Vom Haus zur Heimat, vom Entwurzelten zum Flüchtling
Bei den kommenden Verhandlungen über den «final status» wird die Frage der arabischen Flüchtlinge eines der zentralen Traktanden sein. Es handelt sich da um ein kompliziertes und schwieriges Problem, das zu ernsthaften Meinungsverschiedenheiten führen und dessen Lösung von politischen Fortschritten auf anderen Gebieten beeinflusst wird. Die Kompromissbereitschaft der Araber wird davon abhängen, zu welchen territorialen Zugeständnissen Israel bereit sein wird.
Doch bevor wir auf die praktischen Lösungsmöglichkeiten eingehen, wollen wir den moralischen Aspekt klären, der sowohl bei Palästinensern als auch bei einigen Israelis im Unklaren liegt, vor allem bei der jungen Generation, die grundlegende Tatsachen vergessen hat. Die Position der radikalen Linken und der Post-Zionisten, die im Grunde genommen davon überzeugt sind, dass im Rahmen der endgültigen Lösung die palästinensischen Flüchtlinge nach Israel zurückkehren, könnte bei den meisten Israelis, die eine Rückkehr der Palästinenser ablehnen, eine so heftige Reaktion auslösen, dass in diesem Streit auch die legitimen Forderungen der Palästinenser keine Chancen haben, berücksichtigt zu werden.
Zwischen Moral und Fakten
Am 29. November 1947 hat die UNO beschlossen, Erez Israel in zwei Staaten zu teilen – in einen palästinensischen und in einen israelischen, und das Territorium sollte mehr oder weniger gleichmässig zwischen den beiden aufgeteilt werden, unter Berücksichtigung der demographischen Relationen. Der jüdische «Jishuv» zählte damals rund 600 000, die Palästinenser 1,3 Millionen Seelen. Die Juden erhielten grosse Teile der Wüste, um die vielen jüdischen Flüchtlinge zu absorbieren, die vor den Toren warteten. Während nämlich bei der palästinensischen Bevölkerung bloss ein natürliches demographisches Wachstum erwartet wurde, ging man davon aus, dass der jüdische Staat sich der Lösung der jüdischen Frage annehmen und eine starke Einwanderung absorbieren würde, vor allem Überlebende des Holocaust. Trotz der damaligen Zahlenverhältnisse zwischen den beiden Völkern wurde eine annähernd identische territoriale Aufteilung beschlossen; aber den grössten Teil des fruchtbaren Landes von Erez Israel (mehr als 70 Prozent) erhielten die Palästinenser zugesprochen.
Zu jener Zeit, am 29. November 1947, gab es in ganz Erez Israel nicht einen einzigen palästinensischen Flüchtling. Doch die Palästinenser lehnten den Teilungsplan kategorisch ab. Die Araber deklarierten damals, dass sie ihn rückgängig machen und die jüdische Präsenz in Erez Israel zerstören oder zumindest begrenzen würden. Als der aggressiv geführte Krieg der Palästinenser nicht zum Ziel führte und es ihnen nicht gelang, die Juden zu vertreiben, riefen die Palästinenser die arabischen Armeen auf, über ihr Gebiet in den jüdischen Staat einzufallen und ihn zu zerstören. Doch auch dieser Schritt führte nicht zum Erfolg. Heldenhaft verteidigten die Juden ihr neues Land, wehrten die Angreifer ab und eroberten an bestimmten Orten Land, das die UNO für den palästinensischen Staat bestimmt hatte. Während den Kampfhandlungen wurde eine Minderheit von Juden von Palästinensern vertrieben, aber auch viele Palästinenser mussten flüchten, so wie das in jedem Krieg vorkommt und vorkommen wird. Die Araber sind nicht mutiger oder feiger als jede andere Zivilbevölkerung, die mit der Invasion eines fremden Feindes konfrontiert ist. Doch man muss zugeben, dass gegen Ende der Kampfhandlungen palästinensische Dörfer von der israelischen Armee zerstört und dass deren Bewohner Ende 1949 mit Gewalt und ohne militärische Notwendigkeit über die Waffenstillstandsgrenze vertrieben wurden.
Flüchtlinge oder Entwurzelte
Allein, für die «Flüchtenden» und «Vertriebenen» hat sich, sowohl im Fall von Juden als auch von Palästinensern, unpräziserweise der Begriff «Flüchtlinge» eingebürgert, auch wenn es sich bei ihnen um Entwurzelte handelt - und es besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen. Ein Flüchtling ist ein Mensch, der aus seinem Heimatland geflüchtet ist oder vertrieben wurde. Ein Entwurzelter ist aus seinem Haus geflüchtet oder wurde aus ihm vertrieben, blieb aber innerhalb des Territoriums seiner Heimat.
