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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

«Verpasste Chance»

von Gisela Blau, October 9, 2008
Fehlen wird eine gewichtige Stimme der jüdischen Gemeinschaft in der Schweiz am Abend des 6. März, wenn im Grossen Saal des ICZ-Gemeindehauses über die Befindlichkeit der Juden in Europa, ganz besonders jener in Österreich, aber auch in Deutschland und der Schweiz berichtet wird. Rolf Bloch, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), wird der Veranstaltung fern bleiben. Er erhielt, genau wie die anderen Mitglieder der SIG-Geschäftsleitung und des Central-Comités, eine offizielle, unpersönliche Einladung ohnehin erst am Montag dieser Woche.
Affront: Die ICZ brüskiert den SIG-Präsidenten Rolf Bloch. - Foto Keystone

So kurzfristig, sagt Rolf Bloch, könne er sich nicht mehr frei machen. Inoffiziell wusste er schon etwas länger von der Veranstaltung, wie viele andere Leute auch, nicht zuletzt wegen eines Inserats in den jüdischen Medien. Aber ganz offensichtlich gefällt es Bloch nicht, dass das Referat über die jüdische Gemeinschaft in der Schweiz nicht von einem SIG-Vertreter, sondern vom Präsidenten der Israelitischen Cultusgemeinde, Werner Rom, gehalten wird. SIG-Generalsekretär Martin Rosenfeld sagt dazu, es sei seine ganz persönliche Meinung, dass dies sogar ein Affront gegenüber dem SIG und Rolf Bloch sei. Irritiert gibt sich Bloch gegenüber der JR überhaupt nicht, schon gar nicht verärgert, aber «voller Bedauern»: «Es ist eine verpasste Chance», betont er. «Man hätte, wie früher auch schon, daraus ein Treffen aller drei deutschsprechenden Landesvertretungen, die im Europäisch-Jüdischen Kongress (EJC) zusammengeschlossen sind, machen müssen.»
Werner Rom, beruflich im Ausland, weiss nichts von einer Verstimmung und will sich deshalb nicht dazu äussern. Ausser: Der Wiener Haim Muzicant sei, genau wie er in der Schweiz, der Präsident der grössten jüdischen Gemeinde seines Landes. In Österreich sei die Duplizität des Präsidiums im Landesverband und der grössten Gemeinde schon fast vorgegeben, meint dazu Rolf Bloch. Michel Friedman seinerseits steht keiner deutschen Gemeinde vor, sondern ist Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und vertritt diesen im EJC.
An einer EJC-Tagung in Brüssel in der ersten Januarwoche wurde die Veranstaltung vom 6. März auch geboren. Michael Kohn, früherer EJC-Vizepräsident, war eingeladen gewesen, den noch von ihm erarbeiteten Entwurf neuer Statuten zu präsentieren. Spontan habe er Friedman und Muzicant für Referate in die Schweiz eingeladen, berichtet Michael Kohn. Er habe die Veranstaltung der ICZ angetragen, und Präsident wie Vorstand hätten sie gerne übernommen. Als Hausherr habe der ICZ-Präsident beschlossen, genau wie die ausländischen Gäste auch ein auf das eigene Land bezogenes Referat zu halten.
Ebenfalls in Brüssel hatten Rolf Bloch sowie der SIG-Vizepräsident und wahrscheinliche Nachfolger Blochs an der SIG-Spitze, Alfred Donath, ihren Kollegen Muzicant und Friedman vorgeschlagen, ein deutschsprachiges Treffen zu planen, sobald die Nachfolge des verstorbenen Ignatz Bubis an der Spitze des Zentralrats geregelt sei (was gleich darauf geschah). Als Michel Friedman sagte, es gebe bereits eine Einladung nach Zürich, hätten sie diese für eine  lokale Veranstaltung gehalten, berichtet Rolf Bloch. Ob und wann doch noch ein Präsidenten-Treffen im Dreiländer-Eck stattfinden wird, ist noch nicht fixiert.
Kohn ist davon überzeugt, dass die von ihm initiierte Berichterstattung aus drei Ländern am Abend des 6. März in der ICZ keineswegs gegen die Person von Rolf Bloch gerichtet sei und ausserdem so bedeutend sein werde, dass sie durch keine Verstimmung getrübt werden sollte. Gerade angesichts der jüngsten Entwicklungen in Österreich sei sie besonders aufschlussreich und verdiene einen grossen Publikumszuspruch.





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