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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Vom Reden in die Traufe

von Rita Schwarzer, October 9, 2008
Es war die erste öffentliche Rede seit seinem Rücktritt als US-Präsident. Doch was Bill Clinton im Aventura Turnberry Jewish Center bei Miami über den Nahen Osten zu erzählen wusste, war von erstaunlicher Banalität - und überschattet von einer Kaskade aus Peinlichkeiten, Protesten und Pannen.
Bill Clinton: Auf in eine neue Zukunft. - Foto Keystone

Miami Beach - Wochenlang hatte Amir Baron, Vizepräsident des Aventura Turnberry Jewish Centers, mit Leuten aus Clintons Staff verhandelt. Zwei Tage nach Ablauf seiner Amtszeit in Washington, am 22. Januar, kam endlich der erlösende Fax: «Wir haben die Zusage!», frohlockte Baron.
Kaum war die frohe Kunde aus Washington eingetroffen, liefen in der 2000 Mitglieder kleinen Congregation die Telefone heiss. Zwei Wochen lang wurde das Center mit Anrufen und Briefen überschwemmt. Amir Baron hatte plötzlich jede Menge «nahe Freunde». Doch vergeblich: Die Tickets waren bereits am ersten Tage restlos ausverkauft.
75 Dollar musste bezahlen, wer den ehemaligen Präsidenten hören wollte. 125 Dollar kostete das anschliessende Gala-Dinner mit ihm als Ehrengast. Und 5000 USD pro Paar musste hinblättern, wer am vorausgehenden Empfang im kleinen Kreis dabei sein wollte. 100 solcher Tickets wurden verkauft. - Bill Clintons Honorarforderung dürfte damit gedeckt sein. Über die bezahlte Summe will sich die Synagoge zwar nicht äussern. Doch kursieren in der Presse Schätzungen zwischen 100 000 und 125 000 Dollar.

Kaum Neues, dafür viel Belangloses

Das Aventura Turnberry Jewish Center hatte Bill Clinton gebeten, persönliche Einzelheiten zum Friedensprozess im Nahen Osten zu erzählen. Amir Baron war sich sicher, die Rede des früheren Staatschefs würde «das Ereignis des Jahres, der Dekade, des Jahrhunderts». Was der hohe Gast dann aber vor vollem Saal zum Besten gab, war weitgehend bekannt und belanglos. Zum Beispiel: «Eine der grossen Tragödien der letzten acht Jahre ist, dass die Feinde des Friedens immer einen Weg finden, um den Prozess mit Bomben aus dem Gleis zu werfen.» Bill Clinton verglich den israelisch-palästinensischen Konflikt mit einem Zahnabszess, den die Zeit allein nicht heilen könne. Er lobte Ariel Sharon, Ehud Barak und Shimon Peres, in seiner Regierung Schlüsselpositionen offeriert zu haben.
Trotz derlei Allgemeinplätzen feierte die Synagoge den Abend mit Bill Clinton als vollen Erfolg. «Es war grossartig, ihn hier zu haben», meinte die Pressesprecherin Marcelle May gegenüber der JR. «Alle waren begeistert.» Also keine Spur von Enttäuschung? «Nein», kommt es kurz und bündig, «keineswegs!» - Amir Baron war trotz diverser Versuche der JR für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Vielleicht wollte er sich aber auch einfach nicht äussern.

Die Folgen von Amnestien, Spenden etc.

Zwischen Einladung und Rede war Bill Clintons Image in der amerikanischen Öffentlichkeit nämlich einmal mehr massiv ins Rutschen geraten: Die Amnestie von Steuerflüchtling und Multimillionär Marc Rich, eine Spende der ehemaligen Rich-Gattin Denise in Höhe von 450 000 USD für Clintons Bibliothek sowie das ungenierte Zugreifen beim Auszug aus dem Weissen Haus, hat selbst viele bisher treue Clinton-Fans endgültig vor den Kopf gestossen. Von republikanischer Seite wird die rasante Image-Erosion in Senats-Hearings weiter geschürt. Mit Erfolg.
So ist inzwischen die Unternehmensspitze des Broker-Hauses Morgan Stanley umgekippt. Auch sie hatte Bill Clinton zu einer Rede geladen, allerdings fünf Tage vor seinem Auftritt in Aventura - während einer geschlossenen Firmenkonferenz im nördlicher gelegenen Boca-Raton. Kostenpunkt: Geschätzte 100 000 bis 150 000 Dollar. Als Clintons Rede publik wurde, hagelte es gemäss der «New York Times» Protestschreiben empörter Kunden. Einige drohten dem Wallstreet-Giganten gar, ihre Geschäfte künftig anderswo zu tätigen. Firmen-Präsident Philip J. Purcell griff daraufhin eigenhändig in die Tasten und entschuldigte sich per e-mail bei der aufgebrachten Clientel: «Ich verstehe Ihren Ärger voll und ganz (...) Wir hätten es uns zweimal überlegen sollen, an unserer Einladung festzuhalten.»
Doch damit nicht genug: Inzwischen wurde auch bekannt, dass Bill Clinton drei Tage vor seiner Rede in der Synagoge von Aventura im «Indian Creek Country Club» Golf spielte. Der vornehme Club, unweit von Aventura, ist für seine antisemitische und rassistische Tradition bekannt. Schon einmal war der ehemalige Präsident hier zu Gast. 1999, erinnert sich Indian Creek-Bürgermeister Leonard Miller gegenüber der JR, habe ihn die Clubleitung gebeten, Bill Clinton offiziell zu begrüssen. Miller weigerte sich damals mit der Begründung, der Präsident gehöre nicht in einen Club, der Juden und Farbige diskriminiere. Inzwischen gibt es zwar unter den rund 300 Clubmitgliedern «fünf, sechs jüdische - aber lediglich als Alibi», so Miller, «damit sie sagen können, sie hätten auch ein paar». Von der Gemeinde Indian Creek selber seien bislang keine Juden aufgenommen worden. Farbige Mitglieder gebe es in diesem alteingesessenen Etablissement überhaupt keine.
Die Jüdische Föderation von Geater Miami ist jetzt in die Offensive gegangen. Sie hat eine Resolution ausgearbeitet. Wenn das Leitungsgremium sie annimmt, geht an die jüdische Bevölkerung im Grossraum Miami der Appell, den «Indian Creek Country Club» wegen seiner diskriminierenden Mitgliederpolitik zu boykottieren. Bei Redaktionsschluss der JR war das Ergebnis zwar noch nicht bekannt. Es kann aber davon ausgegangen werden, dass diese Resolution verabschiedet wird.


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