Wer ist Jude?
Nach der verheerenden Hungersnot von 1984 bahnt sich in Ostafrika erneut eine humanitäre Katastrophe an. Damals starben in Äthiopien über eine Million Menschen. Soweit ist es diesmal noch nicht, doch dem schleichenden Inferno fallen schon jetzt täglich dutzende Kinder zum Opfer, während die internationalen Hilfeleistungen nur schleppend voran kommen. Und abseits der bedrückenden Situation macht sich noch eine andere Geschichte breit: Die Diskussion über die Einwanderung von 26’000 Falashmura nach Israel. Im Zentrum dieser Kontroverse steht, wie schon so oft in den vergangenen 52 Jahren der staatlichen Unabhängigkeit Israels, die Debatte rund um die Frage «Wer ist Jude?». Israels Unabhängigkeitserklärung eröffnet jedem Juden die Einwanderung ins Heilige Land. Nach seinem Besuch im Krisengebiet Äthiopien entschied Einwanderungsminister Natan Sharansky, einst selbst russischer Refusnik, diese Woche, dass die Falashmura nicht automatisch ein Recht auf Einwanderung geltend machen können. Die Tragödie in der Tragödie. Denn unmittelbar vom Tod bedroht (vgl. Artikel Seite 1 und «Zur Lage» Seite 14) wendet Israel sich von seiner offenen, etwa gegenüber den Russen praktizierten Einwanderungspolitik ab und verweigert bedrohten Menschen den Einzug in den sicheren Hafen der Rettung. Die Ethik sagt immer Ja zur Hilfe, die Politik nicht, sie kann auch nicht immer. Dennoch ist das kategorische Nein gerade vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Katastrophe unverantwortbar, erinnert in anderem Zusammenhang an die Debatten um die Einwanderung von Juden aus Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, die marokkanische und jemenitische Alijah. Und dies wenige Tage vor Pessach, dem Fest der Freiheit und Befreiung.


