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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Von Natur aus nicht pessimistisch

von Rabbiner Dr. Roland Gradwohl, October 9, 2008
Für rauschende Feste ist an Rosch Haschana kein Platz. Zu ernst sind die Fragen, die sich stellen, sich stellen müssen. Wie wird die Zukunft aussehen? Was muss ich vorkehren, damit es besser wird und die Unzulänglichkeiten meines Tuns verschwinden? Der Jude ist von Natur aus kein Pessimist. Er verzweifelt nicht am Leben, auch wenn er weiss, wie schwierig es sein kann. Immer sieht er sich von Gottes Hand beschützt. Gott, der Schöpfer und Lenker der Welt, ist für ihn zugleich der Vater.
Der ewige Ton: «Das Schofarblasen kündet von der Weltenherrschaft Gottes und vom echten Opferwillen des Menschen.» - Foto Keystone

Dass Gott als «Vater» angesprochen wird, ist für den Juden eine Selbstverständlichkeit. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass jegliche Aussage über Gott an sich unmöglich ist. Wir wissen nicht, wer Gott ist, wir wissen bloss, dass es ihn gibt und dass seine Wirksamkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit andauert. Alle Aussagen über ihn sind stümperhaft und suchen, das Unaussprechliche auszusprechen. Dennoch sind sie wichtig, denn sie geben einem menschlichen Gefühl Ausdruck. Wer Gott als seinen «Vater» sieht, will seine besondere Verbundenheit mit dem Schöpfer bekunden. Anders als zum König geht man zum Vater ohne Hemmung, ohne Bedenken. Der Vater ist da und hilft. Auf ihn kann sich jeder verlassen, wenn er seiner bedarf. Das Wissen um die Geborgenheit bei Gott beeinflusst die Haltung der Juden an Rosch Haschana. Willig ist er bereit, vor Gott hinzutreten, seine Verfehlungen zu bekennen, vor ihm niederzuknien und ihn um Verzeihung zu bitten. Er ist überzeugt, dass ihn Gott nicht verstösst, sondern ihn als wirkliches Gegenüber verständnisvoll anhört. Was kann schon geschehen, wenn ich mich auf Gott verlassen darf.

Die innige Beziehung zu Gott

Wen erstaunt es, dass im wichtigsten Gebet der Liturgie von Rosch Haschana, im «Awinu Malkenu», die innige Beziehung zu Gott, dem Vater, im Zentrum steht? Jede Zeile beginnt bekanntlich mit den Worten: «Unser Vater, unser König». Nach dem Bekenntnis zum Einzig-Einen Gott - «Unser Vater, unser König, wir haben keinen König ausser Dir» - und dem Eingeständnis des persönlichen Versagens, folgt die Bitte: «Erneuere uns ein gutes Jahr.» Ein Jahr ohne Krankheit und Verfolgung, des gesicherten Lebensunterhalts und der Hilfe in jeder Not. Nicht um unseren eigenen Tuns willen, das voller Fehler ist, möge Gott seinen Segen schenken, sondern «um seines Namens willen», d.h. weil er als Herr der Menschen den Geschöpfen seinen Beistand immer wieder zu geben bereit ist. Umso mehr, als Juden für ihren Glauben gelitten haben. Der Hinweis auf das Martyrium Israels gibt dem Gebet sein besonderes Gewicht. Dass es in «Awinu Malkenu» nicht fehlt, ist charakteristisch. Wenn die Hilfe Gottes erbeten wird, dann nicht aufgrund irgendwelcher Verdienste sondern nur, weil Gott gütig ist. Die letzten Worte halten es fest: «Unser Vater, unser König, sei uns gnädig und erhöre uns. Wir sind arm an guten Werken. So erweise Du uns Liebe und Güte und hilf uns».Die Worte des Gebets werden durch eine äussere Handlung unterstrichen: Durch das Blasen des Schofars (Widderhorn). Weshalb wird das Schofar geblasen? Weil an Rosch Haschana die Welt erschaffen worden ist, sagt Saadia Gaon, der grosse Meister des 9. und 10. Jahrhunderts. Durch die Schöpfung wurde Gott zum König, begann seine Herrschaft. Wie zu Ehren irdischer Könige am Tag ihrer Inthronisation Trompeten schmettern, so wird das Königtum Gottes durch das Schofarblasen bekräftigt. Rabbi fügt hinzu: Zugleich stärkt es die Überzeugung, dass dereinst zur Befreiung Israels und der Menschheit aus den Fesseln der Kriege am Beginn der messianischen Ära das «Grosse Schofar» ertönen wird. Gott ist nicht nur der Weltenherrscher, sondern auch der Garant einer glücklicheren Zeit für alle.

