemeinden in der arabischen Welt». Das habe ihn ungemein erbost. Er wütet aber auch gegen Edgar Bronfman und Israel Singer vom Jüdischen Weltkongress, die er als «professionelle Verbrecher» bezeichnet. Auch den US-Unterstaatssekretär Stuart Eizenstat weist er diesem Club zu, denn wegen ihrer Bemühungen, jüdisches Eigentum in Osteuropa zurück zu verlangen und den dort wieder entstehenden Gemeinden zuzuschanzen, bezeichnet er sie als «Grabräuber»: «Sie haben meine Eltern nie gefragt, ob sie ihren Familienbesitz einfordern und anderen Leuten zuhalten dürfen.» Doch es kommt noch besser. Weil die jüdischen Organisationen aussagen, es gebe heute noch Hunderttausende von Schoa-Überlebenden, werden sie von Finkelstein «die grössten Holocaust-Leugner von allen» genannt: «Gäbe es heute noch so viele Überlebende, dann würde das in der letzten Konsequenz heissen, dass keine sechs Millionen Juden der Schoa zum Opfer fielen, und dagegen wehre ich mich.» Die Schweiz und ihre Banken, sagt Finkelstein, seien von den jüdischen Organisationen über den Tisch gezogen worden. Er werde das in einem Schweizer Kapitel in seinem Buch aufzeigen. Auch andere Länder werde er in Schutz nehmen, beispielsweise Deutschland, denn es gebe bedeutend weniger Zwangsarbeiter als von jüdischen Organisationen und Anwälten behauptet wird, und ohnehin seien nur 20% von ihnen Juden gewesen. Auf Nachfrage betont er, dass auch israelischen Banken und Behörden an die Kasse kommen werden, weil sie die nachrichtenlosen Vermögen und Grundstücke verschwiegen haben. Ein Trost für uns: Die Schweizer Juden und die Schweizer generell hätten sich gut benommen. Sagt Finkelstein.





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