Vom Schiff ins Lager
Murray Greenfield (ganz rechts) erzählt einer Gruppe von kanadischen Touristen von seiner Zeit als Volontär auf dem Schiff «Hatikvah», das nach dem Weltkrieg als Blockadebrecher «illegale» Einwanderer ins britisch kontrollierte Palästina brachte.
1939 veröffentlichte Grossbritannien als Mandatsmacht über Palästina ihr sogenanntes «Weisspapier», das die Zahl der jüdischen Einwanderer für die kommenden fünf Jahre auf 75000 fixierte. Zwischen Mai und September jenes Jahres waren bereits 15000 «Illegale» eingetroffen. Die Briten beschlossen, die Einwanderung mit eiserner Faust zu kontrollieren, obwohl sie genau wussten, dass praktisch alle ankommenden Juden der Verfolgung und dem fast sicheren Tode in Nazi-Europa entflohen waren.
Geheime Einwanderung
Die einseitig ausgeübte Kontrolle durch die Briten, welche das Recht der Juden einschränkte, nach Palästina einzuwandern, wurde von diesen nie akzeptiert. Nach dem Kriege reisten über 32 000 europäisch-jüdische Immigranten auf alten, in den USA gekauften und zur Hauptsache von freiwilligen amerikanischen Seeleuten bemannten Schiffen nach Palästina. Nachdem die Schiffe oft haarsträubende Reisen über den Atlantik hinter sich gebracht hatten, wurden die Immigranten an den verschiedensten Mittelmeer-Häfen an Bord gelassen. Auf ihrem Wege nach Palästina mussten viele der Schiffe britische Seeblockaden passieren, und viele der Passagiere wurden nach dem Anlegen von den Engländern aufgegriffen und in Atlit oder auf dem damals ebenfalls britisch kontrollierten Zypern interniert. Dass es sich bei den Immigranten um die kümmerlichen Reste von sechs Millionen europäischen Juden handelte, interessierte die Briten keinen Deut.
Atlit ist heute ein der geheimen Einwanderung gewidmetes Museum. Einige der Hütten wurden instand gesetzt, und die Besucher können einen Eindruck davon gewinnen wie sie vor einem halben Jahrhundert ausgesehen haben. Zwei Menschen, die in den zehn Jahren nach 1941 im damaligen Palästina sehr aktiv waren, trafen sich kürzlich in Atlit wieder.
Im Jahre 1947 gehörte der damals 21jährige New Yorker Murray Greenfield als Volontär zur Besatzung der «Hatikvah». Das Schiff, das dann schon fast 50 Jahre auf dem Buckel hatte, war ein ehemaliger kanadischer Eisbrecher, der den St. Lawrence-Fluss durchpflügte. Greenfield nannte es einen «alten rostigen Kessel». In Atlit erzählte er einer Gruppe kanadischer Besucher die Geschichte der nordamerikanischen Freiwilligen.
«Es gibt viele Geschichten», sagte er mit einem Zwinkern in den Augen, «welche die Entschlossenheit der freiwilligen Seeleute belegen. Ein britischer Zerstörer legte einmal neben der «Hatikva» an, und über Megaphon meldete sich eine Stimme mit der Routinebotschaft: «Ihre Reise ist illegal, Ihr Schiff ist nicht seetüchtig. Im Namen der Menschlichkeit, ergeben Sie sich». Darauf bat das britische Schiff den Kapitän der «Hatikva», sich zu identifizieren. Wir brachten einen zehnjährigen Jungen auf die Brücke und wiesen ihn an, auf englisch zu sagen: «Ich bin der Kapitän.»Nach einer Weile gelang es den Briten erwartungsgemäss, das Schiff zu betreten. Nach einem Handgemenge, bei dem auch Tränengas eingesetzt wurde, überwältigten sie das Immigrantenschiff und schleppten es in den Hafen von Haifa. Zusammen mit der Besatzung überführten die Briten die Einwanderer daraufhin nach Zypern. Nach einer Internierung von beinahe vier Monaten auf der Insel wurden die meisten der Amerikaner nach Atlit gebracht.
Begegnungen am Stacheldraht
Greenfield erinnert sich an den Besuch einer amerikanisch-jüdischen Delegation, die nach Atlit gekommen war, um sich ein Bild von den Lebensbedingungen der Gefangenen zu machen. Judith Epstein, eine ehemalige Hadassa-Präsidentin, erkannte einen der amerikanischen Volontäre und wandte sich an ihn: «Harold Katz, was machst du hinter Stacheldraht?» Worauf Katz ihr antwortete: «Frau Epstein, was machen Sie vor dem Stacheldraht?»
Für den Kanadier Mickey Kestenbaum hatte der Besuch in Atlit eine ganz andere Dimension. Als 23-Jähriger wurde er dort 1941 von den Briten wegen seines Visums verhört. Von Atlit hat er allerdings nur verschwommene Erinnerungen, wurde er doch nach einem Tag schon wieder auf freien Fuss gesetzt. «Ich kam am 9. Januar 1941 legal nach Palästina», erzählte Kestenbaum, der zuvor mit gefälschten Papieren, die ihn als römisch-katholischen Mann ausgewiesen hatten, aus Ungarn ausreisen konnte. «Ich kam mit einem türkischen Visum, das ich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen erhalten hatte. Ich kam auf dem Landwege und betrat Palästina bei Rosch Hanikra, von wo aus ich nach Atlit gebracht wurde. Zwei meiner Freunde, die von meiner Verhaftung gehört hatten, kamen von Jerusalem nach Atlit, um meine Freilassung zu erwirken. Die Briten behielten mich nicht, denn sie akzeptierten meine Papiere.»
Dank seiner Papiere konnte Kestenbaum an der Hebräischen Universität studieren. Gleichzeitig schloss er sich der jüdischen Untergrundarmee «Haganah» an. 1941 stiess Kestenbaum zur britischen Armee, wo er einer Gruppe von jüdischen Freiwilligen zugeteilt wurde, aus der sich die Jüdische Brigade entwickelte. Bis 1952 blieb Kestenbaum in Israel, bevor er für 13 Jahre nach London und dann nach Toronto ging. Auch jetzt, im Alter von 82 Jahren, schaut Kestenbaum lieber in die Zukunft als in die Vergangenheit. Im kommenden Sommer hofft er, an der Universität von Toronto sein Schlussexamen in Geschichte zu bestehen.
Isranet


