Vom Judentum genährt auf Ich-Suche
Erich Pinchas Fromm, am 23. März 1900 in Frankfurt am Main geboren, stammte aus einem religiösen Elternhaus. Seine Grossmutter väterlicherseits war eine Tochter des berühmten «Würzburger Raw», einem der wichtigsten Vertreter des süddeutschen Judentums im 19. Jahrhundert, der seine Abstammung bis auf Raschi zurückführt. Fromms Mutter Rosa geb. Krause, zu der er zeitlebens ein zwiespältiges Verhältnis hatte, entstammte einer Familie von russischen Emigranten, die in Finnland zum Judentum übergetreten waren. Ihr Bruder Ludwig Krause wurde später ein bekannter Talmudist, der auch den jungen Erich Fromm unterrichtete.
Um Fromms spätere Lebenseinstellung zu begreifen, die ihn zu Werken wie «Die Furcht vor der Freiheit» oder «Haben und Sein» inspirierte - hier trennt er zwischen dem Leben auf der Stufe des authentischen «Seins» und dem von Habgier und Marktorientierung geprägten «Haben» - hilft ein Blick auf den Grossvater Seligmann Bär Bamberger. Von ihm, dem «Würzburger Raw», berichtet Erich Fromm in späteren Jahren: «Er war in allem stimmig und konsequent und selbst seine Gegner anerkannten, dass alles, was er tat und sagte, aus Überzeugung und Gewissenhaftigkeit kam und nie dazu diente, jemanden zu verletzen.»
Zwischen Religion und Kunst
Fromms Kindheit war von der gegensätzlichen Natur seiner Eltern überschattet, denn diese hatten sich sehr unterschiedliche Lebensziele für ihren Sohn ausgesucht. Die Mutter wollte aus ihm einen grossen Pianisten machen, der Vater schickte ihn zum Talmud-Unterricht. Dies schien Fromms eigenen Wünschen zu entsprechen, denn nach seinem Abitur studierte er Jura und setzte seine Talmud-Studien beim Frankfurter Rabbiner Nehemia Anton Nobel fort, zu dessen Kreis auch Martin Buber, Franz Rosenzweig und Siegfried Kracauer gehörten. Er sei «nicht orthodox im technischen Sinne, sondern konservativ und philosophisch sehr gebildet» gewesen, heisst es von ihm. Fromm beschrieb Nobel, der kaum50-jährig starb, als «Mischung aus talmudischer Gelehrsamkeit, mystischer Begabung und Liebe zu Goethe». Noch in anderer Weise wurde er für Fromm zum Vorbild, denn an ihm, schreibt Fromm, habe er erkannt, «dass in der Seele eines grossen Juden vieles Platz hat».
Ab 1919 studierte Fromm in Heidelberg, wo er fünf Jahre lang fast täglich bei Rabbiner Salman Baruch Rabinkow lernte. Auch Rabinkow, der einer chassidischen Familie entstammte und sich später Chabad zuwandte, verkörperte für Fromm den Typus des toleranten, weitherzigen Gelehrten. «Für seine Lehre war es ganz typisch», schreibt Fromm in seinen Erinnerungen, «dass er nach der radikal humanistischen Einstellung in der jüdischen Tradition suchte und sie auch fand: bei den Propheten, im Talmud, bei Maimonides oder in einer chassidischen Erzählung». Rabinkow betrachtete die Arbeit nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel, um geistige und religiöse Interessen pflegen zu können. «Letztes Ziel aller Arbeit ist die Selbstvervollkommnung und das wirksamste Mittel hierzu die wirtschaftliche Selbständigkeit, und mag sie auch mit materiellem Nachteil verbunden sein.»