Die Juden, die von Arabern aus ihren Häusern in der Altstadt, im Gusch Zion, in Atarot oder in Kfar Darom vertrieben wurden und im Gebiet des Staates Israel Zuflucht fanden, waren nicht einmal während eines einzigen Tages Flüchtlinge, sondern lediglich Entwurzelte, für die in der israelischen Heimat sofort ein neues Haus gefunden wurde. Aber die Palästinenser bezeichneten ihre Entwurzelten nicht als Entwurzelte, sondern nannten sie Flüchtlinge, obwohl diese in der palästinensischen Heimat blieben und höchstens zwanzig bis vierzig Kilometer von ihren früheren Häusern wohnten. Die Araber von Ashdod oder Ashkelon fanden sich in Gaza wieder, das lediglich zwanzig Kilometer von ihren früheren Anwesen entfernt liegt. Die Araber von Lod oder von Ramla gingen in die Gegend von Ramallah, 30 bis 40 Kilometer von ihren Städten entfernt. Es ist wahr, es gab auch Palästinenser, die aus Palästina flüchteten oder vertrieben wurden und in arabische Länder gingen: Ägypten, Syrien, Libanon oder Jordanien, wo sie meistens keine Staatsbürgerschaft erhielten, sondern den Flüchtlingsstatus behalten mussten.
Die palästinensische Tragödie
Hier beginnt die palästinensische Tragödie, für die aus moralischer Sicht die Palästinenser und die arabischen Staaten di-rekt verantwortlich sind. Auch wenn sie die legitime Hoffnung hatten, eines Tages den jüdischen Staat zu vernichten und ganz Palästina zurückzuerobern oder mindestens in ihre Häuser zurückzukehren, hätte das die entwurzelten Palästinenser nicht davon abhalten müssen, im Gebiet ihrer Heimat neue Häuser zu bauen sowie ein normales und anständiges Leben zu führen, statt ihre Existenz in Flüchtlingslagern zu verewigen.
Viele Menschen wechseln aus den verschiedensten Gründen ihren Wohnort innerhalb ihrer Heimat. Aber ein Mensch, der seine Heimatstadt und die Stadt seiner Väter verlässt, aus welchen Gründen auch immer, und in einen anderen Teil seines Heimatlandes übersiedelt, wird sich nicht als Flüchtling oder als Vertriebener verstehen. Auch die Evakuierten von Yamit waren keine Flüchtlinge, sondern Entwurzelte. Analoges gilt für den künftigen Friedensprozess: Die Siedler, die mit Gewalt aus Judäa, Samaria, aus dem Gazastreifen oder vom Golan evakuiert werden, werden nicht Flüchtlinge genannt werden.
Heim oder Heimat
Und hier kommen wir zum Kern der problematischen Auffassung der Palästinenser. Dieses Volk, das am Ende des 19. Jahrhunderts seine Identität gebildet und dann gefestigt hat, verwechselt bis zum heutigen Tag auf tragische Weise den Begriff Heimat mit dem Begriff Heim, und es gibt auch andere, darunter einige Israelis, die diesem Irrtum unterliegen.
Das Prinzip, das Land zu teilen, lehnten die Palästinenser während vielen Jahren ab und weigerten sich, den Staat Israel anzuerkennen. Sie dachten nur daran, nach Hause zurückzukehren, und so verurteilten sie sich selber dazu, ein erniedrigendes und armseliges Dasein zu führen, bar jeder minimalen Rechte. Und die palästinensischen Flüchtlinge in Syrien, Libanon und Ägypten erhielten nicht einmal die Staatsbürgerschaft, auf dass sie ihre Forderung nach Rückkehr nicht vergessen.
Aber für die Flüchtlinge von 1948 gibt es keine Rückkehr nach Hause. Denkbar ist bloss eine Rückkehr in die Heimat - und die ist in der Tat möglich. Ein Krieg ist kein Fussballspiel, bei dem nach dem Tor der einen Seite alle zur Mitte des Platzes zurückkehren, um das Spiel fortzusetzen. Wer einen Krieg beginnt, muss die Konsequenzen akzeptieren.
