Von Meili bis Nazis
Georg Krayer, Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung, deren Mitglieder die gegen eine Milliarde teure Untersuchung bezahlten und auch das Schiedsgericht für die hängigen Fälle weiter finanzieren, entschuldigte sich in seiner eigenen Pressekonferenz nach jener des Volcker-Komitees für die verletzten Gefühle, welche durch das Nichtwissen von ihm selber und anderen Bankiers über den Holocaust verursacht wurden. Werner Rom, Präsident der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich, der von den zahlreichen Medienvertretern um seine Meinung gefragt wurde, hatte nach Volckers Präsentation und der nüchternen Erklärung von Kurt Hauri, Präsident der Eidgenössischen Bankenkommission, gerügt, dass die ethische und moralische Seite keine Erwähnung gefunden hatte und keine Entschuldigung ausgesprochen worden war. Gerechtfertigt scheint die immense Arbeit dadurch, dass nochmals fast 54 000 Konten gefunden wurden, die möglicherweise mit Holocaust-Opfern in Verbindung stehen könnten. Die «Peanuts», von denen ein mittlerweile abgesetzter Bankpräsident 1996 gesprochen hatte, haben sich also doch als weit zahlreicher erwiesen, als es die Banken ursprünglich wahrhaben wollten. Sogar die Geschichte des Nachtwächters Christoph Meili - ohne seinen Namen zu nennen - fand Eingang in den Volcker-Bericht, am Anfang einer Aufzählung von noch drei weiteren Vorfällen von Archivvernichtung bei der UBS. Die Historikerkommission soll nun weiter untersuchen, was es mit 417 Konten auf sich hat, die an Nazibehörden ausbezahlt wurden und bei denen die Vollmacht dazu von den rechtmässigen Besitzern wohl unter Druck erzwungen worden war. Auch gibt es 1622 Konten, die hochrangigen Nazigrössen gehört haben könnten. Wenn es wirklich so ist, handelt es sich selbstverständlich ebenfalls um jüdische Vermögenswerte, die erpresst oder geraubt wurden. Wichtig ist jedoch, dass noch weitere 54 000 Konten entdeckt wurden, darunter zahlreiche geschlossene, von denen die Volcker-Kommission zwar nicht weiss, ob sie Holocaust-Opfern gehörten, es aber auch nicht ausschliessen will.25 000 Namen, die aus verschiedenen Gründen am ehesten in Frage kommen, beispielsweise weil die Namen mit der Liste der Gedenkstätte Jad Waschem in Jerusalem übereinstimmen und zudem ihre Besitzer in einem Staat der Achsenmächte oder unter Nazibesetzung lebten, sollen publiziert werden. Das würde bedeuten, dass das Schiedsgericht Arbeit für rund weitere drei Jahre hätte. Rund 70 Prozent der bei ihm hängigen Fälle sind bereits erledigt, rund 23 Millionen Franken der 1997 gefundenen 66 Millionen bereits ausbezahlt. Seit der Präsentation des Berichts ist auch klar, dass der New Yorker Finanzexperte Henry Kaufman empfohlen hat, die damaligen Werte mit einem Faktor 10 auf heutige Höhe hochzurechnen. Allerdings sind die Werte schwer abzuschätzen. Es wird ihnen in zwei Kategorien eine Summe von 31 Millionen Franken zugewiesen. Vom grossen Rest, den geschlossenen Konten, tragen nur 11 Prozent einen Hinweis auf Werte. Damit hat sich allerdings Zwi Barak nicht zufrieden- gegeben. Der Israeli setzte es nach zwei Monaten Streit durch, dass seine Ansicht wenigstens dort steht, wo sie möglicherweise auch hingehört: in einer Fussnote, genauer in Fussnote 23 auf Seite 72. Darin stellt er, vornehm umschrieben als «einige Mitglieder», die Vermutung auf, es könnte sich doch um 827 Millionen bis 1,9 Milliarden Franken handeln, je nach Berechnungsweise. Aber auch damit, und das ermöglichte wahrscheinlich die Fussnote, ist der Bankenvergleich mit amerikanischen Sammelklägeranwälten und jüdischen Organisationen nicht gefährdet. Die 1,25 Milliarden Dollar decken selbst diese Grössenordnung komfortabel, und Barak sagte zur JR, er werde den Deal nicht gefährden. Auch Israel Singer, Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses, stimmte zu, dass der Vergleich stehen bleibt. Singer wirkte müde und gelangweilt. Er verschwand bald nach der Präsentation Richtung Flughafen, weil er am gleichen Abend noch an einem Dinner in London auftreten wollte. Sein offensichtliches Desinteresse wurde allgemein so kommentiert, dass sich die jüdischen Organisationen neuen Ufern zugewendet haben, vor allem den Verhandlungen in Deutschland über Abfindungen für Zwangsarbeiter. Michael Kohn sagte zur JR, die Volcker-Kommission habe zwar Gerechtigkeit für die Opfer gesucht, aber diese sei auch jetzt nicht erreicht worden. Nach dem Bankendeal vom August 1998 habe die Volcker-Untersuchung an Schärfe verloren und sei zu einem Teilaspekt jener finanziellen Vergleichszahlung geworden, sodass die Präsentation in Harmonie ablaufen konnte. Die Banken jedenfalls stünden 1999 weit besser da als 1996, als die grosse Auseinandersetzung richtig begann. Die Basler Privatbank Dreyfus & Cie, Banquiers, wehrte sich nach der Publikation dagegen, dass ihr im Volcker-Bericht vorgeworfen wurde, sie habe nur teilweise mitgemacht. Professor Hans Guth sagte zur JR, die forensische Revision habe derartig stattgefunden, als wäre die Bank strafrechtlich angeklagt. Aber dagegen hätten sie keinen Einwand erhoben, nur gegen die geplante Publikation von Namen, was ihr die missliche Zensur im Bericht eintrug. Die philanthropischen Leistungen, zugunsten von Opfern der NS-Verfolgung, welche die Bank und die Familie Dreyfus vor, während und nach dem Krieg erbracht hätten und bis in die heutige Zeit erbringen, sprächen ebenfalls gegen eine Rüge, die als unfair und verletzend empfunden werde. Rolf Bloch erklärte sich im Namen des SIG zufrieden, auch die Parteien und die Bankenkommission. Sigi Feigel gab ebenfalls an, froh zu sein, dass nunmehr über Schuld und Schulden mehr oder weniger Klarheit herrsche. Der Bundesrat publizierte, wie erwartet, eine nichtssagende Pflichtübung in Form einer Pressemitteilung, die übrigens symptomatischerweise wegen der amerikanischen Medienvertreter zuerst nur auf Englisch und erst dann in den Landessprachen vorlag.


