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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Vor einer ungewissen Zukunft

von George Szpiro, October 9, 2008
Vorrangigstes Ziel seiner Amtszeit ist für Ministerpräsident Barak der Abschluss eines Friedensvertrages mit Syrien. Dabei wird eine Rückgabe grosser Teile der Golanhöhen - wenn nicht die ganzen eroberten Gebiete - unumgänglich sein. Die Farmer, die den dortigen Boden seit über einem Vierteljahrhundert bebauen, schwanken zwischen Hoffnung und Resignation.
Bald wieder Grenze? Blick vom Golan auf den Kinereth See. - Foto Archiv JR
So fern und doch so nahe: Diskussion um die strategische Bedeutung des Golan. - Foto Isranet

Auf den Golanhöhen wächst neben Gemüse und Obst auch schon die dritte Generation von Israeli heran. Die ersten Farmer kamen kurz nach dem Yom-Kippurkrieg, um sich auf den Hügeln und Hängen niederzulassen, wo sie noch vor kurzem gekämpft und Kameraden verloren hatten. Ermuntert durch die Regierung und beseelt vom Wissen, etwas Positives zu leisten, nahmen sie die mannigfachen Schwierigkeiten, die das harte Leben auf dem abgelegenen, anfänglich unwegsamen Golan zu überwinden waren, gerne in Kauf. Die Resultate können sich heute, ein Vierteljahrhundert später, sehen lassen. Zwar sind die meisten Siedler finanziell nicht auf Rosen gebettet, und einige Tage Ferien pro Jahr in einem Gästehaus in Galiläa sind oft der einzige Luxus, den sie sich leisten können. Aber die Befriedigung über die mit eigenen Händen fruchtbar gemachten Felder und Obsthaine wog bis jetzt alles auf. In jüngster Zeit bereitete sich jedoch Unruhe unter den Siedlern aus, die Ungewissheit über die Zukunft lässt sie manchmal fast den Mut verlieren. Und doch bearbeiten sie ihr Land weiter, als ob nicht schon allenthalben konkret von einer Rückgabe der Golanhöhen an Syrien gesprochen wird. Es sind keine Fanatiker, die hier leben, die politischen Meinungen der Golansiedler reichen quer über das Spektrum der israelischen Parteienlandschaft hinweg. Und auch vielen linken Israeli aus dem Zentrum des Landes ist nicht ganz wohl zumute, wenn sie an eine Rückgabe des Golan denken. Anders als im Falle Cisjordaniens, dessen Transferierung an die palästinensische Autonomiebehörde ausgemachte Sache ist, ist eine Abtretung des Golan an Syrien politisch, strategisch und moralisch kein einfaches Unterfangen. Aber die Gegebenheiten haben sich geändert, und die Farmer auf dem Golan beginnen, sich ernsthaft Gedanken um ihre Zukunft machen.

