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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Weit weg von der Wahrheit

von Ellen Presser, October 9, 2008

Seit Jahren recherchiert der strebsame Junganwalt Peter Rohm (Kai Wiesinger) für eine Mengele-Biografie. Das ist auch einem 87-jährigen Greis in der argentinischen Pampa nicht verborgen geblieben, der die Chance sieht, seine medizinischen Experimente im Schlachthaus Auschwitz zu erklären. Josef Mengele, im neuen Film «Nichts als die Wahrheit» von Götz George dargestellt als gealtertes Abbild eines blutgesättigten Nosferatu, ist gar nicht 1979 bei einem Badeunfall in Brasilien ertrunken. Sein Wiedergänger, auferstanden, zumindest in den Köpfen deutscher Filmemacher, sucht öffentliche Anteilnahme und juristische Absolution vor einem deutschen Gericht. Entführung, Ehekrise, Mutter-Sohn-Konflikt, Machenschaften alter und junger Neonazis, Bombenattentat und Journalistenhetze sind die Zutaten - im Rechtfertigungsdrama um einen todkranken Greis herum. «Nichts als die Wahrheit» will eine Wahrheitssuche suggerieren, nämlich die Erklärung der Motive eines Massenmörders, des «Todesengels von Auschwitz». Und scheitert, weil er von nichts anderem mehr ausgeht als einer Aneinanderreihung von Unwahrheiten. Die Fiktion, Mengele sei gar nicht tot, ist noch die unerheblichste. Dass man ein Forum konstruiert, wo er sich als verantwortungsbewusster Rassehygieniker präsentieren kann, in «einer Hölle, aus der ich den einzigen Ausweg anzubieten hatte», ist gelinde gesagt widerwärtig. Wenn das, was Mengele unter dem Deckmäntelchen der medizinischen Forschung tat, als Sterbehilfe umschrieben und aus dem Kontext seiner Zeit erklärbar gemacht wird, dann ist der Thriller «Nichts als die Wahrheit» tatsächlich ein Beispiel für den von Regisseur Roland Suso Richter diagnostizierten Wandel: «Man kann jetzt mit diesem Thema anders umgehen als bisher.»
Natürlich werden die Möglichkeiten spärlicher, Authentizität zu vermitteln, Zeitzeugen zu befragen - wie dies etwa in den Dokumentarfilmen von Karl Fruchtmann, Eberhard Fechner und Claude Lanzmann geschah. Die Erinnerungen verblassen, die Opfer sterben. Muss man aber, um Kids zu erreichen - wie Produzent Werner Koenig und Regisseur Richter beabsichtigen, die Täter zu Selbstrechtfertigungs-Monologen auferstehen lassen? Ob Jugendliche den Ungeist der NS-Zeit besser begreifen, wenn eine der Schlüsselfiguren einerseits als unmenschlicher Dämon, andererseits als nüchterner Wissenschafter dargestellt wird, kann bezweifelt werden. Überhaupt keine Rede ist in dem Thriller über den Killer im Ärztekittel vom Antisemitismus, vom Rassenhass und vom unverhohlen ausgelebten Sadismus, als ob hier nur ein grosses Experiment missverstanden gescheitert sei. Dieser Interpretationsspielraum - in den Plädoyers von Staatsanwalt und Verteidigung ausgelotet - verdient das Prädikat «Geschichtsklitterung», ganz sicher aber nicht «Aufklärung». Über ein deutsches Phänomen wurde ein amerikanisch anmutender Film für den internationalen Markt produziert. Man beruft sich auf ein paar jüdische Ideengeber und Befürworter - das liefert die Absolution. Das Buch zum Film ist zeitgleich als Fischer-Taschenbuch erschienen. Und wer bis zum Abspann des Films durchhält, erkennt in der Filmmusik auch noch eine Tonfolge aus dem Spielberg-Erfolg «Schindlers Liste». Der einzig Gedanke in «Nichts als die Wahrheit» ist da längst im Nebel der Fiktionen untergegangen. Er stammt aus dem Filmvorspann. Mengele kritzelt da in sein Tagebuch: «Im schnoddrigen Journalistenjargon werden diffizilste Probleme der europäisch-deutschen Geschichte zerhackt und aus dem Hackfleisch dann selbstgefällige Buletten gebraten.» Für diesen Mengele-Film trifft das ganz unfreiwillig zu.





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