logo
Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Weder Marshall noch Haig

von Amir Oren, October 9, 2008
1983, als der jetzt neu nominierte US-Staatssekretär Colin Powell in der Reagan-Administration als Militärsekretär des amerikanischen Verteidigungsministers amtierte, kam er zum ersten Mal mit Ehud Barak zusammen, der Washington eine Visite als neu ernannter Chef des militärischen Abwehrdienstes Israels abstattete. Das Treffen war der Anfang einer herzlichen Freundschaft zwischen den beiden Militärs, die es noch an die Spitze ihrer Armeen schaffen würden, bevor sie den Sprung in die politische Arena wagen sollten.
Das neue Team: Colin Powell (links) will als Aussenminister der Bush-Regierung in Nahost einen neuen Stil einbringen . - Foto Keystone

Seit dem 2. Weltkrieg kam es erst zweimal vor, dass ehemalige amerikanische Generalstabchefs zum Staatssekretär ihres Landes ernannt wurden. Einer war George Marshall, der andere Alexander Haig. Marshall, der keine eigenen politischen Ambitionen hatte, fügte der Administration Truman Professionalismus und Respekt hinzu. Haig machte Karriere dank politischer Schirmherren. Er versuchte, diese zu imitieren und stolperte schliesslich auf seinem Vormarsch. Aus israelischer Perspektive hat Marshall 1948 den soeben entstandenen jüdischen Staat nicht genügend unterstützt, während Haig anlässlich von Israels Libanon-Invaion 1982 etwas allzu sehr pro-israelisch erschien.
Powell ist genau in der Mitte. Weder ist er so feindselig eingestellt, dass er amerikanische Interessen nur in der arabischen Welt fördern würde, noch ist er ein derart enthusiastischer Freund, dass er militärische Eskapaden Israels oder das Anpeilen einer «neuen Ordnung» im Nahen Osten unterstützen würde. Powell geniesst in etwa den gleichen tiefen Respekt wie Marshall, und höchst wahrscheinlich wird es ihm gelingen, sich nicht zur Äusserung von solchen Bemerkungen verleiten zu lassen, die Haig zum Verhängnis geworden waren. Das könnte ihm vielleicht sogar den weg zur Präsidentschaft ebnen.
Bis zum Rang des Obersten kam Powell aufgrund seiner Fähigkeiten als Kommandant, seiner Kampferfahrungen in Vietnam und seinem Können voran, sowohl mit jenen befreundet zu sein, die er kommandierte, als auch mit den über ihm stehenden Offizieren. Nachher kamen die weiteren Sterne teilweise dank seiner Beziehungen zum politischen Establishment hinzu, anfangs zum damaligen, ebenfalls schwarzen Armee-Sekretär Clifford Alexander, der offen für die Förderung schwarzer Amerikaner eintrat. Später befreundete Powell sich mit dem damaligen Verteidigungsminister Caspar Weinberger, der ihm die Hierarchie-Leiter hinauf half. Seine Beziehung zu Weinberger beeinflusste ihn sowohl in persönlicher als auch in philosophischer Hinsicht. Er schloss sich eng an eine Gruppe an, zu der der damalige Vize-Präsident George Bush ebenso gehörte wie James Baker, der damalige Generalstabchef des Weissen Hauses und späterer Aussenminister. Diese Gruppe wiederum hatte enge Beziehungen zu Alexander Haig und seinem Nachfolger George Shultz, wie auch zum CIA-Boss William Casey. In der Praxis waren diese Männer bestrebt, die Politik der Carter-Administration gegenüber Israel fortzusetzen, ohne deswegen aber grössere Aktionen Israels im Libanon zu unterstützen. Konzeptuell übernahm Powell die sogen. «Weinberger-Doktrin», welche von der Entsendung amerikanischer Truppen für unklare politische Ziele absah, wenn die breite Unterstützung in der Öffentlichkeit für das Unternehmen fehlte. Die Doktrin verlangte einen klaren Zeitrahmen und eine klare Rückzugsroute aus jeder militärischen Intervention.
Powells Glauben an die Notwendigkeit für eine breite Abstützung militärischer Aktionen in der Öffentlichkeit und an einen sehr beschränkten Einsatz der Armee brachte ihn in einen Konflikt mit der frühen Clinton-Administration, vor allem mit der damaligen amerikanischen UNO-Botschafterin Madeleine Albright in Bezug auf das Vorgehen im Balkan. Jetzt wird er ihr Nachfolger, und wenn er sich in seinem Job behauptet, könnte er bei den nächsten Präsidentschaftswahlen, wenn er dies so will, sogar Kandidat für das Amt des Vize-Präsidenten sein. Und sollten Bushs Chancen auf eine Wiederwahl gering sein, darf nicht einmal ausgeschlossen werden, dass die Republikanische Partei ihn zum Kandidaten für das Amt des Präsidenten ernennt.

Haaretz





» zurück zur Auswahl