Verwirklichung eines Traums

Avnei Eitan ist eine von religiösen Israeli gegründete Gemeinschaftssiedlung. Etwa fünfzig Familien leben auf einer Anhöhe östlich des Sees Genezareth. Sammy Stein, einer der erfolgreicheren Landwirte in der Gegend, wanderte vor 28 Jahren von London nach Israel aus. Schon als Junge war es sein Traum gewesen, den Boden im Heiligen Land zu bearbeiten. Zusammen mit seiner Frau Malka, die er nach dem Militärdienst in einem Kibbutz kennen lernte, beschloss er, sich auf dem Golan niederzulassen und seinen Traum zu verwirklichen. Sammy pflanzt vor allem Obst an: Birnen, Äpfel, Pflaumen, Nektarinen, Pfirsiche und Aprikosen. Erst kürzlich erstellte er ein hochmodernes Pack- und Kühlhaus für 300 Tonnen Frischprodukte. Während der Jahre machte er sich bei Verkaufsketten einen Namen als verlässlicher Lieferant, der bei der Qualität seiner Produkte keine Kompromisse zulässt. Der gute Name trägt aber seinen Preis. Um fünf Uhr früh ist er schon an der Arbeit, und ein Arbeitpensum von bis zu achtzehn Stunden täglich ist nichts Aussergewöhnliches. Manchmal, wenn Keimlinge bei Windstille besprüht werden müssen, wird die Nacht durchgearbeitet. Dann schafft er es noch knapp zum Morgengebet in die Synagoge, um dann bis Mittag weiterzuarbeiten. Religiöse Gebote legen einem jüdischen Landwirt mannigfache Beschränkungen auf. Am Sabbat darf ausser dem Füttern und Melken der Kühe keine Arbeit verrichtet werden, die ersten Früchte eines jungen Baumes müssen geopfert werden, und jedes siebente Jahr dürfen die Äcker nicht bebaut werden.
Sogar bei einem einfachen Rundgang ruht Sammy nicht. Jeder einzelne Baum muss säuberlich beschnitten und gewissenhaft gepflegt werden. Die Pflanzenschere in einem Halfter immer griffbereit, greift er sofort mit Enthusiasmus zu, wenn er eines Ästchens gewahr wird, das gestutzt werden muss. Die Resultate seiner Anstrengungen sieht der Farmer manchmal erst nach zwei bis drei Jahren. Zwölf Gastarbeiter aus Thailand arbeiten in seinen Gefilden. Früher beschäftigte Sammy israelische Araber, die er durch einen «Rais» anwerben liess. Der kassierte den Lohn, verteilte aber nur einen Bruchteil an die Arbeiter, die sich deshalb durch Diebstähle schadlos hielten. Als die zentnerschweren Entwendungen von Obst sogar die Profitabilität gefährdeten, musste sich Sammy nach Alternativen umsehen. Für die Arbeiter aus Thailand errichtete er auf seinem Boden ein kleines Wohnhaus.

Landwirtschaft als Lebensinhalt

Die Felder und Haine von Avnei Eitan befinden sich hart an der Grenze zu Syrien. Manchmal trennt nur der wenige Meter breite Sicherheitsstreifen – ein mit Sand gefüllter Graben, auf dem Infiltranten unweigerlich Fussspuren hinterlassen – den Ackerboden von dem mit elektronischen Warnanlagen gesicherten Grenzzaun. Bevor Israel von dem Gebiet Besitz ergriff, gab es auf dem Golan ausser Minenfeldern nichts. Die israelische Regierung ermunterte junge Leute, ihre Heime auf dem Golan zu machen und den Boden zu bearbeiten. Dies war die Gelegenheit, nationale Bedürfnisse mit den persönlichen Träumen zu verbinden. Sie schenkten den Worten der Regierung Glauben, verliessen ihre Elternhäuser in der Stadt und zogen auf den Golan. Der Boden war von Felsen übersät, die in einer wahren Ameisenarbeit geräumt werden mussten, bevor man an landwirtschaftliche Arbeit überhaupt auch nur denken konnte. Heute kann man diese Steinbrocken noch zwischen den Feldern liegen sehen.
Am Abend sitzen einige Nachbarn in dem schmucken Einfamilienhaus, das Sammy und Malka, eine Krankenschwester in der Notfallstation des eine Stunde Fahrt entfernten Krankenhauses von Zefat, für sich und ihre drei Kinder gebaut haben. Der Nachbar, Avner Dahan, besitzt 30 Kühe und pflanzt auf 30 Dunam (30 000 Quadratmeter) Gemüse und Obst an. Ausserdem errichteten er und seine Frau Miriam, eine Geschichtslehrerin, auf ihrem Grund eine Herberge für Schüler und Jugendgruppen. Den jugendlichen Touristen werden Erläuterungen zur israelischen Geschichte und der Bedeutung des Golan für den jüdischen Staat gegeben, sowie Demonstrationen über die Art, wie in biblischen Zeiten Brot, Wein und Olivenöl zubereitet wurden. Vier Kinder des Paares tragen Namen, die die Verbundenheit der Familie mit der Gegend unterstreicht: Kinneret (Genezareth), Israel, Golan, Jarden. Adi Cohen, ein weiterer Nachbar, betreut zusammen mit einem Partner 60 Kühe und bewirtschaftet 30 Dunam Boden. Seine Frau Ziva arbeitet wie Malka als Krankenschwester in einem Spital. Etwas später kommt auch der Rabbiner der Siedlung, Rabbi Erez Levy, ein wortgewandter, aber etwas zu geschmeidiger, Geistlicher zu Besuch.