Die Quelle aus der er schöpfte
Damit sind die Lebensthemen gesetzt, die Fromm später in seinen zahlreichen Veröffentlichungen ausführen sollte. Toleranz und Lebenszugewandtheit kommt zum Beispiel in seinem Begriff der Biophilie zum Ausdruck. Ihr entgegengesetzt ist die Nekrophilie -, Fromm bezeichnet sie als «Rache des ungelebten Lebens» -, die Orientierung an autoritären und destruktiven Haltungen, die auch im Marketing- und Haben-Charakter zum Ausdruck kommt.
1922 promovierte Fromm mit der Arbeit «Das jüdische Gesetz - Zur Soziologie des Diaspora-Judentums». Diese Arbeit, in dem er die Bedeutung des Gesetzes für das Überleben des jüdischen Volkes ohne eigene Nation darlegte, markiert Fromms allmähliche Abwendung vom praktizierten Judentum. Den Wert einer Religion würde Fromm später daran messen, inwieweit sie persönliches Wachstum und Selbstverantwortung des Menschen förderte. Fromms «Gott» sollte später X-Erfahrung heissen: aus dem zürnenden Gottvater war das Sinnbild von Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe geworden. Mit Sigmund Freud, dem Fromm persönlich übrigens nie begegnet ist, hat er manches gemeinsam: beide kämpften gegen die grossen Illusionen der Menschheit, wie sie im wunscherfüllenden Denken, in magischen Glaubensannahmen und der Suche nach einer äusseren Autorität zum Ausdruck kommen, die blinden Gehorsam fordernd, die regressiven Neigungen des Menschen, also seine frühkindlichen Wünsche nach Abhängigkeit und Unmündigkeit fördern. Fromms Kritik an der institutionalisierten Religion führte ihn später freilich auf einen anderen Weg. 1924 ging Fromm bei Frieda Reichmann, seiner späteren ersten Frau, in Psychoanalyse. Gemeinsam mit ihr gründete er das orthodox geführte Institut für Psychoanalyse, das wegen seiner ausschliesslich jüdischen Patienten auch «Thorapeuticum» genannt wurde. In diesen Jahren definierte Fromm sich als orthodoxer Freudianer, doch bald schon löste Fromm sich aus der Umklammerung der orthodoxen Psychoanalyse, widerrief ihre Kernaussagen wie die Triebtheorie und Universalität des Ödipuskomplexes, die Aussagen zur weiblichen Sexualität und Neurosen-Genese und bezeichnete die Psychoanalyse sogar als vom «Geist des Kapitalismus und der bürgerlichen Besitz- und Eigentumsverhältnisse» geprägt. Damit vollzog er einen Bruch, der ihm bis zum heutigen Tag nicht verziehen worden ist, denn anders als in der Öffentlichkeit, ist Fromm unter Psychoanalytikern keineswegs anerkannt.
Fromms sozialpsychologischer Ansatz führte ihn 1930 zum Frankfurter Institut für Sozialforschung, hier blieb er jedoch wegen seiner psychoanalytischen Ausrichtung Aussenseiter. Eine persönliche Kränkung, als sein Freund und Institutskollege Horckheimer, der sehr begütert war, es ablehnte, ihm Geld zu leihen, damit er seiner Mutter die amerikanischen Einreisepapiere besorgen konnte -, hat der sensible Fromm Horckheimer nie verziehen, und 1938 verliess er das Institut.
1940 erhielt Fromm die amerikanische Staatsbürgerschaft und gründete nach seinem Zerwürfnis mit der Gruppe der Freud-Schüler um Karen Horney 1943 das William Alanson White Institute in New York.
Die weiteren Stationen seiner Lebensreise führen Fromm mit seiner zweiten Frau Henny Gurland nach Mexico City, von wo aus er massgeblich die Psychoanalyse des spanischen Kulturraums bestimmte. Dieser Umzug war auch das Ergebnis von Fromms zunehmendem Interesse für nichtwestliche Kulturen und Religionen. Nachdem er 1940 an der Columbia University in New York den berühmten japanischen Zen-Buddhisten Daisetz T. Suzuki kennengelernt hatte, wandte er sich dem ZenBuddhismus zu, der ihn mit so paradoxen Forderungen wie «Lass mich das Geräusch einer einzelnen klatschenden Hand hören!» herausforderte. Im Leben Buddhas, der sich lossagte von einem privilegierten, von Luxus und Wohlhabenheit geprägten Umfeld, fand Fromm die radikale Ablehnung der «Haben-Haltung» zugunsten der «Sein-Haltung», die Fromm als Voraussetzung für ein authentisches Leben betrachtete.
