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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Wenn die Erinnerung kommt

von Katarina Holländer, October 9, 2008
In der Slowakei sollte der Schriftsteller L’udo Ondrejov auf Vorschlag namhafter Institutionen zum 100. Geburtstag mit einer Gedenkmünze geehrt werden. Dass er während des Zweiten Weltkriegs auf rücksichtslose Art eine renommierte Buchhandlung arisierte und mehrere Menschen wörtlich in den Tod schickte, wollte man dabei vergessen haben. Das ist aber nicht mehr gelungen.
Die Steinersche Buchhandlung in der Venturgasse. - Foto PD

Hoch über der slowakischen Hauptstadt steht der Slavín, ein Denkmal für die sowjetischen Helden, die gefallenen natürlich. An die 7000 «Helden» der Roten Armee, die die Slowakei 1945 befreit hat, sind hier begraben. Ein monumentaler Ort der Erinnerung sollte es sein, gebaut in einer Zeit, als diese «Freiheit» längst nur noch ein höhnischer Name für erneute Unfreiheit geworden war. Helden, gegossen in Bronze, sind nach den symmetrischen Ordnungswünschen totalistischer Architektur um den zentralen Obelisken angeordnet, der einen tempelartigen Bau als Sockel benützt. Aber die Erinnerung ist nicht so stählern und geradlinig und siegesgewiss, wie die Anlage suggeriert. Die Geschichte, die Geschichten verlaufen anders.
Auch Selma Steiner erinnert sich. Sie erinnert sich an eben diesen Flecken Erde mit Aussicht auf Pressburg. Hier stand im Garten der Familie Steiner der «Kraxelbaum», in dem sie als Kind herumkraxelte. Später konnte jüdisches Eigentum, als ob das natürlich wäre, gemäss dem «Judenkodex» zu «Staatseigentum» werden - und als solches wurde der Steinersche Garten aufgeteilt und hörte auf zu existieren. Frau Steiner ist fünfundsiebzig Jahre alt und sie steht täglich im Antiquariat «Steiner» in Bratislava. Wer weiss, ob sie nicht manchmal an einen Rückzug in ein ruhigeres Rentnerleben denkt. Wahrscheinlich nicht. Denn die Antiquarin kann erst seit 1991 im Geschäftslokal ihrer Familie Bücher verkaufen. Lange Jahre wurden hier Lenin- und Stalinbüsten angeboten sowie Fähnchen für den 1.-Mai-Umzug: Propagandamaterial für jene Unfreiheit, die auf dem Grundstück ihres Gartens als von Helden erkämpfte «Freiheit» gefeiert werden sollte.

«Als armes Bocherl»

Die Buchhandlung wurde von ihrer Urgrossmutter 1847, noch bevor die ungarischen Juden 1867 (als letzte in Mittel- und Westeuropa) die rechtliche Gleichstellung mit Nichtjuden erhielten, gegründet. Pressburg war damals ungarisch, gesprochen wurde aber meistens deutsch. Der später erblindete Sigmund Steiner (1821-1907) kam «als armes Bocherl», das Rabbiner werden wollte, aus dem mährischen Kojetein nach Pressburg und heiratete 1848 die Witwe Josephine König-Bendiner, die kurz zuvor eine kleine Leihbibliothek mit Antiquariat gegründet hatte. Fortan trug das Geschäft den Namen Steiner und entwickelte sich zu einem Inbegriff des alten Pressburg, in dem Deutsche, Juden und Slowaken zusammenlebten und das mehr als zweihundert Jahre lang ein geistiges Zentrum der jüdischen Orthodoxie war. Sigmund Steiner wurde Lehrer an einer jüdischen Schule, die sowohl religiöses als auch weltliches Wissen vermittelte - ein Dorn im Auge des Oberrabiners Moses Schreiber (Chatam Sofer), des Begründers der weltberühmten «Pressburger Schule», die noch heute tausende von Anhängern in der ganzen Welt hat.
Es waren die Jahrzehnte, in denen die jüdische Bevölkerung sich hier rasch von einer ärmlichen Minderheit zu einem tragenden Teil des Bürgertums entwickelte. Die Juden durften sich nun in der ganzen Stadt niederlassen, und so konnte auch das Geschäft aus der Judengasse verlegt werden. Sohn Hermann (1848-1926), der die Buchhandlung zu einer Buch- und Musikalienhandlung erweiterte, verlegte es 1880 an die Venturgasse, wo das Antiquariat auch heute wieder zu finden ist, an bester Lage in der Altstadt von Bratislava. Die Steiners blieben trotz ihrer Akkulturation an die Lebenswelt des Bürgertums weitgehend orthodox.
Hermann heiratete Selma Goldberger. Sie hatten zehn Kinder. Nebst dem Haus in der Venturgasse wurde für die wachsende Familie ein Miethaus erworben (wo der älteste Sohn Wilhelm eine Filiale der Buchhandlung leitete) sowie einem Sommerhaus mit dem besagten Garten in den Hügeln bei Bratislava. Wie sein Vater trat auch Wilhelm einem zionistischen Verein bei, und auch sein Sohn Siegfried sollte nach dem Ersten Weltkrieg ein führendes Mitglied von Misrachi werden. Hermanns Söhne Max und Józsi übernahmen die Buchhandlung an der Venturgasse.

