Wenn ich ein Rothschild wär...
Zum Verkauf angeboten waren «Gemälde, die von den Wänden eines der besten Museen der Welt abgehängt worden sind». Die erwähnten Wände befanden sich in den beiden von den Wiener Rothschilds bewohnten Palais an der Heugasse und an der Theresianumgasse, in denen Politiker, Philosophen, Künstler, Musiker und Rabbiner ein- und ausgingen. Für die Gäste war es wie ein Besuch im Versailler Schloss, oder in Fontainebleau, für Louis und Alphonse, Nachkommen von Albert und Nathaniel von Rothschild, war es einfach ihr Zuhause. Für Bettina Rothschild (verheiratete Looram), die heute in Österreich - im ehemaligen Rothschild-Jagdrevier - lebt und Haupterbin des österreichischen Rothschild-Vermächtnisses ist, stehen die Häuser für eine geborgene Kindheit, die abrupt durch den Holocaust abgebrochen wurde.
Erinnerungen der Rothschild-Erbin
Der JR erzählt Bettina Looram-Rothschild, eine sehr elegante, höchst kultivierte und sprachgewandte Dame, dass sie als Kind eigentlich nicht mit diesen nun auf den Markt gelangten Kunstschätzen in direktem Kontakt kam. «Können Sie sich vorstellen, wie diese Kostbarkeiten nach unseren Kinderpartys ausgesehen hätten?», fragt sie und lächelt mit einer Mischung von Wiener Charme und jüdischem Humor. Nur an das Mikroskop, das sie kurz vor der Versteigerung den Journalisten zeigte, könne sie sich erinnern. Die Nazis hätten viel, sehr viel einfach eingesteckt und sich damit davongemacht. Auf die Frage der JR, ob sie sich an jüdische Kostbarkeiten erinnere, wirkt Bettina Looram-Rothschild, deren Mutter auch von einer prominenten jüdischen Familie (Sebag-Montefiore) abstammt, etwas traurig. «Davon ist nichts geblieben, das haben die Nazis bestimmt gerade zu Anfang weggestohlen.» Bei der Auktion wurde allerdings eine sogenannte «Judenmünze» verkauft, die den judenfreundlichen Rudolf von Habsburg darstellt und aus dem 16. Jahrhundert stammt, der Zeit als sich das Prinzip der sogenannten «Hofjuden» entwickelte.Das finanzielle Glück der Rothschilds, das die Familie sich seit Anfang des 19. Jahrhunderts mit viel Mühe und klugen Investitionen gesichert hatte, währte nicht lange. Obwohl die Rothschilds in Österreich angesehen waren, von den Habsburgern respektiert und von Metternich um Ratschläge gebeten worden waren, bedeutete dies nicht, dass sie vom Holocaust verschont blieben. Entgegen dem Familienspruch «Es muss ja schwer sein, als Jude zu leben, wenn man kein Rothschild ist» wurde, wenige Stunden nach dem «Anschluss» 1939, die Rothschild-Sammlung kurzerhand von den Nazis beschlagnahmt. Hitler habe an den Werken besonderen Gefallen gefunden, sie jedoch damals bis auf weiteres in den österreichischen Salzgruben verstaut. «Das war ein Glück», erinnert sich Bettina Looram-Rothschild «da die Feuchtigkeit die Kunstwerke in bestem Zustand erhielt.» Alphonse und Clarice Rothschild konnten mit ihren Kindern Österreich verlassen, doch der Bruder, Baron Louis wurde in Gefangenschaft genommen. Später wurde auch er freigelassen - musste jedoch zugunsten seiner persönlichen Freiheit auf die gesamte Rothschild-Sammlung verzichten. Nach dem Krieg hätten die Rothschilds nach Wien zurückkehren können, wonach es ihnen jedoch verständlicherweise nicht zumute war, erzählt Bettina Looram. Das Palais Rothschild an der Wiener Theresianumgasse war nämlich während des Kriegs von der Gestapo als Hauptquartier und später von Eichmann als Büro benutzt worden. «Meine Erinnerungen spiegeln eine herrliche Kindheit - was dann mit den Gebäuden geschah war für uns alle sehr traurig.»
