Wie viele Schweizer Antisemiten?
1978 hat die SRG zum ersten Mal zusammen mit KONSO AG eine Erhebung über Judenfeindschaft durchgeführt. Seither gab es mehrere solche Erhebungen (vgl. Tabelle). Der Anteil, der als Antisemiten gemessenen Bevölkerung, hat sich gemäss diesen Werten in besagten 20 Jahren nur unwesentlich verändert, selbst nicht 97/98, als die Diskussion um die nachrichtenlosen Vermögen heiss lief. Hat sich der Anteil der Judenfeinde seither plötzlich verdoppelt, wie dies die neueste Publikation der GfS vermuten liesse?
In der Einleitung definiert die GfS Antisemitismus als «Judenfeindschaft, und meint eine feindselige bis hasserfüllte... Einstellung und Haltung gegenüber den Juden». Eine ähnliche Definition von Judenfeindschaft war auch die Basis für die verschiedenen Studien der nebenstehenden Tabelle. Wenn jedoch die GfS aus ihren Daten kombiniert, Antisemiten seien Menschen, welche die Macht der Juden (1.) weltweit und (2.) in der Schweiz zu gross einschätzen und zudem (3.) «voll und ganz» oder «eher» der Meinung sind, die Juden nützen die Erinnerung an den Holocaust für ihren Vorteil aus, so hält sie sich damit nicht an ihre eigene Definition des Antisemitismus. Denn diese drei Kriterien bilden keine notwendige Begründung für Judenfeindschaft. Sie sind als Themen aktueller politischer Auseinandersetzungen ungeeignet, menschliche Grundhaltungen zu messen.
Es gibt allerdings in der Befragung der GfS durchaus Hinweise, welche direkter auf Judenfeindschaft oder Ausgrenzung schliessen lassen:
- 8% der Schweizer, welche einen Juden nicht gerne als Nachbarn sähen - Ausgrenzung
- 10% der Schweizer, welche die heutigen Juden verantwortlich machen für den Gottesmord - religiös motivierte Feindschaft.
- 9% der Schweizer, welche der Meinung zustimmen, die Juden nützen den Holocaust zu ihrem eigenen Vorteil «voll und ganz».
Menschen, welche mindestens zwei von diesen drei Kriterien zustimmen, müssen wohl als Antisemiten im Sinne der Definition der GfS ebenso wie unserer eigenen angesprochen werden - dies ergibt zwischen 7 und 9% Judenfeinde.
Damit jedoch liegen die Werte der Studie der GfS durchaus innerhalb der Zeitreihe der obigen Tabelle.
Wir erkennen demnach, dass seit den 70er Jahren bis heute der Anteil der Antisemiten sich mit unwesentlichen Schwankungen zwischen 7% und 9% bewegt. Dies ist nicht wenig, denn es trifft jeden zwölften erwachsenen Schweizer/Schweizerin.
Wenn leichthin 16% der Schweizer und Schweizerinnen zu vollen und weitere 60% zu teilweisen Antisemiten interpretiert werden, so ist eine solche Publikation eine Beleidigung für die Mehrheit der Schweizer, welche den Juden unvoreingenommen gegenüber treten, und zudem schafft es Ängste und Befürchtungen unter den Juden. Dass solches Gefahren und Risiken von Ausgrenzungen birgt, ist offensichtlich.
Die Schweizer und die Juden
Bei der Frage, welche Gruppen zu viel Macht auf unser Land ausüben, wurden 8 Kategorien vorgegeben - Journalisten/Journalistinnen, Kriminelle, Politiker/Politikerinnen, ausländische Geschäftsleute, Intellektuelle, Juden/Jüdinnen, Bauern/Bäuerinnen, Frauen - auffälligerweise jedoch nicht die USA, welche neben jüdischen Organisationen in den politischen Auseinandersetzungen um die Schweiz im 2. Weltkrieg eine wesentliche Rolle gespielt hat. In den SRG-Studien von 97 und 98 zeigt sich denn auch, dass die Macht der Amerikaner sehr viel stärker erlebt wurde als jene, der «ausländischen Juden». Daraus allerdings auf einen Antiamerikanismus der Schweizer zu schliessen, wäre absurd. Ebenso wenig jedoch kann geschlossen werden, dass jemand, der anno 97/98 den Eindruck erhielt, die Macht der Juden sei zu gross, und diesen Eindruck möglicherweise noch heute hat, ein Antisemit sei.
