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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Wenn Hynkel und Herring die Wahrheit sagen…

von ellen presser, October 9, 2008
Die Welt als Spielball eines wahnsinnigen Diktators: Die Szene, in der Diktator Hynkel alias Charlie Chaplin nach einer selbstvergessenen Tanzeinlage mit einem überdimensionalen federleichten Globus ein geplatzter Luftballon bleibt, gehört zu den markantesten Szenen der Filmgeschichte. Der erste Tonfilm von Charlie Chaplin, «Der grosse Diktator», wurde nach seiner Premiere 1940 ein Kassenerfolg. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs räumte das Filmgenie allerdings ein: «Hätte ich etwas von den Schrecken in den deutschen Konzentrationslagern gewusst, ich hätte den ‹Grossen Diktator› nicht zustande bringen, hätte mich über den mörderischen Wahnsinn der Nazis nicht lustig machen können.» Rückblick auf die Entstehung eines Jahrhundertfilms.
Das Spiel mit der Macht: Charlie Chaplin erzählte die Wahrheit bereits im Jahre 1939 - in seiner eigenen Sprache. - Foto Archiv baz

Auf die Idee, Hitler satirisch aufs Korn zu nehmen, war Charlie Chaplin schon 1937 gestossen. Alexander Korda hatte eine «Story um eine Personenverwechslung» angeregt, «da Hitler denselben Schnurrbart habe wie der Tramp». Chaplin erwähnt in seiner Autobiographie «Die Geschichte meines Lebens», dass er zwei Jahre für das Drehbuch brauchte. Die Produktion startete am 1. Januar 1939. Die Dreharbeiten begannen am 9. September 1939, acht Tage nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Chaplin bereits eine halbe Million Dollar in das aktuelle Filmprojekt investiert. Er dachte nicht daran aufzuhören, auch nicht, als - «Der grosse Diktator» bereits halbfertig - sich Schwierigkeiten mit der Zensurbehörde andeuteten. Chaplin «war entschlossen weiterzumachen, denn über Hitler sollte gelacht werden». Das Studium der Hitler-Auftritte verleitete Chaplin zu flapsigen Bemerkungen wie: «Der Knabe ist ein grosser Schauspieler. Der grösste Schauspieler von uns allen.» Nach Kriegsende wurde ihm klar - ebenso wie Ernst Lubitsch mit seiner Komödie «Sein oder Nichtsein» (1942) -, dass der Grössenwahn Hitlers und die Menschenverachtung der Nazis den Horizont ihrer Vorstellungskraft weit überschritten hatten.
Und doch ist bemerkenswert, was für einen Cocktail Chaplin am Vorabend des Zweiten Weltkrieges in seiner Geschichte vom grossen Diktator zusammenbraute. In einer Doppelrolle verkörperte er den Diktator von Tomania, Hynkel, eine Karikatur Hitlers, und einen namenlosen jüdischen Friseur, der amnesiegeschädigt aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt ist und die dramatischen politischen Veränderungen zunächst völlig verkennt. Die «Hynkel-Partei» hat unter dem Zeichen des Doppelkreuzes Freiheit und Demokratie abgeschafft, im Originalton: «Demokratie schtonk!» Sekundiert von Feldmarschall Herring und Dr. Garbitsch, unschwer als Göring und Goebbels erkennbar, lässt Hynkel sich mit Paraden feiern, zwingt Juden in Ghettos und Gegner in Lager (die mit dem realen Elend freilich herzlich wenig gemeinsam haben), arrangiert sich mit Benzino Napaloni von Bacteria, alias Mussolini, um den Einmarsch in Osterlitsch vorzubereiten. Kurz vor der geplanten Invasion wird Hynkel während eines Jagdausfluges mit dem aus dem Lager geflohenen Friseur verwechselt und inhaftiert. Der in Offizierskluft getarnte Friseur dagegen zu einem Appell vor «seine» invasionsbereiten Truppen geführt. Statt des üblichen mikrofonekrümmenden Gekreisches geht nun ein Appell an alle Völker über den Äther für Frieden, Brüderlichkeit und Demokratie. «I should like to help everyone if possible: Jew, gentile, black, men, white. We all want to help one another. Human beings are like that. We want to live by each others’ happiness, not by each other’s misery», heisst es im Original der rund fünfminütigen Ansprache, mit der Chaplin seine Hitler-Satire beendet.
Wie die Geschichte für den jüdischen Friseur und seine nach Osterlitsch geflohene Freundin Hanna, gespielt von der damaligen Chaplin-Ehefrau Paulette Goddard, weitergegangen sein dürfte, ist inzwischen klar.

Der Hauptvorwurf der Verharmlosung trifft Chaplin - und das ist das Paradoxe - berechtigt und unberechtigt zugleich. Natürlich arbeitete Chaplin, Produzent, Regisseur, Drehbuchautor, Komponist und Hauptdarsteller in Personalunion, mit Sentimentalitäten und einem moralischen Impetus. Bemerkenswert ist jedenfalls, dass er den Missbrauch der Juden als Unterpfand Hitlerschen Taktierens, ihre finanzielle Ausbeutung und physische Ausgrenzung thematisierte. Alles auch ein Hinweis darauf, was man Ende der 30er Jahre schon wissen konnte. Chaplin entgingen weder die Aufrüstungsanstrengungen (karikiert in Herrings Suche nach schusssicheren Stoffen und todsicheren Fallschirmen) noch das Geläster über Hitlers Mundgeruch, noch die Rivalitäten unter den Hofschranzen. Auch der Bessermenschendünkel des tomanischen Offiziers und Hynkel-Gegners Kommandant Schultz, der dem jüdischen Friseur und Exgefreiten das Überleben im Ersten Weltkrieg verdankt, kommt zur Sprache: «Komisch, ich hatte Sie damals für einen Arier gehalten.» Heute mag «Der grosse Diktator» - sicher einer der hundert bekanntesten Filme des 20. Jahrhunderts - verstaubt erscheinen, jedenfalls was die Konsequenz der nationalsozialistischen Ideologie betrifft. Als Parodie der Persönlichkeit Hitlers erweist er sich erstaunlich einprägsam. Nicht umsonst hatte Chaplin seinerzeit alle verfügbaren «Wochenschau»-Berichte eingehend studiert. Dass der Spielfilm mit seinen komischen Überzeichnungen und idyllischen Momentaufnahmen vom Ghettoalltag von den Realitäten weit in den Schatten gestellt wurde, hat bei den Premieren am 15. Oktober 1940 in New York und am 16. Dezember 1940 in London niemand wissen können. Die Presse war sich trotzdem uneinig. Die einen bezeichneten ihn als wichtigsten zeitgenössischen Film, die anderen warfen Chaplin Kriegshetze vor. In Chicago kam er wegen des hohen Anteils deutschstämmiger Einwohner erst gar nicht in die Kinos. In Deutschland war das 126 Minuten lange Werk erst 1958 zu sehen. Da wusste man längst, dass mit einem Appell zu einem friedlichen Miteinander nach dem Motto «Seid nett zueinander» den Nazis nicht beizukommen gewesen war.


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