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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Washingtons gezielte Indiskretionen

von Reuven Pedatzur, October 9, 2008
In einem absichtlichen, zeitlich genau kalkulierten Schachzug liess das Pentagon, das amerikanische Verteidigungsministerium, vor zwei Wochen durchsickern, Israel habe eine ballistische Rakete getestet, die ein im Mittelmeer kreuzendes Schiff der US-Marine nur knapp verfehlte. Hinter dieser Indiskretion steht der geplante Verkauf israelischer Aufklärungsflugzeuge an China, den Washington strikte ablehnt.
Abschussrampe einer «Arrow»-Rakete in Israel: Eines von zahlreichen israelisch-amerikanischen Gemeinschaftsprojekten auf dem Gebiet der strategischen Kriegsführung. - Foto Benzian
Wasserpräsenz: Interessen global vertreten. - Foto KY

Zur amerikanischen Indiskretion über die israelische Jericho-Rakete sorgten das Weisse Haus und das Pentagon dafür, dass Vermutungen über israelische Abhörtätigkeiten in den USA die Runde zu machen begannen. Auf diese Weise nimmt die US-Administration jede Gelegenheit wahr, Israels Entscheidungsträgern ihre Meinung kundzutun. Dies geschieht nicht mit brutaler Direktheit, sondern eher subtil. Im Wesentlichen tönt das etwa so: «Schaut mal, wir haben euch gewarnt. Wir verfolgen eure Schritte genau und wir werden ohne zu zögern unsere Macht benutzen, um euch unter Druck zu setzen - wenn euer Benehmen eine solche Reaktion unsererseits erfordert.»
Der Zeitpunkt der Indiskretion über den fast katastrophalen Raketentest ist von grösster Bedeutung. Der amerikanische Schritt erfolgte einen vollen Monat nach dem Ereignis und fiel zusammen mit der Konferenz über die Nichtverbreitung von Kernwaffen im UNO-Hauptquartier in New York. Ohne dass die USA es ausdrücklich so formuliert hätten, sollte die Indiskretion den Israelis signalisieren, dass sie gut daran täten, eine mögliche Verbindung zwischen der amerikanischen Haltung an der UNO-Konferenz und dem Deal zwischen Jerusalem und Peking in Betracht zu ziehen.
Neben Indien, Pakistan und Kuba hat nur Israel den Nicht-Verbreitungspakt für nukleare Waffen noch nicht unterschrieben. Nur Washington stand an der New Yorker Konferenz einer Verurteilung Israels entgegen.
Geht man von den in den Medien publizierten Daten aus, kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass die verirrte Jericho-Rakete die Besatzung des amerikanischen Schiffes in keiner Weise gefährdete. Die Rakete ging rund 70 km von dem US-Schiff entfernt nieder. Sogar von der «Washington Post» interviewte Experten des Pentagons gaben zu, dass eine Rakete mit einem nicht geladenen Sprengkopf das Leben von Menschen, die sich so weit vom Landeort entfernt aufhielten, auf keinen Fall bedrohen konnte. Die Erklärung eines hohen Offiziellen des Verteidigungsministeriums, wonach die Rakete sehr nahe vom Schiff niedergegangen sei und dessen Breitseite hätte durchlöchern können, ist vom professionellen Standpunkt aus betrachtet demnach absurd. Dennoch enthält die Äusserung eine gewisse Logik, wenn man sich die Absichten dahinter vor Augen führt.
Die amerikanischen Signale in Bezug auf die New Yorker Konferenz lassen sich an der Art und Weise ablesen, wie US-Sprecher wiederholt unterstrichen haben, dass die falsch geleitete Jericho-Rakete imstande gewesen wäre, einen nuklearen Sprengkopf zu transportieren. Sollte es zutreffen, dass der Sprengkopf nicht geladen war, ist es schwer, einen Zusammenhang zwischen dem Betriebsunfall und der Behauptung btr. die mögliche Bewaffnung der Jericho-Rakete mit einem nuklearen Sprengkopf herzustellen.
Ausländischen Quellen zufolge gehört die «Jericho I» (dieser Typus war in den Zwischenfall verwickelt) zur ersten Generation der in Israel entwickelten Raketen. Ihre Reichweite beträgt 500 km, und laut ausländischen Quellen ist es Israel gelungen, einen nuklearen Sprengkopf für diese ballistische Rakete zu entwickeln. Die «Jericho II» soll eine Reichweite von 1500 km haben.