Es sei hier allerdings angemerkt, dass umgekehrt geschlossen werden darf, dass Antisemiten in aller Regel auch die Macht der Juden, sei es im eigenen Land oder weltweit, überschätzen - Feinde werden meist zu gross erlebt.
Für viele Resultate der GfS werden Merkmalsgruppen dargestellt, die besonders stark die teilweis erfragte Charakteristik repräsentieren - z.B. Männer, Deutschschweizer, eng mit ihrem Dorf Verbundene, etc. Mehrfach erscheint hier ein Hinweis auf die Anhängerschaft der SVP, vereinzelt auch zu anderen Parteien. Dies wirkt äusserst fragwürdig, da bei der vorliegenden Stichprobe jene, die angeben, SVP-Wähler zu sein, deutlich unter 100 Befragte sein dürften. Dann sind jedoch die meisten wiedergegebenen Besonderheiten dieser Gruppe statistisch nicht signifikant.Dabei sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die für die SVP dargestellten Abweichungen vom schweizerischen Durchschnitt in der Tendenz sehr wohl zutreffen mögen, d.h. dass in der SVP, welche bei den letzten Wahlen als Sammelbecken rechtsextremer Gruppierungen wirkte, eine Überproportion stark nationalistisch Gebundener, rassistischer und antisemitischer Personen vertreten ist. Die dargestellten Werte jedoch sind fragwürdig.
Eine wissenschaftliche Studie ?
Die Publikation der GfS-Studie im Internet betont ihre Wissenschaftlichkeit u.a. durch ein angefügtes Literaturverzeichnis, in dem allerdings die wesentlichsten Titel fehlen, nämlich, die oben erwähnten, von der SRG publizierten früheren Antisemitismus-Studien in der Schweiz. Auch die Einleitung weist umständlich auf verschiedene wissenschaftliche Ansätze hin. Die wesentlichen und grundsätzlichen Anforderungen an die Publikation einer solchen wissenschaftlichen Studie werden jedoch nicht eingelöst: Wie gross war die Ausgangsstichprobe, um 1200 Interviews zu erhalten? Wie viele Haushaltungen/Personen wurden nicht erreicht, verweigerten eine Antwort? Fanden die Interviews telefonisch oder face-to-face statt?Es handelt sich demnach um eine Auftragsbefragung für eine Interessensgruppe und nicht um eine Erhebung, die ausschliesslich wissenschaftlichen Erkenntnissen dient. Dabei unterstellen wir durchaus, dass diese zuverlässig nach den Regeln der Branche durchgeführt wurde - sonst hätten wir weiter oben nicht ernsthaft auf die Daten eingehen können.
Prof. Dr. rer.pol. Mathias Steinmann ist Delegierter für Medienforschung der «SRG SSR idée suisse» und Dozent für Medienwisseschaften an der Universität Bern.
Dr. Ralph Weill ist Marktforscher und Geschäftsführer der KONSO, Institut für Konsumenten- und Sozialanalysen AG, Basel, und befasst sich seit Jahren mit demoskopischen Fragen zur Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in der Schweiz und zum Antisemitismus.
*****
Kontrovers
«Was ist Antisemitismus» lautet die ausschlaggebende Frage in der Beurteilung der in den letzten Jahren verschiedentlich durchgeführten Antisemitismus-Studien. Nach der letzte Woche veröffentlichten Studie der Gesellschaft für praktische Sozialforschung (GfS; vgl. JR Nr. 11) publiziert die JR nebenstehenden Artikel als Diskussionsbeitrag. Dabei geht es der JR nicht um die Lancierung einer von der Sache abgewendeten polemischen Debatte, sondern um das Aufzeigen, der heiklen Festlegung und der verschiedenen Zugänge in der Beurteilung von Antisemitismus. Letztlich geht es um die Frage, wie viel Schweizer tatsächlich Juden feindlich bis misstrauisch gegenüber eingestellt sind. Auf die Gefahr hin, dass diese dialektische Auseinandersetzung von einschlägigen Kreisen missbraucht und instrumentalisiert werden kann, hält die JR an einer offenen Auseinandersetzung in der Schweizer Antisemitismus-Frage fest, in der die Sache und nicht allfällige politische Gegner der Massstab sind. Selbstdiskriminierung - also z.B. das Unterlassen einer solchen Fragestellung aus politischer Furcht - ist gegen solcherlei Manipulation kein Mittel.