Geschichte einfrieren
Zu den Problemen der arabischen Nation gehört ihr Wille, die Geschichte einzufrieren. Jeder Mensch und jedes Volk hat Sehnsucht nach den guten Zeiten in seiner Geschichte - aber bei den Arabern wird dies zur regelrechten Vision. Ihre Existenz ist mühsam und deprimierend; wer heute arabische Länder besucht und die tyrannischen Regimes im Irak und in Syrien sieht, den mörderischen islamischen Fundamentalismus in Algerien und im Sudan, die erniedrigende Armut in Ägypten sowie die Resultate des Bürgerkriegs im Libanon, kann nicht anders als tief zu bedauern, was der grossen und herrlichen arabischen Nation widerfahren ist, die während des Mittelalters führend in der Wissenschaft und in der Architektur war, und für die grosse arabische Nation auf bessere Zeiten hoffen. Statt aber den Blick nach vorne zu richten, die Rechte der Bürger und die Demokratie zu verstärken, den Status der Frau zu verbessern, die Herausforderungen der modernen Welt anzunehmen, um die Wirtschaft zu entwickeln, die Geburtenrate zu reduzieren und noch viele andere Dinge, die asiatische und afrikanische Nationen, darunter auch muselmanische, vollbracht haben, die in viel grösserer Not waren als die Araber, fahren viele Araber damit fort, ohne Unterbruch die Wunden der kolonialistischen Periode aufzukratzen und weiter von einer magischen Rückkehr in die glorreichen Zeiten zu träumen.
Ungleiche historische Ausgangspunkte
Gegenüber den Palästinensern, die die Begriffe Haus und Heimat vermengen, steht ein Volk, das ein fast umgekehrtes Schicksal hat. Während der Geschichte hörten die Juden nicht auf, von Haus zu Haus zu wandern und die Länder so oft wie Kleider zu wechseln. Seit der Zerstörung des Ersten Tempels, als ein grosser Teil aus Babylon nicht mehr nach Hause zurückkehrte, betrachteten die Juden die Welt so, als ob sie eine Hotelkette wäre. Statt in seine Heimat in Erez Israel zurückzukehren, zog es der Jude aus existenziellen oder ökonomischen Gründen vor, sich einen neuen Ort zu suchen, wo er sich mit einer fast unerträglichen Leichtfertigkeit niederliess. Das jüdische Volk verstand den Begriff «Heimat» nicht und vermochte nicht, ihn zu verinnerlichen. Es ist deshalb kein Wunder, dass die Juden Heimatgefühle verachteten und erwarteten, dass sich auch die Palästinenser von ihrer wahren Heimat (nicht vom Haus) entfremden und ihnen vorschlugen, in die arabischen Länder zurückzukehren, als ob Heimat austauschbar wäre.
Was ist zu tun?
Zunächst müssen zwischen Ländern Grenzen bestimmt werden, damit sie voreinander getrennt sind, so wie es auf der ganzen Welt üblich ist. Zweitens müssen wir den palästinensischen Staat als Heimat der Palästinenser anerkennen. Dorthin - und nur dorthin - können im Laufe der Zeit all diejenigen zurückkehren, die vom Gesetz als palästinensische Flüchtlinge anerkannt werden.
Die Verantwortung der arabischen Staaten, das Flüchtlingsproblem zu verewigen, ist nicht kleiner als diejenige Israels während der Periode, als sie Herrscherin in den Gebieten war - vom Sechs-Tage-Krieg bis zum Oslo-Abkommen. Und deshalb müssen alle, natürlich auch die Palästinenser, bei der Lösung des Problems mitwirken. Zuerst müssen die Rechte der palästinensischen Vertriebenen wieder hergestellt werden, die in den künftigen palästinensischen Staat zurückkehren. Und danach muss die Infrastruktur bereitgestellt werden, um die übrigen Flüchtlinge aufzunehmen, die noch in arabischen Ländern sind. Es handelt sich dabei um einen langen Prozess, der viel Verstand und Geld benötigt. Wenn für dieses Ziel auf der ganzen Welt Geld gesammelt wird - und nicht für die privaten Bankkonti der PLO-Mitglieder - wird es wohl international unterstützt, auch in Israel. In diesem Rahmen wird man auch Zusammenführungen von Familien (nicht aber von Clans) prüfen können, um humanitäre Tragödien zu beenden.
Zum Schluss: Eine klare Unterscheidung zwischen Haus und Heimat, zwischen Entwurzeltem und Flüchtling, wird sowohl den palästinensischen als auch den israelischen Forderungen entgegenkommen. Das Flüchtlingsproblem kann gelöst werden, wenn alle Beteiligten mithelfen, einschliesslich der internationalen Gemeinschaft, die, statt die Flüchtlinge während 50 Jahren mit dem existenziell Notwendigen zu unterstützen und ihr Elend zu verewigen, von Anfang an hätte helfen sollen, die Wiedereingliederung zu ermöglichen. Damit hätte man ihnen viele Jahre des Leidens und der Erniedrigung erspart.


