«Wie werden wir unsere Angst und diese Regierung los?»
In seiner Einleitung betonte Muzicant seine eigene «Ratlosigkeit» gegenüber der neuen Regierung, mit der es laut Beschluss des Kultusvorstandes keine direkten Kontakte geben werde, und er zeigte sich «überrascht von der Schnelligkeit und Deutlichkeit der Stellungnahmen der 14 EU-Partnerstaaten». Ein Hoffnungsschimmer war auch für ihn die Grosskundgebung vom 19. Februar, bei rund eine Viertel Million Österreicher gegen die Regierung demonstrierten.
Die folgenden Stellungnahmen und Diskussionsbeiträge der IKG-Mitglieder spiegelten den gesamtösterreichischen Diskurs wider: zuerst der Rückblick auf 30 Jahre Regierungsbeteiligung der Sozialdemokratischen Partei, die viele jüdische Anliegen - trotz (oder wegen?) Kreisky - nicht berücksichtigte, schliesslich der Umgang mit der neuen Regierung unter der rechten Freiheitlichen Partei und konservativen Volkspartei. «Kann Haider wirklich machen, was er will?», lautete eine der besorgten Fragen, und eine 80-Jährige Überlebende, die in Wien geboren wurde, hier ihre Kindheit und Jugend verbracht hatte und erst vor zehn Jahren wieder zurückgekommen ist, sprach aus, was viele in den Hintergrund ihres Bewusstseins drängen: «Ich habe Angst».
Die neue Regierung (etwa 80% der Wortmeldungen) und die offenen Restitutionsfragen (rund 20% der Wortmeldungen) zählten denn auch zu den dringlichsten Anliegen der anwesenden Mitglieder. Es waren überproportional viele Schoa-Überlebende und Nachkommen von Überlebenden zur Diskussion erschienen, und die eigentliche Themensetzung über die - finanzielle - Zukunft der IKG (die Rundschau berichtete in Nummer 3) und die Frage der jüdischen Zuwanderung aus dem Osten blieb zur Gänze unberücksichtigt.
Die Besorgnis wollte auch im Verlauf des Abends nicht von den Gesichtern weichen, obwohl IKG-Präsident Muzicant und Oberrabbiner Eisenberg wiederholt betonten, dass eine aktuelle existenzielle Bedrohung - noch - nicht bestünde. Den Angaben Muzicants zufolge sind die antisemitischen Briefe und Telefonanrufe an die IKG auf ein geringeres Ausmass zurückgegangen - rund um den Wahltermin am 3. Oktober des Vorjahres war eine ganze Flut an wüsten antisemitischen Briefen und Anrufen bei der IKG registriert worden. Der ärztliche Leiter der IKG-Sozialabteilung ESRA, David Vyssoki, betonte, dass die Mitglieder sich ihrer Angst stellen und sich ihr nicht ausliefern sollen. Es gäbe entsprechende politische, medizinische und psychologische Unterstützung für alle Betroffenen, so Vyssoki, und er führte einen Fall von antisemitischem Mobbing an, der erst vor kurzem durch die Intervention der IKG geregelt worden war.
Der innerhalb der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde schwelende parteipolitische Konflikt wurde angedeutet, als etwa ein Mitglied den Ausschluss des FPÖ-Abgeordneten zum Europäischen Parlament, Peter Sichrovsky und des Fernsehmoderators Paul Lendvai verlangte, die zu den Unterstützern der Regierung zählen. Wiederholt wurde in Anspielung auf weitere - bei der Diskussion nicht anwesende - IKG-Mitglieder, die keine Berührungsängste der neuen Regierung gegenüber zeigten, die Einheit der Gemeinde eingefordert. Ein Diskussionsteilnehmer äusserte seine Sorge vor dem drohenden «Zerfall» der IKG. «Jetzt zusammenhalten», lautete das unwidersprochene Motto des Abends, der somit zu einem Lehrbeispiel des Umgangs einer Diaspora-Gemeinde mit einer potenziellen Bedrohung von aussen wurde. Die Mitgliedschaft in der Europäischen Union ist für viele die entscheidende Hoffnung. Präsidiumsmitglied Martin Engelberg meinte sogar, dass Österreich in zehn Jahren als Nationalstaat gar nicht mehr bestehen würde, sondern «dann gibt es nur noch Europa». Dieser grössere politische Rahmen machte in der Folge einem Diskussionsteilnehmer Sorge, ob dann FPÖ-Obmann Jörg Haider nicht auf europäischer Ebene aktiv werden könnte. Ein anderes IKG-Mitglied sah Haider bereits bald in Deutschland reüssieren. Wenn alles Hoffen und Kämpfen nichts nützen sollte, so schloss ein weitere Diskutant: «Es gibt einen Staat, auf den wir uns verlassen können: Israel.» (vgl. auch Editorial Seite 3)