Mit der nebenstehenden Position konfrontiert, meinte DAVID-Geschäftsführer Frank Lübke gegenüber der JR im Namen von SICAD, der Auftraggebrin der Studie bei der GfS: «Wir beobachten mit Interesse den Akademikerstreit, ob auf einen Schweizer Juden 50 oder nur 35 Antisemiten kommen.»
In der kommenden Woche wird Meinungsforscher und GfS-Geschäftsleiter Claude Longchamp Position beziehen.
Die Redaktion
*****
Zur Definition von Antisemitismus
Mit der Definition des Antisemitismus, wie sie in der Studie vorgetragen wird, kann man durchaus einverstanden sein. [Zitat GfS-Studie: Antisemitismus bedeutet «Judenfeindschaft» und meint eine feindselige bis hasserfüllte, auf Isolierung (Ghetto), Vertreibung oder gar Vernichtung hin orientierte Einstellung und Haltung gegenüber den Juden»]. Es stellt sich die Frage, ob man mit der Verbindung der drei Kriterien, wie sie vorgenommen wird (S.37), wirklich Antisemitismus in diesem Sinne festhalten kann. Antisemitismus ist nach dieser Definition eine grundsätzlich hasserfüllte Haltung, die sich nicht nur gegenüber einem Volk, sondern auch gegenüber einzelnen Personen äussert. Sie besteht aus einem Komplex negativer Vorurteile und Stereotypen, die mehr und vor allem weniger befragbar sind. Es ist klar, dass es äusserst schwierig ist, diese Vorurteile alle zu erfassen, ohne auf Widerstand zu stossen. Trotzdem dürfte es ausserordentlich wichtig sein, diese Vorurteile mit Indikatoren zu erfassen, die vor allem nicht allzusehr durch die gegenwärtigen Tagesaktualitäten usw. beeinflussbar sind. Im vorliegenden Fall ist nur der Einfluss der Jüdinnen und Juden international und in der Schweiz thematisiert sowie das Ausnutzen der Erinnerung an den Holocaust. D.h. es handelt sich ausschliesslich um Dimensionen, die im Zusammenhang mit den herrenlosen Vermögen von Bedeutung waren, sei es in der Diskussion und Polemik, aber auch in den Medien, oder bei den aggressiveren Vertretern von Interessensstandpunkten. Dies führte dann auch dazu, dass die Übereinstimmung mit einzelnen dieser Antisemitismus-Kriterien in der Bevölkerung ganz oder teilweise weit verbreitet ist (76%), weil offenbar - und das geht auch aus unseren Studien hervor - im Zusammenhang mit dieser Diskussion ein verbreitetes Unbehagen bestand, das keinesfalls mit Antisemitismus zu verwechseln ist. Es handelt sich hier auch um politische Stellungnahmen zu einem politischen Vorgang, die unabhängig vom Judentum erfolgen können, aber auch erfolgen dürfen. Insofern ist es durchaus möglich, dass im Extremfall Personen weniger differenziert aus dieser Kurzzeiterfahrung heraus mit allen drei genannten Punkten übereinstimmen können, ohne generell antisemitisch zu denken. Andererseits ist es ebenso wahrscheinlich, dass jemand, der gemäss der verwendeten Definition «wirklich» antisemitisch ist, mit diesen drei Kriterien Übereinstimmung zeigen wird. Mit anderen Worten: Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich im Rahmen der 16% auch alle «echten» Antisemiten finden, aber nicht nur.
Wesentlich besser dürfte wahrscheinlich die GfS-Nachbarschaftsfrage den Antisemitismus reflektieren, weil im Zusammenhang mit physischer Nähe, mit Alltagsauseinandersetzung die wesentlich breitere Palette an Vorurteilen, z.B. zu Aussehen, Geschäftstüchtigkeit, u.v.m. wahrscheinlich eher zum Ausdruck kommen. Interessant ist, dass der hier erhobene Anteil von ca. 8% weitgehend mit den Ergebnissen übereinstimmt, welche der Forschungsdienst in Zusammenarbeit mit der Konso AG Basel festgestellt hat.