Kampf um den Familienbesitz nach dem Krieg

Siegfried Steiner (1883-1942) wurde Rechtsanwalt und heiratete Serene Sauber aus orthodoxer Familie. Sie hatten drei Kinder, die bereits unter tschechoslowakischen Bedingungen aufwuchsen. Die Sprache der Familie blieb Deutsch. Ihrem ältesten Sohn, Jakob Theodor, gaben sie den zweiten Namen nach Theodor Herzl. 1925 kam Selma Jiska zur Welt und 1929 Hermann Zwi. Oft musizierte Siegfried zu Hause mit seinen Brüdern Max und Gustav, und dass Béla Bartók ein Freund von Max war, daran erinnert sich Selma Steiner heute noch gerne. Diese Musikabende vor geladenem Publikum mussten jedoch bald aufhören: 1939 wurde die Slowakei «unabhängig» und begab sich in den «Schutz» des Deutschen Reichs. Einen Monat später wurden einschneidende antisemitische Verordnungen in Kraft gesetzt.
Nach dem 1940 erlassenen «Arisierungsgesetz» wurde auch die Steinersche Buchhandlung «arisiert». Der berühmte Schriftsteller L’udo Mistrík-Ondrejov war hier der Nutzniesser. Die ehemaligen Besitzer wurden nicht nur zu seinen Angestellten degradiert, ihr Leben lag wörtlich in seinen Händen. Und diese Hände schrieben folgende Erklärung: «Ich erkläre, dass ich in meiner Buchhandlung in Pressburg in der Venturgasse 22 folgende Juden nicht brauche: Max Steiner, Josef Steiner, (...) Sigmund Steiner und Wilhelm Steiner. Durch deren Festnahme und Abtransport erleidet das Geschäft und der slowakische Staat keine wirtschaftliche Einbusse (...).» Das wurde 1942 geschrieben, als bereits Deportationen aus der Slowakei durchgeführt wurden. - Als einziger der zehn Geschwister überlebte Wilhelm Steiner den Krieg.
Er bemühte sich nach dem Krieg, den Familienbesitz zurückzuerlangen. Es kam zu Komplikationen. Dazu gehörte, dass er vor dem Krieg - wie viele deutschsprachige Juden - seine «Nationalität» mit «deutsch» angegeben hatte und nun als «Deutscher» Schwierigkeiten bekam; ausserdem hatte sich Ondrejov rechtzeitig zum Kommunisten bekehrt und hatte für nützliche Kontakte gesorgt. 1948 wurde der Steinersche Besitz verstaatlicht. Im selben Jahr starb Wilhelm Steiner. Ausser Selma und ihrer Cousine Lydia blieb niemand mehr in Bratislava. Wer von ihrer Generation überlebt hatte, wanderte aus. Einer ihrer Cousins, der Komponist Jehoschua Lakner, lebt heute in Zürich.
Der alte Kern von Bratislava ist in den letzten Jahren weitgehend renoviert und belebt worden. In der Venturgasse werden auch heute nicht nur slowakische, sondern auch fremdsprachige Bücher angeboten. Für viele, die sich noch an das alte Pressburg vor dem Krieg erinnern, verkörpert das Antiquariat «Steiner» einen winzigen Überbleibsel einer verlorenen Welt und somit eine gewaltsam zerrissene Kontinuität. Aber auch nach dem Kommunismus konnte das Familienerbe nicht restituiert werden. Selma Steiner ist heute zusammen mit Dagmar LoÞeková Besitzerin des Antiquariats Steiner GmbH.
Zum 100. Geburtstag sollte nächstes Jahr der populäre Schriftsteller L’udo Ondrejov (1901-1962) mit einer Gedenkmünze geehrt werden, wie sie die Slowakische Nationalbank (SNB) seit 1993 jährlich herausgibt. Von sechs Institutionen - darunter das slowakische Kulturministerium unter Milan KnaÞko, das Schulministerium und die Akademie der Wissenschaften - wurde Ondrejov, dessen Bücher seit Jahrzehnten zur Schullektüre gehören, vorgeschlagen. 1996/7 ist die Geschichte der Familie Steiner und ihrer Buchhandlung vom Basler Martin Traník rekonstruiert worden (Martin Traník: Zwischen Alt- und Neuland. Die Geschichte der Buchhändlerfamilie Steiner in Pressburg, Bratislava 1996). Das Buch ist deutsch und slowakisch publiziert worden. Doch dass ein populärer Autor auch ein eifriger «Arisator» war, schien zunächst niemanden zu beunruhigen. Bis die slowakische Tageszeitung «Sme» die Vergangenheit dieses «Kinderhelden» ganzer Generationen in Erinnerung brachte und die Entscheidung anprangerte.

«Wissenschaft des Vergessens»

Es drohte ein Skandal. Der Kulturminister behauptete, sein Ministerium habe diese Tatsachen nicht gekannt. Das Museum der Mittelslowakei hingegen stand zu seiner Empfehlung: «Wir wussten um seinen historischen Fehler», gab Direktor Milan Soka zu, aber Ondrejov sei einer aus ihrer Gegend gewesen, und er finde: «wie er sich zu den Juden verhalten hat, lässt nicht auf seinen Charakter schliessen». - Die SNB hat sich seiner Meinung nicht angeschlossen und am 30. August beschlossen, die Münze für den Schriftsteller L’udo Mistrík-Ondrejov doch nicht herauszugeben. - Ob es wohl stimmt, dass «die Wissenschaft des Vergessens, die Methode, die Ereignisse zu den Akten zu legen und zu archivieren, in Mitteleuropa unbekannt ist», wie Claudio Magris meinte?





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