Opferung Isaaks als Symbol

Einen direkten Bezug zur Geschichte Israels nimmt die Erklärung eines talmudischen Weisen. «Rabbi Abahu sagte: Warum stösst man ins Widderhorn?... Damit Gott der Opferung Isaaks gedenke und es so ansieht, als hättet ihr selber euch vor ihm gefesselt.» Die Opferung Isaaks, «Akedat Jitzchak» (eigentlich die Fesselung Isaaks), wird in der Liturgie des Festes, insbesondere auch bei der Schriftlesung der Thora, wiederholt erwähnt. Abrahams Tat setzt ein Beispiel. Er war bereit, auf göttlichen Befehl hin, das Teuerste, seinen eigenen Sohn, hinzugeben. Wohl wird die blutige Realisierung eines Menschenopfers verhindert - und für alle Zeiten verbietet die Bibel diese grässliche Art des Dienstes an Gott -, doch die seelische Bereitschaft war gegeben. Und sie alleine entscheidet. Nicht minder wichtig wie Abrahams Glaubenstreue war Isaaks Verhalten. Er rebellierte nicht gegen den ihm bekannt gewordenen Auftrag des Vaters, sondern unterzieht sich willig dem anscheinend Unabänderlichen. Er lässt sich auf dem Altar Hände und Füsse binden und bietet seinen Hals dem Messer des Vaters. Das haben viele Juden in entsprechender Weise getan, als sie für ihren Glauben eher den Tod zu erleiden bereit waren, als den Glauben zu tauschen und zum Verräter zu werden. Ihre Akeda ist ebenso unvergessen wie die Akeda Isaaks. Wenn Gott der Fesselung Isaaks gedenkt und auch wir ihrer gedenken, dann sind Weichen gestellt, die für das zukünftige Jahr äusserst wichtig sein können. Sie führen zu einem intensiveren Kontakt mit dem Judentum, zu vermehrtem Einsatz in einem mitmenschlichen Verhalten.
Das Schofarblasen kündet von der Weltenherrschaft Gottes und vom echten Opferwillen des Menschen. Damit wird es - und das ist der dritte Grund, weshalb am Neujahrsfest Schofar geblasen wird - zum Signal. Maimonides hat im 13. Jahrhundert dafür die Formulierung geprägt: «Ihr Schläfer wachet auf aus eurem Schlaf, Schlummernde, erwacht aus eurem Schlummer. Prüfet eure Taten. Kehret um und denkt an euren Schöpfer. Ihr, die ihr die Wahrheit vor den Nichtigkeiten der Zeit vergesst, blickt in euer Inneres. Bessert eure Wege, eure Taten. Jeder verlasse seinen schlechten Weg und seine verwerflichen Gedanken.»
Ist Rosch Haschana ein trauriges Fest, haben wir mit Grauen an die bevorstehenden Tage zu denken? Gewiss nicht. Nicht das Entsetzen packt uns, weil wir bei aller Selbsterkenntnis, mit der es nunmehr Ernst zu machen gilt, auf Gott und seine Hilfe zählen dürfen. Die Sünden des Menschen sind eine Tatsache. Sie lässt sich nicht bestreiten. Eine ebensolche Tatsache ist aber die Zusage Gottes, dass die Türe zur Umkehr, zu einem bewussteren und moralischeren Dasein jederzeit offensteht. Wenn der Einzelne sie bloss öffnen möchte. Rabbi Bunam, ein grosser Meister des Chassidismus, hat einmal gesagt: «Die grosse Schuld des Menschen sind nicht die Sünden, die er begeht - die Versuchung ist mächtig und seine Kraft ist gering. Die grosse Schuld des Menschen ist, dass er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann und nicht tun.» Umkehren aber sollen und wollen wir.

Die JR veröffentlicht regelmässig Texte aus dem Nachlass von Roland Gradwohl. Der Text wurde estmals vom Norddeutschen Rundfunk ausgestrahlt.





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