So liessen sich die Rothschilds nach dem Krieg zum Grossteil in Amerika nieder. Die Sammlung konnte aufgrund eines sogenannten Ausfuhrverbotsgesetzes das Land nicht verlassen. Um wenigstens ihre anderen Mobilien ins Ausland exportieren zu dürfen, mussten die Rothschilds ihre Kunstsammlung - die Transaktion wurde als «Kuhhandel» betitelt - Österreich «vermachen». So blieben die Schätze bis zum Zeitpunkt, als die österreichische Regierung sich auf das Rückgabegesetz einigte, in Österreich und wurden bis in die jüngste Zeit als erzwungene «Widmung» in den dortigen Museen ausgestellt. «Oft ging ich in die Museen, nur um einen Blick auf unsere Gegenstände werfen zu können; dass ich sie zurückerhalten würde, war bloss ein Traum», sagt Bettina Looran-Rothschild. Es ist denn auch ihr, der heutigen Haupterbin, Tochter von Alphonse und Clarice Rothschild, zu verdanken, dass sich Österreich nach so vielen Jahren zu einer Durchforstung seines Museumsbestands auf jüdische Kunstschätze hin bequemte. Innerhalb von wenigen Monaten gelang es dieser äusserst entschlossenen Dame, das schwerfällige bürokratische System in Österreich aufzubrechen und wenigstens einen Teil des ehemaligen Rothschild-Schatzes zurückzubekommen.
Zuviel zum Putzen
Wir wollten wissen, weshalb Bettina Looram sich zum Verkauf entschlossen hatte. «Die Rothschilds in Österreich», sagte die Erbin «verfügen nicht mehr über dieselben Räumlichkeiten wie früher. Ausserdem», fügte sie mit praktischer Logik hinzu, «können Sie sich den Putzaufwand vorstellen? Ihr Vater habe die Möbel täglich polieren lassen, auch habe er jeden Tag einen Uhrmacher zu sich gebeten, der die kostbaren Uhren jeweils aufzog. (Der Verkauf dieser Uhren erreichte Spitzenpreise.) Dies könne sie sich heute, da sie im Pensionsalter sei, einfach nicht vorstellen, geschweige denn die Versicherungen bezahlen. Was geschieht mit dem Erlös? «Nach guter Rothschild-Tradition», versichert sie uns, «wird bestimmt ein Teil für gute Zwecke abgezweigt.»
Es war ein warmer Juliabend in London. Ort: Christie’s Auktionshaus. Gäste und Journalisten waren aus allen Ecken der Welt angereist. Es galt, einen der wertvollen Rothschild-Schätze zu ergattern - um (fast) jeden Preis. Wie es so schön im jüdischen Volksmund heisst, war es wie «bei den Rothschilds in der Shtib». Links die signierte Louis-XV-Kommode, rechts frühe Musikinstrumente, schräg gegenüber hängen die Frans-Hals-Porträts, und ein bisschen weiter entlang eine Louis-XVI-Standuhr; und wieder ein bisschen weiter, prominent ausgestellt, das berühmte Rothschild-Stundenbuch, eines der schönsten illuminierten Manuskripte der Renaissance. Frau Looram-Rothschild meinte zur JR, dass sie sich reiflich vor der Auktion hatte überlegen müssen, ob sie den Namen Rothschild als Provenienz in der Anschrift des Gebetbuchs setzen würde, handle es sich ja nicht um einen jüdischen Text. «Doch was soll’s», fügte sie hinzu, «es gehörte uns.» Wenig später erzielte der Verkauf dieses Buches 8,5 Mio. Pfund. Kostbare astronomisch-mathematische Instrumente und Meissenporzellan rundeten diese einmalige Kollektion ab. Die Christie’s-Experten beschrieben die Stücke ausschliesslich mit Superlativen. Zum letzten Mal konnten diese Kunstschätze in ihrer Gesamtheit bestaunt werden. In wenigen Stunden waren sie an neue Besitzer übergegangen. Der Wunsch der Rothschild-Erbin, dass so viele Stücke wie möglich von Museen gekauft würden, ging nicht in Erfüllung. Diese haben nämlich, meinte Bettina Rothschild - auch sie in Hochfinanzen versiert - «nicht genügend Geld». Die Kunstwerke erzielten insgesamt einen Preis von 58 Mio. Pfund. Zum dritten... Der Hammerschlag kündet unwiderruflich das Ende einer Ära an, das Ende der österreichischen Rothschild-Sammlung und der Anfang eines neuen Bewusstseins in Österreichs Aufarbeitung seiner Geschichte.


