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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Von Krakau nach Bern

Heinz Roschewski, October 9, 2008
Vom ersten Vertreter der Waschkowitzer Rabbiner-Dynastie in Polen, Gerschon Stein (1830-1911), mit dem Ehrentitel Rav Hagaon, bis zum heute in Bern lebenden Jehuda L. Stein, geboren 1923, und seinen zwei Enkeltöchtern - es ist ein weiter Weg, der den Verfasser dieser Geschichte einer jüdischen Familie aus Krakau von der Kinder- und Jugendzeit in dieser kulturell und politisch bedeutsamen Stadt 1945 bis in die Schweiz führte.

Allerdings auf entsetzlichen Umwegen, die man sich kaum vorzustellen wagt: deutsche Besetzung Polens 1939, Ghetto Krakau 1941, Flucht der Familie nach Novy Targ in Südpolen, wo der Vater bei der Deportation schon an der Verladerampe von den Deutschen erschossen wurde, während die Mutter und ein Bruder im Vernichtungslager Belzec umkamen. Jehuda Stein selber, damals schon in deutscher Zwangsarbeit, kam, zeitweise mit dem anderen Bruder, 1942-1943 ins Zwangsarbeitslager Czarny Dunajec, 1943-1944 in das später im weltberühmten Film «Schindlers Liste» von Spielberg geschilderte Konzentrationslager Krakau-Plasz¯ow, 1944 ins Konzentrationslager Gross-Rosen und 1944-1945, nach einem jener berüchtigten Todesmärsche, auf denen die Mehrzahl der gejagten Teilnehmer durch Erschöpfung, Hunger, Misshandlung, Totschlag und Erschiessen durch die Nazi-Schergen umkam, ins Konzentrationslager Flossenbürg in Deutschland, bis im April 1945 eine abenteuerliche Flucht aus einem Häftlingszug bei Donaueschingen und der Grenzübertritt in die Schweiz bei Ramsen (Schaffhausen) gelang.Jehuda Stein wog damals noch 36 Kilogramm, hatte offene Lungentuberkulose und musste in der Schweiz in Krankenhäusern und Sanatorien ein Jahr lang gepflegt werden. Aber dann nach allem Schwerem doch: Studium in Basel und an der Universität Bern, Doktorat in Chemie sowie Physik und Bakteriologie, später Abteilungsleiter und Vizedirektor in einem Lebensmittelforschungsbetrieb der Nestlé. 1950 hatte er in Bern geheiratet. Seine Frau Frymka (Frymeta Weinstock) hatte 1943 ihre Eltern und ihre jüngste Schwester bei der Liquidierung des Ghettos von Bedzin (Oberschlesien) verloren und wurde als Kind nach Auschwitz deportiert, zusammen mit ihren zwei anderen Schwestern und ihrem Bruder, der an den Folgen der in Auschwitz durchgeführten Experimente starb. 1945 kam sie ins Konzentrationslager Buchenwald und nach der Befreiung mit einem Kindertransport des Schweizerischen Roten Kreuzes nach Basel.
Wie seine Freunde genau wissen, hat es Jehuda Stein jahrzehntelange und schmerzvolle Überwindung gekostet, bis er seine Erlebnisse niederschrieb. Er tat dies zunächst nur für seine Familie und insbesondere für seine Enkelkinder und stimmte der Veröffentlichung erst nach heftiger Ablehnung und langem Zögern zu. Aber dieses Buch ist wichtig, vor allem auch mit den vielen selbsterlebten Einzelheiten aus dem grausamen Alltag der Konzentrationslager und mit den menschlichen und unmenschlichen Begegnungen. Und die Geschichte der Familie Stein gehört zu den so nötigen Zeitzeugnissen der Schoah. Die Schoah, der Holocaust, darf nicht vergessen werden. Nicht nur, weil das Vergessen Verrat wäre an den sechs Millionen ermordeten jüdischen Männern, Frauen und Kinder. Sondern auch, weil das Erinnern, die Kenntnis der Vergangenheit, Voraussetzung ist für die Bewältigung der Gegenwart und für den Aufbau der Zukunft der Menschheit.
Erst in den letzten Jahren hat Jehuda Stein seine Heimatstadt Krakau wieder besucht. An einem Freitagabend-Gottesdienst hat er in der aus dem Jahre 1557 stammenden ehrwürdigen Remu-Synagoge vorbeten dürfen, mit den alten Krakauer Melodien, die er aus der Synagoge seiner Eltern kannte. Obwohl bis ins Innerste aufgewühlt, betete er bis zum Schluss korrekt vor. Ausser ihm selber, seinem Bruder und seiner Schwägerin hatten von allen Anwesenden nur drei weitere Personen vor dem Krieg in Krakau gelebt. Die anderen Gottesdienstteilnehmer waren amerikanische Touristen mit ihrem Rabbi. Denn von den 64 000 Juden Krakaus haben nur 4000 Hitlers «Endlösung» überlebt.

Jehuda L. Stein: Die Steins. Jüdische Familiengeschichte aus Krakau 1830-1999. Herausgegeben von Erhard Roy Wiehn. Hartung-Gorre Verlag, Konstanz, 1999. 148 Seiten, DM 32.





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