Von den Gebeten ergriffen werden
Was steht in den Selichot und weshalb sind sie für den Glauben so bedeutsam? Die Thora erklärt uns den Sinn der Busse. Im 5. Buch Mose, Kap. 30 stehen die folgenden Worte: «Wenn alle diese Dinge - der Segen und der Fluch, den Ich (Gott) vor dich hingebe - sich ereignen, so nimm es dir zu Herzen... und kehr um zum Herrn, deinem Gott, hör auf Seine Stimme, nach allem, was ich (Moses) dir heute gebiete, du und deine Kinder, mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele. Dann wird der Herr, dein Gott, dein Geschick wenden und sich Deiner erbarmen...».Zwei wesentliche Gedanken stehen in diesem Text. Zum Ersten wird das Nachdenken über geschichtliche Ereignisse gefordert. Was sich im Leben der Gemeinschaft wie des Einzelnen ereignet, ist kein zufälliges Geschehen. Es ist vielmehr bedingt durch das Verhalten dieser Gemeinschaft und dieses einzelnen Menschen. Die Reflexion kann und soll zur erneuten Hinwendung zu Gott führen. Zum Zweiten stellt der Text in Aussicht, dass Gott auf die Hinwendung entsprechend reagiert und dem Umkehrenden Sein Erbarmen schenkt. Den ersten Schritt tut der Mensch, weil er auch von Gott abgefallen ist. Alles Weitere ergibt sich in dieser Kausalkette von Schuld-Umkehr-Erbarmen von selbst. Wenn der sündig gewordene Mensch sich erst einmal auf seine Schuld besinnt und die Konsequenzen zieht, dann kann die Vergebung Gottes nicht ausbleiben.
In den Bussgebeten der jüdischen Liturgie findet der Jude jene Anregungen und Gedankenanstösse, die ihn auf den richtigen Weg zurückrufen wollen. Seine «Teschuwah» (Umkehr) besteht in einem erneuten Antworten (ebenfalls Teschuwah), einem Antworten auf die Fragen seiner Existenz. Wo er bisher gefehlt hat, kann er neu einsetzen. Seine Fehler sind das Letzte nicht, denn auf die Fehler folgt deren Tilgung durch eine Korrektur des Kurses, durch eine neue Weichenstellung. Die Zusage der Bibel ist äusserst tröstlich. «Wenn du umkehrst... wendet der Herr dein Geschick». Nach dem ersten Schritt des Menschen kommt der erste Schritt seines Schöpfers. Mit einer Sicherheit, die keinen Zweifel lässt.Voraussetzung ist dabei freilich nicht nur die Bereitschaft zur Umkehr, sondern die Bereitschaft, dies «aus ganzem Herzen und aus ganzer Seele» zu tun. Dreimal ist in den ersten 10 Versen des 30. Kapitels diese sprachliche Wendung verzeichnet. «Mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele.» Es ist die Wendung, die im jüdischen Glaubensbekenntnis des Schma Israel im 5. Buch Mose, Kap. 6, Verse 4ff auftritt, wenn von der Liebe zu Gott gesprochen wird: «Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig. Und du sollst lieben den Herrn, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft.» Das ist offensichtlich von höchster Bedeutung. Nur mit ganzem Herzen - nicht halbherzig - lassen sich die Gottesliebe und die Umkehr zu Gott verwirklichen. Notwendig ist die totale Konzentration, die völlige, ungeteilte Hingabe an Ihn. Das Werk ist zu schwer, als dass ein geschmälertes Sichhinwenden es zu erfüllen vermöge. Wenn sich daher am Samstagabend zu später Nachtstunde die jüdische Gemeinschaft zum ersten Mal in diesem Jahr zu den Selichot-Gebeten einfindet, steht sie vor einer schweren Aufgabe: die Gebete, die in sprachlicher Hinsicht nicht immer leicht verständlich sind, nicht nur mit dem Verstand zu begreifen, sondern mit dem Herzen, dem Gefühl zu ergreifen, von den Gebeten ergriffen zu werden, damit ihr aus diesen Gebeten die Kraft erwächst, zu Gott umzukehren und einen wirklichen Neubeginn zu vollziehen.
Die Weisen des Talmuds bekunden durch eine Fülle von Aussprüchen, dass dieser Neubeginn möglich ist. Zum Satze aus dem Buch Hiob «Draussen übernachtet der Fremde nicht» bemerken sie: «Aus ihm ergibt sich, dass der Heilige, gelobt sei Er, die Umkehrenden bei sich aufnimmt. Die Tore sind jederzeit geöffnet - wer eintreten will, kann eintreten.» Oder: «Der Heilige, gelobt sei Er, sprach zum Propheten Jeremia: \"Sag den Israeliten, sie sollen die Umkehr vollziehen.\" Er tat es. Da antworteten sie: \"Wie können wir die Umkehr tun - haben wir Gott nicht erzürnt, nicht auf den Bergen fremden Göttern gedient, die es nicht gibt?\" Gott sprach daraufhin zu Jeremia: \"Sag dem Volk: Wenn ihr zu mir kommt, kommt ihr da nicht zu eurem Vater?\"»
Die Umkehr zu Gott ist weder an einen Zeitpunkt gebunden, noch ist sie ein Ding der Unmöglichkeit. Trotz menschlichen Versagens besteht die Gott-Mensch-Beziehung ungebrochen fort. Es hängt bloss vom Willen des Menschen ab, ob die Umkehr Wirklichkeit wird.
Die JR veröffentlicht regelmässig Texte aus dem Nachlass von Roland Gradwohl. Dieser Text wurde erstmals vom Norddeutschen Rundfunk ausgestrahlt.


