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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Vom wahnhaften Ordnungssystem

von Gisela Blau, October 9, 2008
Der Historiker Stefan Mächler und der Filmer Kaspar Kasics waren die ersten, die Recherchen über die antisemitische schweizerische Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkriegs betrieben, darüber schrieben und einen Film drehten. «Closed Country» wird in der deutschen Version dreimal am Filmfestival von Locarno gezeigt. Die Zeitzeugen werden an der ersten Vorführung anwesend sein.
Leben im Schatten der Vergangenheit: Sabine Sonabend wurde von der Schweiz 1942 in den fast sicheren Tod geschickt. - Foto: PD
Prinzipienfest und geradlinig bis heute: Offizier Fritz Staub der Schweizer Grenzwache.

Alle reden nur vom Spielfilm, wenn vom gestern gestarteten Filmfestival von Locarno die Rede ist. Dabei wird am übernächsten Wochenende (12./13./14. August) im Rahmen der «Perspective Suisse» ein Schweizer Dokumentarfilm gezeigt, der bereits im Ausland Aufsehen erregte: «Closed Country», im breitesten Sinn ein Film über die Schweizer Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg. An der Berlinale im Februar 1999 erlebte er seine Weltpremiere im «Panorama», wo jeweils nur sieben Dok-Filme gezeigt werden, also in äusserst exklusivem Rahmen. Marco Müller, der Direktor von Locarno, wollte ihn unbedingt haben - noch nie nahm ein Dok-Film an beiden Festivals teil. Im Juli war «Closed Country» auch in Jerusalem am Filmfestival zu sehen und erhielt eine ehrenvolle Erwähnung. Vier Jahre Arbeit stecken in «Closed Country». Der Historiker Stefan Mächler (42) entdeckte vor sieben Jahren während der Arbeit für Jad Waschem an den Flüchtlingsdossiers im Schweizer Bundesarchiv die Akte der abgewiesenen Familie Sonabend, die falsch abgelegt gewesen war und deshalb noch existierte - bei den aufgenommenen Flüchtlingen nämlich. Mächler sprach den promovierten Germanisten und Filmer Kaspar Kasics (47) darauf an, der früher für das Schweizer Fernsehen arbeitete und sich mit seiner eigenen eXtra Film auf zeitkritische Dokumentarfilme spezialisiert hat. 1995 reichten die beiden einen Vorschlag ein, der noch den Arbeitstitel «Projekt Rothmund» trug. Nur die Stadt Zürich und das Fernsehen erkannten die Tragweite und sprachen Geld für die Projektentwicklung. Überall sonst, vor allem beim Bund, stiessen die Autoren auf Ablehnung: Wer wolle denn diesen alten Käse noch sehen? Doch 1996 brach die Vergangenheitsdebatte aufgrund der Kontroverse über nachrichtenlose Vermögen auf Schweizer Banken mit voller Wucht los, und plötzlich war die Verfilmung möglich. Für das Drehbuch zeichnen Mächler und Kasics gemeinsam verantwortlich, Kasics führte gleichzeitig die Regie. Es ist dem Team gelungen, die Zeitgeschichte aus der Gegenwart heraus zu erzählen, als Konfrontation von Zeitzeugen. Mächler und Kasics fanden neben der Familie Sonabend, die über die Grenze gestellt wurde, auch die Familie Popowski, die bleiben durfte - alles zur gleichen Zeit im Sommer 1942.
Beide Familien hatten sich aus Polen erst nach Belgien geflüchtet, lebten sogar im gleichen Quartier in Brüssel, nahmen beinahe den gleichen Weg in die Schweiz, ohne von ihrem gleichen und doch so grundlegend verschiedenen Schicksal zu wissen. Für den Film trafen sich die ehemaligen Sonabend-Kinder, die nur wie durch ein Wunder überlebten, während ihre Eltern in Auschwitz ermordet wurden, mit den ehemaligen Popowski-Kindern, die ganz legal in der Schweiz das Kriegsende abwarten durften. Es gelang auch, den damals für die Ausweisung der Sonabends zuständigen Grenzwachtoffizier zu finden, der ebenfalls im Film aussagt, ebenso die Witwe von Oscar Schürch, der rechten Hand des Polizeidirektors Heinrich Rothmund.
«Unser Thema geht weit über die Flüchtlingspolitik hinaus», sagt Kasics zur JR. «Uns interessierte die Haltung, die Einstellung und die Bürokratie, das wahnhafte Ordnungssystem. Wie war das Menschenunmögliche möglich? Wie konnte man Leute zurück in den Tod schicken?» Kasics ist stolz darauf, dass es seiner und Mächlers Behutsamkeit gelungen ist, Menschen zum Reden zu bringen, die bisher noch nie irgendwo aussagen mochten, beispielsweise Sabine Sonabend.
Das weitere Schicksal des in Super 16 aufwendig gedrehten Films, der ebenso aufwendig recherchiert wurde, ist allerdings noch ungewiss. Der Kinostart im Herbst/Winter 1999 steht noch längst nicht fest - die Verleiher sind skeptisch. Vielleicht überzeugt sie ein Erfolg in Locarno, «Closed Country» auch im Kino einem breiten Publikum zu zeigen.

Filmfestival Locarno, Perspective Suisse, 12. August, um 11 Uhr im FEVI unter Anwesenheit der Zeitzeugen, am 13. August um 14.30 Uhr im Morettina und am 14. August um 18.30 Uhr im Otello.





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