Fromms Bereitwilligkeit, den Zen-Buddhismus und dessen Meditationspraktiken, Denkstrategien und Atemtechniken zu übernehmen, mag auch mit der hier gespürten Nähe zur tätigen Religiosität zu tun gehabt haben, wie er sie früher im orthodoxen Judentum fand. Auch der Zen-Buddhismus betont ja die unmittelbare Erfahrung und Lebenspraxis vor jedwedem Theoretisieren.
Der Einfluss des Buddhismus
In den späten fünfziger Jahren wollte er Suzuki sogar dazu bewegen, sich in der Nähe seines damaligen Wohnsitzes in Cuernavaca in Mexiko niederzulassen, wo er 1957 den Kongress «Zen-Buddhismus und Psychoanalyse» organisierte. Mit dem Zen-Buddhismus glaubte er ein psychoanalytisches Ziel erreicht zu haben: die Überwindung des ich-zentrierten Menschen zugunsten des liebesfähigen. Am deutlichsten formulierte er dieses Menschenbild in seinem 1956 erschienenen Werk «Die Kunst des Liebens». Hier vertritt er das Ideal der bewussten Lebensführung, Charakterläuterung und Selbsterkenntnis. 1953 heiratete er die Amerikanerin Freeman. Mit ihr lebte er in seinen späteren Lebensjahren in Lugano im Tessin. Dort starb er am 18. März 1980. Die Popularität und leichte Lesbarkeit der Schriften Erich Fromms hat mit dazu beigetragen, die Psychoanalyse und das hier vermittelte Weltbild der seelischen Gesundung und Wiederherstellung der Arbeits- und Liebesfähigkeit zu verbreiten, allerdings auch zu trivialisieren. dessen ungeachtet wurde Fromms Werk oft missverstanden. Anders als der aus seinem Atheismus keinen Hehl machende Sigmund Freud erkannte Erich Fromm, welche Bedeutung spirituelle Bedürfnisse haben. Ebenso wichtig wie die emotionalen Bedürfnisse ist der Wunsch des Menschen, seinem Leben einen Sinn zu geben. Erst hier wird seelische Heilung zur Selbsterlösung. Obwohl Fromm, nicht zuletzt durch die auch in späteren Jahren, wenngleich nur indirekt, verwirklichten jüdischen Traditionen, eine spirituelle Synthese gelang, verband er diese nicht länger mit der Vorstellung eines persönlichen Gottes.
Zurück zu den Wurzeln
Fromm, der auch in späteren Jahren gern chassidische Melodien vor sich hinsummte, gelang es, die Kluft zwischen den eigenen Ansprüchen und seinem Alltag zu verringern. In einer Zeit, die den Niedergang vieler Werte, vor allem den der Glaubwürdigkeit erlebt, erscheint Erich Fromms Leben vorbildhaft. Sein Schüler Rainer Funk beschrieb es zu Recht als «Kongruenz von Denken und Leben, von Geschriebenem und Gelebtem, von Überzeugungen und Charakter». Es mag daher nicht verwundern, dass Fromm nach seinem jahrzehntelangen politischen Engagement und dem Kampf gegen Folter und Unfreiheit als seinen Erben die Organisation «Amnesty International» bestimmte. Denn obwohl er dem praktizierten Judentum den Rücken zugekehrt hatte, lag in der Konsequenz, mit der Fromm ideal und Wirklichkeit, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden trachtete, eine seiner lebenslang bewahrten «jüdischen» Lebenshaltungen.