Alles mit eigenen Händen geschaffen

Nach einer anfänglichen Steifheit kommt das Gespräch rasch in Fahrt, und man erfährt mehr über die Wünsche, Träume und Ängste der heute etwa in ihren Vierzigern stehenden Leute. Sie haben die Fruchtbarmachung der Golanhöhen zu ihrem Lebensinhalt gemacht. Niemand hier hat ein Gut geerbt, oder eine bestehende Farm einfach übernommen, alles musste selber erstellt werden. Überdies ist Landwirtschaft eine Lebensart, die nicht einfach mit einem Beruf verglichen werden kann. Deshalb könne ein Abzug vom Golan nicht einfach mit einem Wohnungswechsel verglichen werden, den Städter alle paar Jahre vornehmen. Ein Farmer schlägt richtiggehende Wurzeln. Auf dem Golan gibt es nichts, das die Bewohner nicht mit eigenen Händen geschaffen hätten. «Vergleiche unsere Situation mit der in der Schweiz», wendet sich einer der Anwesenden an den Berichterstatter, «da bebaut der Bauer ein Gut, das schon sein Vater, Grossvater und Urgrossvater bebaut haben. Hier wissen wir nicht einmal, wo wir in einem Jahr sein werden.» Trotzdem machen alle unverdrossen weiter. Vor kurzem habe nicht weit von hier ein 70-jähriger Farmer um sein Feld Olivenbäume gepflanzt. Möglicherweise werde er deren Blühen gar nicht mehr erleben, meint Sammy, aber ein richtiger Landwirt denke gar nicht in solchen Kategorien. «Wieso bringt denn die ganze Welt Verständnis dafür auf, dass Palästinenser so sehr an ihrem Boden hängen, aber von uns Israeli wird erwartet, dass wir nach dreissig Jahren unsere Äcker einfach aufgeben», frägt Adi. Habe Grund und Boden in der jüdischen Tradition weniger Bedeutung als in der arabischen?
Avner befürchtet, dass der Tag kommen werde, an dem ihm sein Lebenswerk genommen werde. Zu sehr wolle er allerdings nicht an die Zukunft denken, das schmerze ihn zu sehr. Einem Räumungsbefehl würde er sich nicht widersetzen, aber die Wunde, die zurückbliebe, würde wohl nie heilen. Alles wäre nur halb so schlimm, fügt Miriam hinzu, wenn eine Räumung des Golan dem Staate Israel tatsächlich auch Frieden brächte. Aber von einer solchen Regelung sei man noch weit entfernt, und das tue noch mehr weh. Von gutem Willen der Syrer gäbe es keine Spur, und dass der syrische Aussenminister Ehud Barak nicht einmal die Hand schütteln wollte, sei ein schlechtes Zeichen. Präsident Asad verstehe nur eine Sprache, meint Rabbi Levy, die von David Levy. Damit spielt er auf die Brandrede des Aussenministers an, der vor der Knesset «Blut um Blut, Leben um Leben» ausrief, um die Freischärler in Südlibanon und ihre Hintermänner vor Angriffen gegen die israelische Zivilbevölkerung zu warnen. Israel müsse selber bestimmen, wo seine Grenzen liegen sollen und nicht die Weltgemeinschaft fragen. Als Gegenleistung für Frieden genüge es, den Syrern ebenfalls Frieden anzubieten, erklärt der Rabbiner. Das sei keine leere Formel, präzisert er. Israel könne den Nachbarn auf Gebieten wie der medizinischen Versorgung, landwirtschaftlichen Beratung, Wirtschaftshilfe, Computer Know-how einiges beibringen und auch aus dem sprichwörtlichen Improvisationstalent der Israeli könnten syrische Bauern Nutzen ziehen.

