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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Vom Aids-Virus in die Knie gezwungen

von Jacques Ungar, October 9, 2008
Die Enthüllung, wonach die israelische Sängerin Ofra Haza letzte Woche im Alter von 41 Jahren an Aids gestorben ist, ist ein Schock für ihre zahllosen Anhänger und Anhängerinnen in Israel und in aller Welt. Keiner kann verstehen, wie diese wegen ihres makellosen Lebenswandels geliebte und verehrte Frau dieser Krankheit zum Opfer fallen konnte. Dessen ungeachtet hat Ofra Haza sich mit ihrem künstlerischen Wirken ein Denkmal gesetzt, zu dem noch viele Generationen aufblicken werden.
Ofra Haza s. A. - Foto Keystone / Benzian Freundschaftlich verbunden und gemeinsam am Schicksal der jemenitischen Juden interessiert: JR-Korrespondent Jacques Ungar und seine Frau Tamar (r.) mit Ofra Haza.

Der Kontrast hätte stärker nicht sein können. Das Massenblatt «Yediot Achronot» veröffentlichte am Montag ein halbseitiges Bild vom blumenüberdeckten Grab der letzte Woche im Alter von nur 41 Jahren verstorbenen Sängerin Ofra Haza und schrieb dazu, dass nach wie vor täglich tausende von Fans und Freunde die Grabstätte und das Heim der ungemein populären und beliebten Frau besuchen würden.Ganz anders der «Haaretz». Er schockierte die Öffentlichkeit gleichentags mit der Enthüllung auf der ersten Seite, wonach Offizielle des israelischen Gesundheitsministeriums zugegeben haben sollen, dass Ofra Haza an Aids gestorben sei. Als erstes Medium des jüdischen Staates hatte die liberale Zeitung mit ihrer Publikation einen ungeschriebenen Pakt gebrochen, wonach mit Rücksicht auf die Familie, aber auch auf das weltweit hohe Ansehen Ofra Hazas selber das, was seit Tagen als Gerücht herumgeboten wurde, nicht expressis verbis zu verbreiten sei. In seinem Editorial schreibt «Haaretz» am Montag, Ofra Haza habe die Liebe tausender von Fans genossen und ihr Einfluss auf Israels Kultur werde unauslöschbar sein. «Dessen ungeachtet darf die letzte Phase in Ofras Leben, und mag sie noch so bedauerlich und schmerzvoll sein, nicht von den anderen Kapiteln getrennt und ausgelassen werden.» Wörtlich endet das Editorial: «Ofra Haza war eine beispielhafte, nachahmenswerte Figur. Sie hat Massstäbe gesetzt und, ohne dies unbedingt zu wollen, öffentliche Wertvorstellungen beeinflusst. Ihr Leiden war eine Krankheit, unter der Menschen leiden, und ihre Haltung gegenüber dieser Krankheit beeinflusst gesunde wie kranke Menschen. Über der Erinnerung an sie darf keine düstere Wolke hängen.»
Zweifelsohne wird sowohl das schockierende Ende dieser Idealfigur der israelischen Musikszene als auch der verzweifelte Versuch, die Hintergründe zu vertuschen, die Gemüter noch lange bewegen. Ins Zentrum der Diskussion dürfte dabei die Frage rücken, wie die für ihren seriösen Lebenswandel bekannte Ofra Haza sich mit dieser schrecklichen Krankheit anstecken konnte. Auch in dieser Beziehung hängt der israelische Himmel seit Tagen schon voller hartnäckiger Gerüchte, und früher oder später wird die Wahrheit ans Tageslicht gezerrt werden.Ofra Haza wuchs als das jüngste von neun Kindern einer aus dem Jemen stammenden Familie im Tel Aviver Hatikwa-Viertel in sehr bescheidenen Verhältnissen auf. Sie war erst 12 Jahre alt, als Bezalel Aloni, der später ihr Manager und enger Vertrauter werden sollte, sie in einer Theatergruppe des Quartiers entdeckte. Schon mit 19 hatte Ofra sich als Solosängerin fest in der israelischen Szene etabliert. Das Welt-Publikum wurde 1983 auf sie aufmerksam, als sie mit «Chai» den zweiten Platz am internationalen Chanson-Wettbewerb der Eurovision errang. 1985 folgte mit «Yemenite Songs» Ofra Hazas erstes internationales Album, und Ende der 80er Jahre lag die Sängerin mit «Im Ninalu» wochenlang auf dem ersten Platz europäischer Hitparaden. Mit dem Album «Shaday» festigte sie ihre Stellung in den USA, Kanada und Japan. Ofra erhielt zahlreiche Preise, u.a. in New York und Tokio, doch die höchste Auszeichnung kam für sie, als Yitzchak Rabin sie 1994 bat, bei der Zeremonie zur Verleihung des Friedens-Nobelpreises an ihn, Shimon Peres und Yasser Arafat in Oslo aufzutreten.
Erst im Alter von 38 Jahren heiratete Ofra Haza 1997 den Geschäftsmann Doron Ashkenazi. Die Erfüllung des sehnlichen Wunsches nach einem Kind blieb der Sängerin versagt. Sonst aber war sie rundum glücklich, auch dann, als sie im Februar 1987 zusammen mit Bezalel Aloni einen Flugzeugabsturz an der jordanisch-israelischen Grenze überlebte.
Ein weiterer Wunsch, den Ofra Haza sich aus politischen Gründen nicht erfüllen konnte, war ein Besuch in Jemen, dem Land, aus dem ihre Eltern bereits 1929 ausgewandert waren. Zwar gab es mit den führenden Kreisen in Sana\'a zahlreiche Kontakte auf höchster Ebene, denn auch die Jemeniten hätten «ihre» Haza, deren Kassetten in zahlreichen Geschäften des Landes erhältlich sind, liebend gerne bei sich zu Gast gehabt. Da Ofra aber eisern darauf bestand, nur mit einem israelischen Pass nach Jemen zu reisen, musste das Projekt immer wieder schubladisiert werden. Sicher hätte die Sängerin grosse Freude an den jüngsten Meldungen gehabt, die davon sprechen, dass der Jemen nun endlich Israelis jemenitischen Ursprungs als Touristen einreisen lassen will - allerdings auch nicht mit israelischen Pässen, sondern nur mit Reisedokumenten eines Drittlandes oder mit sogen. «Laissez-Passer», temporäre Ausweise, die jemenitische Botschaften im Ausland ausstellen werden.
Ofra Hazas Lebenswerk, die harmonische Kombination westlicher mit orientalisch-jemenitischer Musik, ohne dass ein Genre versucht hätte, den anderen zu übertrumpfen, wird für viele Generationen wegweisend sein.


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