Von Generation zu Generation
Ja, es geschieht zurzeit ausgerechnet in Schweden, im liberalen Südskandinavien, das tausende von Juden vor der Vernichtung der Schoa rettete, dessen König zu Pferde gegen Hitler protestierte, das Land, das noch vor kurzem landesweit ein Aufklärungsbuch über den Zweiten Weltkrieg publizierte und gratis an alle Haushalte versendete. Schweden wird seit einigen Wochen von einer rechtsterroristischen Welle heimgesucht, die seinesgleichen in Europa nicht hat. Überfälle und Morde entlarven eine bestens organisierte und weltweit vernetzte braune Szene. Warum in Schweden, warum jetzt? Ist es die zunehmende Öffnung nach Europa, die durch überstrapazierten Sozialismus dümelnde Wirtschaftslage, ist es der Propagandadschungel Internet? Am vergangenen Dienstag veröffentlichten die vier grössten Landeszeitungen Schwedens ein gleichlautendes Editorial und die Liste von 62 in Schweden lebenden Neonazis (vgl. Seite 1) auf der Frontseite und warnten somit vor den Gefahren, die Geister beschwören, die Schweden nie kannte.
Aller guten Taten in der Vergangenheit zum Trotz zeigt sich am Beispiel Schweden, dass Aufklärungs- und Erziehungsarbeit in jeder Generation tagtäglich wichtig ist. Für die Schweiz bedeutet dies, dass der in einer Woche erscheinende Flüchtlingsbericht nicht der Abschluss eines Kapitels der Geschichte sein darf, sondern einen symbolischen Anfang darstellen muss. Nicht das Thema Holocaust, aber die wirksame Erziehungsarbeit soll die Konsequenz aus der Aufarbeitung sein. Die Millionen, die da investiert wurden für die Wahrheitsfindung, sind vor allem dann gerechtfertigt, wenn sich auf dieser Basis schliesslich im Erziehungssystem, in Schulen und Universitäten Einlass findet. Und so ist Michel Friedmanns engagierte Rede in Zürich (vgl. INside-S. 17) am Noam-Gala-Dinner im Haus der jüdischen Jugend zu verstehen, wenn er sagt: «Kinder werden nicht als Rassisten, Kinder werden nicht als Antisemiten geboren.»


