«Wir sind an die Gesetze gebunden»
Israel wird nicht alle der rund 26 000 Falashmura, die heute in Lagern in der äthiopischen Hauptstadt Adis Abeba und in der Provinz Gondar auf die Immigrationspapiere des jüdischen Staates warten, aufgrund des Rückkehrergesetzes oder des Einreisegesetzes zwecks Familienzusammenführung nach Israel einwandern lassen. Das bestätigte am Dienstag der israelische Innenminister Natan Sharansky in Adis Abeba zum Abschluss eines dreitägigen Besuchs in diesem von einer schweren Hungersnot heimgesuchten Lande. Auch wenn es sich um ein «äusserst schwerwiegendes humanitäres Problem» handle, sei Israel, wie Sharansky ausführte, nicht in der Lage, das geltende Rückkehrergesetz zu ändern, denn das würde hunderttausenden von Menschen aus der ex-UdSSR, aber auch aus anderen Teilen der Welt Israels Türen und Tore öffnen. Es gehe nicht an, dass das Rückkehrergesetz zur gleichen Zeit, da in Israel Bestrebungen im Gange seien, es enger zu fassen, für Äthiopien grosszügiger ausgelegt würde. Sharansky unterstrich auch unmissverständlich, dass eine Luftbrücke im Stile von «Operation Shlomo», in deren Rahmen 1991 fast 14000 äthiopische Juden innert einem Tag nach Israel geflogen wurden, für die Falashmura nicht infrage käme. Um diese Menschen aus ihrer Ungewissheit zu befreien, erteilte Sharansky dem Personal seines Ministeriums in Äthiopien und Jerusalem die Anweisung, ihre Arbeit wesentlich zu beschleunigen. Damit reagierte er in erster Linie auf den Obersten Israelischen Gerichtshof, der das Innenministerium aufgefordert hat, die Verzögerungen bei der Abwicklung des Einwanderungsprozederes für die Falashmura zu erklären. Im letzten Jahr ist die Immigrationsquote aus Ähtiopien auf wenige dutzend Personen pro Monat geschrumpft. Dazu Sharansky: «Wir sind eine Einwanderernation, doch müssen wir uns auch innerhalb des Gesetzes bewegen und jene nach Israel bringen, welche die Kriterien des Rückkehrergesetzes erfüllen.» Viele der in Adis Abeba und Gondar ausharrenden Falashmura sind aus ihren Dörfern vertrieben worden, nachdem ihre Absicht, zum Judentum zurückzukehren, bekanntgeworden ist.
Bei den Falashmura handelt es sich um ehemals jüdische Menschen, die (bzw. deren Vorfahren) aus wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Gründen zum Christentum übergetreten sind. Jetzt, da die Falashmura die Massenemigration ihrer jüdischen Mitbürger nach Israel miterlebt haben, wollen sie sich selber auch dort niederlassen. Die meisten der Falashmura haben Familienangehörige verschiedener Grade in Israel, doch Sharansky lässt offenbar nur den ersten Verwandtschaftsgrad als Einwanderungskriterium gelten. Mit seiner Stellungsnahme erteilte Sharansky den Knessetabgeordneten Zevulun Orlev (National-religiöse Partei) und Yuri Stern (Nationale Union - Israel Beiteinu) eine unbefriedigende Antwort. Die beiden Parlamentarier waren vor dem Innenminister in Äthiopien gewesen und hatten nach ihrer Rückkehr gewarnt, Hunger und Krankheit könnten auch Menschen betreffen, die auf die Ausreise nach Israel warteten. In einem Brief an Sharansky schrieben die Abgeordneten, die potenziellen Olim würden unter «Unterernährung leiden, sind Seuchen ausgesetzt und leben unter Bedingungen, die für Israel eine Schande darstellen». Aufgrund der ihnen vorliegenden Informationen seien in den letzten Monaten rund 500 Menschen, vor allem Kinder und Säuglinge, in den Lagern von Adis Abeba gestorben (vgl. S. 3 und S. 14.).
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Wer hilft?
Diverse, meist US-Organisationen kümmern sich um die noch in Äthiopien lebenden Juden, bzw. Falashmura. So gewährt das «American Jewish Joint Distribution Committee» (Joint) beschränkte medizinische Pflege und stellt schwer unterernährten Kindern zusätzliche Lebensmittel zur Verfügung. Die Jewish Agency stellt jenen, deren Immigrationsgesuch angenommen worden ist, das Flugticket nach Israel (mit Ethiopian Airlines) zur Verfügung. Am aktivsten ist zur Zeit aber die «North American Conference on Ethiopian Jewry» (NACOEJ), die an 4700 Schulkinder fünfmal wöchentlich eine Mahlzeit austeilt, sie in anerkannten Schulen unterrichtet, und in Beschäftigungsprogrammen über 700 Familienober-häupter in Adis Abeba ein Einkommen verdienen lässt. Ferner erteilt diese nicht-gewinnorientierte Organisation Erwachsenen Unterricht im Lesen und Schreiben, und auf Wunsch israelischen Oberrabbinates wurde vor einigen Jahren ein religiöses Erziehungsprogramm gestartet. Hinzu kommt auf beschränkter Basis die Verteilung von Mehl. Diese Programme in Äthiopien geniessen keine direkte Unterstützung etablierter Spendenorganisationen des organisierten Judentums. In der Schweiz wird die Hilfe des «Student Struggle for Ethiopian Jewry» von Nomi Strauss koordiniert. Telefon: 01 - 201 97 46.


