Von Oslo zur el Aqsa-Intifada
Die Linie setzt sich fort bis zu den weitreichenden Konzessionen, die Barak an dem auf sein Betreiben einberufenen Gipfel von Camp David präsentiert hat, und sie endet mit den nächtlichen Attacken gegen das Jerusalemer Viertel von Gilo, das jüdische Viertel von Hebron und die Siedlung Psagot bei Ramallah. Alle Stationen entlang dieser Linie bestärkten Arafat in seiner Überzeugung, die Gewaltanwendung durch die Palästinenser würde Israels Rückzug beschleunigen, dass die Israelis verzweifelt auf ein Abkommen mit den Palästinensern aus seien, und dass sie kein Stehvermögen für eine lang andauernde Konfrontation hätten. Ihr oberstes Ziel könnten die Palästinenser, wie sie folgerichtig dachten, durch einen Phasen-Prozess erreichen, in dem Verhandlungen sich mit Gewalt und Terror gegen Israel ablösen würden.
Es empfiehlt sich, die Entwicklungen der letzten Jahre vor dem Hintergrund der Geschichte des hundertjährigen jüdisch-arabischen Konfliktes zu betrachten, vor allem angesichts der ständigen israelischen Siege gegen wiederholte arabische Versuche, den jüdischen Staat in den ersten 25 Jahren seiner Existenz zu zerstören. Der Höhepunkt war die syrisch-ägyptische Attacke gegen Israel an Jom Kippur 1973 und die darauffolgende Niederlage, die Israels Armee den Gegnern zugefügt hatte. Wenige zweifeln daran, dass als Folge dieser Niederlage Einige in der arabischen Welt, allen voran Ägypten, zum Schluss gelangten, Israel sei mit Gewalt nicht zu beseitigen, und es gebe keine Alternative zu einer Verhandlungsgregelung. Es folgte der israelisch-ägyptische Friedensvertrag von 1979.
Keine arabische Unterstützung
Ebenfalls bestehen kaum Zweifel daran, dass die Aktionen der IDF 1982 in Libanon, die zur Vertreibung Arafats und seiner PLO ins ferne Tunesien führten, zwar nicht alle damaligen Ziele Israels verwirklichten, aber doch die Araber in ihrer Überzeugung von Israels Stärke und den im Vergleich dazu beschränkten eigenen militärischen Fähigkeiten bestärkte.
Die Intifada von 1987 - ein Aufstand palästinensischer Zivilisten gegen die israelische Herrschaft in den Gebieten - war ein klarer Hinweis darauf, dass die Palästinenser jede Hoffnung auf eine wirksame Unterstützung durch die benachbarten arabischen Armeen aufgegeben hatten. Sie beschlossen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, wobei sie damit rechneten, dass Israel Konfrontationen mit der Zivilbevölkerung schwer fallen würde. Die ersten Jahre der Intifada gaben ihnen recht. Die um die Welt gehenden TV-Bilder von palästinensischen Zivilisten, inkl. Frauen, die voll ausgerüsteten israelischen Soldaten gegenüber standen, erweckten natürlich Sympathien für die palästinensische Sache, nicht zuletzt auch in Israel selber. Rabins Aufruf an seine Soldaten, die Knochen der palästinensischen Demonstranten zu brechen, war brutal, grob, wirkungslos und zuletzt kontraproduktiv. Erst als ich selber ihn 1990 als Verteidigungsminister ablöste, wurden Israels Taktiken raffinierter und wirkungsvoller. Im Sommer 1992 war die Intifada beendet - sie hatte Dampf verloren und sich selber erschöpft.
An diesem Punkt - der Aufstand war niedergeschlagen, Arafat und seine PLO waren im entfernten Tunis - beschlossen die israelischen Architekten des Osloer Abkommens, den geschlagenen und erschöpften Arafat vom Boden aufzuheben, ihm Israels Anerkennung als Verhandlungspartner darzureichen und ihn und seine Genossen dadurch der palästinensischen Bevölkerung Judäas, Samarias und des Gazastreifens aufzuzwingen. Gleichzeitig erfolgte damit auch eine implizite israelischer Anerkennung seiner Forderung nach einem «Recht auf Rückkehr» der palästinensischen Diaspora-Gemeinschaft. In der Geschichte gibt es wohl kein ähnliches Beispiel dafür, wie eine Niederlage in einen Sieg umgewandelt werden konnte.Von da an ging es für Israel nur noch bergab. Der überhastete israelische Rückzug aus Libanons Sicherheitszone und das Zurücklassen der alliierten SLA unter dem Druck der Hizbollah-Miliz waren ein weiterer Beweis dafür, wie Israels militärische Wachsamkeit durch anhaltende Guerilla-Aktivität kleiner Milizen untergraben werden kann. Was der Hizbollah in Südlibanon gelungen war, wollten die Palästinenser nun auf unserem Heimterrain wiederholen.
Gewalt als Verhandlungstaktik
Baraks in Camp David unterbreitete Offerten weitgehender Konzessionen waren der letzte Strohhalm, der dem Kamel den Rücken brach. Er deutete damit klar an, dass Israel keine Kraft mehr hatte für weitere Konfrontationen mit den Palästinensern, und dass sie mit fortdauerndem Druck alle ihre Forderungen erfüllt bekommen würden. Jetzt war, so folgerten sie, die Zeit gekommen, den Verhandlungstisch zu verlassen und die Gewalt wieder aufzunehmen.
An diesem Punkt befinden wir uns momentan. Sollte uns der Beweis nicht gelingen, dass Arafat mit der Anwendung von Gewalt nichts erreichen kann, dann könnte uns in der Zukunft noch viel schlimmeres blühen.
Haaretz
Moshe Arens, Knessetabgeordneter des Likuds, war israelischer Verteidigungsminister.


