«Wer Synagogen schändet, würde auch töten»
Jüdische Rundschau: Wie beurteilen Sie die Lage in Europa in Bezug auf die jüngsten antisemitischen Tendenzen?
Abe Foxmann: Europa hat sich nie vollständig vom Antisemitismus befreien können. Der Unterschied zu den Vereinigten Staaten besteht diesbezüglich darin, dass hier der Antisemitismus nie zu politischer Bedeutung kam, es gab nie politischen Antisemitismus. In Europa gab es diesen eigentlich immer. Wann immer also ein politischer Konflikt entsteht, kommt Antisemitismus an die Oberfläche. Die Toleranz gegenüber politischer Unruhe oder politischem Extremismus ist in Europa grösser, und man hat sich damit nicht auseinander gesetzt. Jedesmal, wenn es einen Konflikt oder eine Krise gibt, kommt Antisemitismus ans Tageslicht. So ist dies eigentlich keine neue Tendenz, sondern es ist das gleiche wie immer und findet eine neue Entschuldigung für seine Existenz.
Jüdische Rundschau: Sehen Sie einen Unterschied in den Ausprägungen des Antisemitismus der letzten Zeit gegenüber früher?
Abe Foxmann: Ja, absolut. Gottseidank gab es bis jetzt keine Verluste an Menschenleben. In Europa resultiert politischer Rassismus normalerweise in Verlusten an Menschenleben. Das Gefahrenpotenzial dafür ist auch jetzt vorhanden. Wer Synagogen schändet, ist imstande, jemanden zu verbrennen.
Jüdische Rundschau: Auf was konzentriert sich die Anti Defamation League in Europa zurzeit? Sie haben ja vor kurzem ein neues Büro in Berlin eröffnet.
Abe Foxmann: Wir haben auch Büros in Wien und Moskau. In erster Linie kommunizieren wir mit den Botschaftern, verschaffen uns Gehör und verlangen handfeste Antworten. Anderseits drängen wir darauf, dass etwas für die Erziehung zur Toleranz getan wird, welche in einigen Ländern nicht existiert. Es gibt wenig Sensibilität für Toleranz und Respekt vor anderen.
Jüdische Rundschau: In Amerika wird die ADL landesweit von prominenten Leuten aus Politik, Wirtschaft und Kunst unterstützt. Wie verhält sich dies in Europa?
Abe Foxmann: Unsere Präsenz in Europa bewegt sich nicht im gleichen Rahmen wie hier. Wir liessen uns in Moskau nieder, weil die Leitung des Jüdischen Kongresses in Russland uns bat, unsere Erfahrung in der Bekämpfung des Antisemitismus zur Verfügung zu stellen. Wir gingen nach Wien, weil Botschafter Lauder, der sich für die Gründung von jüdischen Gemeinden in Österreich und einigen Oststaaten einsetzte, der Auffassung war, dass wir dort gebraucht werden. Aber dort gelten wir nicht gleich viel wie hier. In Amerika gibt es uns seit achtzig Jahren, und wir arbeiten auf einer viel breiteren Ebene als im Kampf gegen Antisemitismus. Wir werden von Juden und Nichtjuden unterstützt, und wir haben dreissig Büros in verschiedenen Bundesstaaten. Wir haben hierzulande eine viel tiefer verwurzelte Tradition als in Europa, wo wir lediglich unsere Erfahrung einbringen. Die europäischen Gemeinden wachen eifersüchtig über die Rolle, die sie spielen sollten, und über ihre Verantwortungen. So behaupten wir auch nicht, in Europa zu bewirken, was wir hier bewirken.
Jüdische Rundschau: In Amerika fanden diese Woche ja die Wahlen statt. War es für die ADL wichtig, wer der nächste Präsident wird?
Abe Foxmann: Ich denke, dass es für Amerika wichtig ist. Wir sind apolitisch ausgerichtet und nehmen keine Stellung für oder gegen Kandidaten ein. Wir engagieren uns in Sachfragen, und so hinterfragen wir zum Beispiel die Einstellung gegenüber Israel der beiden Kandidaten. Wir interessieren uns für ihre Standpunkte in Bezug auf die Trennung von Kirche und Staat, oder wir wollen wissen, wie sie sich zu Hass-Verbrechen und Rassismus stellen. In einigen Punkten vertreten beide die selbe Meinung, in anderen gibt es verschiedene Auffassungen, manchmal sind die Differenzen nur gering. Wir stellen die Fragen so, wie sie aufkommen. Als wir das Gefühl hatten, dass der demokratische wie auch der republikanische Kandidat die kritische Linie in Bezug auf Trennung von Kirche und Staat überschritten, kritisierten wir sie beide dafür.
Jüdische Rundschau: Vor zwei Jahren ehrten Sie Christoph Meili und übergaben ihm einen Check. Haben Sie noch Kontakt mit Christoph Meili?
Abe Foxmann: Nein, ich habe seither nichts mehr von ihm gehört.