Wer ist geschädigt, wer muss die Opfer bringen?

«Warum beeilt sich Barak so sehr? Wir müssen so langsam und behutsam vorwärtsgehen, wie die Araber. Wir leben nicht in Europa», meint Avner. Israelische Konzessionsbereitschaft werde von der Gegenseite immer als Schwäche ausgelegt. Wieso müsse denn Israel überhaupt die schmerzhaften Opfer bringen, während sich Syrien als Geschädigter darstelle? Soll denn der jüdische Staat bloss zur Rettung der syrischen Ehre seine eigene Sicherheit aufs Spiel setzen? Schliesslich sei es ja nicht Israel gewesen, das den Sechstagekrieg und den Yom-Kippur angezettelt habe. Und wer einmal ein Nachbarland angreife, müsse eben in Kauf nehmen, dass er seine eigenen Gebiete verlieren kann, nicht nur für eine oder zwei Generationen, sondern für immer. Eine jetzige Rückgabe der Gebiete würde bloss die Hemmschwelle für künftige Kriege herabsetzen. Überhaupt, so fährt der Rabbiner fort, würden die Amerikaner nach der Unterzeichnung eines Abkommens sofort moderne Waffen an beide Seiten liefern. Ein Friedensvertrag würde somit bloss den Rüstungswettlauf antreiben. Da sei der jetzige Zustand eigentlich noch vorzuziehen, meint er und ruft in Erinnerung, dass seit dreissig Jahren kein einziger Soldat an der israelisch-syrischen Grenze gefallen sei. Als Alternative schlägt der Rabbi eine beidseitige Abrüstung vor, was aber, wie er gleich selber hinzufügt, völlig illusorisch sei.
Die Siedler sind sich einig in dem bitteren Gefühl, dass die verschiedenen Regierungen sie als Druckmittel benutzten, und dass sie möglicherweise bald abkömmlich sein werden. Dass die Regierung nie klar ausspreche, was sie eigentlich vorhabe, mache die Ungewissheit noch grösser, und so schwanken sie zwischen Hoffnung und Resignation. Manchmal wird hier oder da eine Strasse repariert. Dann kann sich die Regierung an die Brust schlagen und erklären, wie wichtig der Golan und seine Bewohner dem Staat seien. Doch in Tat und Wahrheit werde hier von offizieller Seite nichts mehr investiert. Eine dereinstige Rückgabe des Golan werde unweigerlich eine Spaltung im Volk hervorrufen, meint Ziva. Doch da spielt auch ein bisschen Wunschdenken mit. Avner will der Regierung einen Vorschlag machen: sollte das Referendum über eine Rückgabe der Gebiete an Syrien negativ ausgehen, so müsse der Golan endlich annektiert werden. Oder er müsse zumindest auf lange Zeit, so etwa dreissig Jahre, unwiderruflich in israelischem Besitz bleiben, fügt er etwas gedankenverloren hinzu. Die jetzt herrschende Unsicherheit sei nicht mehr auszuhalten. Spät am Abend machen sich die Nachbarn auf den Nachhauseweg, denn in einigen Stunden beginnt wieder das Tagespensum. Beim Verabschieden bedanken sie sich in rührender Weise dafür, dass man ihnen beim Klagen ihrer Sorgen zugehört hat.

Der Autor ist Israelkorrespondent der NZZ.





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