Gemäss den verfügbaren Informationen hat ein israelisches Marineschiff zur Zeit des Zwischenfalls das US-Schiff eskortiert. Beide waren sie in gemeinsamen israelisch-amerikanischen Marinemanövern engagiert. Stimmt diese Darstellung, dann wäre es lächerlich, zu folgern, die Verantwortlichen für den Jericho-Test hätten absichtlich nicht nur amerikanisches, sondern auch israelisches Marinepersonal gefährdet. Im Zusammenhang mit den Indiskretionen erklärte ein hoher Offizier der US-Marine der «Washington Post», in den letzten zwei Jahren seien amerikanische Schiffe dreimal in gefährliche Nähe israelischer Raketentests gelangt. In keinem Falle seien die amerikanischen Schiffe im Voraus gewarnt worden.
Sollte dies zutreffen und sollte dies tatsächlich so gravierend sein, muss man sich fragen, warum der betreffende Offizier erst nach dem dritten Zwischenfall an die Öffentlichkeit trat. Nehmen wir einmal an, US-Sicherheitsexperten seien der Meinung, wie dieser Offizier sie vertritt, israelische Teste mit Jericho-Raketen hätten amerikanische Marineschiffe tatsächlich gefährdet. Dann gäbe es keinen logischeren Weg, den Sachverhalt über das Geschehnis herauszufinden, als sich durch die streng geheimen und sehr effizienten militärischen Kanäle an Israel zu wenden. Wer sich aber via die Spalten einer Zeitung an Israel wandte, dem ging es nicht um die Wahrheitsfindung. Vielmehr waren gewisse Offizielle in Washington interessiert, den Zwischenfall unters Volk zu bringen.
Unabhängige amerikanische Experten sind zum Schluss gelangt, es sei unlogisch, dass Israel absichtlich eine ballistische Rakete in Richtung auf ein Gebiet abfeuern sollte. Diese Bemerkung konterten Offizielle des Pentagons mit dem Hinweis, dass die israelische Methode, keine Voraus-Informationen über Raketentests zu publizieren, einer gewissen Logik nicht entbehre. Israel wolle nicht, dass die USA ihre Raketentests verfolgen und technische Daten über die «Jericho» sammeln könne.
Dieses Argument steht auf wackligen Beinen. Laut ausländischen Informationen besitzen die Amerikaner bereits alle technischen Informationen über die «Jericho I». Zudem bleibt ein Raketentest den Kameras eines Spion-Satelliten nicht verborgen. Washington ist sich des Umstandes wohl bewusst, dass Israel nie zugegeben hat, ballistische Raketen vom Typ «Jericho» zu besitzen. Die Pentagon-Leute, die in ihrer Indiskretion von einer «Jericho»-Rakete gesprochen haben, taten dies in der Absicht, Israel in Verlegenheit zu bringen und Jerusalem eine weitere Warnung zukommen zu lassen.
Es ist nicht das erste Mal, dass die US-Administration versucht hat, Israel mit Hilfe einer Indiskretion in Verlegenheit zu bringen und Jerusalem klarzumachen, dass es gut beraten wäre, sich gemäss den amerikanischen Wünschen zu verhalten. In der Vergangenheit handelte es sich um Indiskretionen in der Form von bereits publiziertem Material über Israels Nuklear-Potenzial. In der Regel würde Washington für diese Zwecke den CIA-Geheimdienst benutzen, der seine Informationen an die von ihm bevorzugten Journalisten weitergeben würde.
Im vorliegenden Falle haben die Amerikaner offenbar zum Instrument der Indiskretion gegriffen, weil Israel die Idee eines Deals mit den Chinesen noch immer nicht aufgegeben hat. Man wird sich wahrscheinlich auf noch mehr gefasst machen müssen, wenn Israel den Deal nicht annulliert. Bleibt Jerusalem hier hart, wird es mit weiteren Botschaften und Signalen rechnen müssen. Sollten diese Botschaften und Signale Israel nicht aufhalten, ist es denkbar, dass Washington Premier Ehud Barak direkt unter Druck setzen wird. Die Indiskretion über die Jericho-Rakete hat Barak gegolten. Der Premierminister soll (nach amerikanischer Version) endlich begreifen, dass Washington den Verkauf der Flugzeuge an Peking mit viel tieferer Sorge betrachtet als man dies in Israel vermutet.

Haaretz





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