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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

«War es Pietät?»

von Gabi Rosenberg, October 9, 2008
Endlich ist es soweit: Nachdem 1996 in der ehemaligen Synagoge die Aussenstelle Schnaittach eröffnet worden ist, laden die Stadt Fürth und der Trägerverein Jüdisches Museum Franken - Fürth & Schnaittach e.V. - jetzt ein in die Königsstrasse 89 zur grossen Museumseröffnung: Mit im Rampenlicht stehen Werner Gundelfinger und seine Frau Suzanne aus Zürich. Als Stifter ihrer Judaica-Sammlung haben sie einen nicht geringen Anstoss für diesen Anlass gegeben.

Kurz bevor die Stifter nach Fürth fuhren, wollte die JR von ihnen wissen, wieso es zu einem solchen Engagement kam. Immerhin ist mit der Nazizeit in Fürth eine über 400jährige Geschichte prosperierenden jüdischen Lebens mit nicht weniger als acht Synagogen völlig ausradiert worden. «Die Geschichte der Juden von Fürth darf nicht abgeschlossen sein mit dem Holocaust!» Mit dieser Antwort ist der 78jährige Werner Gundelfinger auch schon in seinem Element, und das mit unüberhörbarem fränkischem Akzent. Vor allem den nächsten Generationen solle die überaus reiche jüdische Vergangenheit nahegebracht werden. Im Nu holt er etliche Unterlagen herbei. Voller Begeisterung zeigt er Fotos der originalgetreu nachgebildeten Altschul-Synagoge, die in der Pogromnacht vom November 1938 völlig zerstört worden ist. Ein Modellbauweltmeister, Reinhard Thielsch aus dem Fürther Stadtplanungsamt, baute sie minutiös nach, wobei er sich hauptsächlich nach Fotografien orientieren musste. Im Museum soll dieses Modell im Massstab 1:50 eine Ahnung geben von den Dimensionen des ursprünglich neugotischen Bauwerks. Als Spross einer jüdischen Kaufmannsfamilie hatte der 1921 in Fürth geborene Werner Gundelfinger das grosse Glück der Schweizer Staatsbürgerschaft, die sein Grossvater Elias schon anno 1875 erhalten und die seiner Familie nach 1933 die Übersiedlung nach Zürich ermöglicht hatte. In der Schweiz lernte er dann auch seine ungarische Frau Suzanne geborene Freud kennen, welche die Deportation und Bergen Belsen überlebt hatte. Schon 1946 ging Werner Gundelfinger mit einer Sondererlaubnis der US-Armee zurück nach Fürth. Dort baute er den seit 1835 bestehenden Textilhandel seiner Familie wieder auf, beteiligte sich auch am Wiederaufbau der dortigen Gemeinde und begann mit seiner Judaica-Sammlung, bestehend aus «geretteten» Gegenständen, die ihm von allen Seiten zugetragen wurden. «War es Pietät? War es das Resultat der religiösen Erziehung, die ich in der Israelitischen Realschule bis 1937 erhalten hatte?» So fragt er sich selbst im Vorwort zum Katalog, was ihn wohl zum Kauf bewog. Heute meint er dazu schlicht: «Ich kaufte, damit sie nicht in goiische Hände fallen!» Nachdem einige weitere Objekte aus dem Besitz seiner Frau hinzukamen, gaben die beiden Söhne den Anstoss, die Sammlung Gundelfinger 1991 Fürth für ein Jüdisches Museum zu schenken. Aktiv im wissenschaftlichen Beirat und im Förderverein, ist Gundelfinger heute stolz auf das, was nun nach mehrjähriger aufwendiger Renovation in einem alten jüdischen Bürgerhaus zustande gekommen ist. Für Museumsleiter Bernhard Purin, der bereits zwei weitere Jüdische Museen (Hohenems und Wien) mitaufgebaut hat, sind es wenige, aber dafür herausragende Exponate, die als exemplarisch für diese Gegend bezeichnet werden können. Bestens dokumentiert in einem farbigen Katalog, dienen sie inskünftig der Vermittlung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Eine Art Zeitreise vom Mittelalter bis in die Neuzeit ist der Weg durch das staatliche Museum mit seinen rund 350 Quadratmetern Ausstellungsfläche, meint denn auch Werner Gundelfinger. Nicht ohne Stolz weist er noch auf den spektakulären Fund des «Wiener Memorbuches der Fürther Klaus-Synagoge». Bei einem lokalen Altwarenhändler kam es 1998 zufällig zutage und dürfte - inzwischen restauriert - zu den bedeutendsten schriftlichen Quellen jüdischer Geschichte von Wien und Fürth zählen.


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