Verlierer Arafat
In den Berichten aus Israel heisst es oft, in den Monaten der letzten Gewalt seien rund 400 Menschen ums Leben gekommen, meistens Palästinenser. Effektiv waren es bis jetzt 350 Palästinenser und 50 Israelis. Warum haben die Israelis denn so überwältigend für den rechtslastigen Hardliner Ariel Sharon gewählt, ein Dorn im Auge der Araber? Kennen sie die Zahlen nicht?
Sie kennen sie sehr wohl. Sie wissen auch, dass die meisten Palästinenser in Auseinandersetzungen getötet worden sind, die sie gegen die Israelis vom Zaume gebrochen haben. Hier ist nicht der Platz für eine Diskussion über «angemessene Kraftanwendung» oder darüber, ob Israel verurteilt werden sollte, weil es mit Kugeln auf Steine reagiert hat. Wir wollen aber unterstreichen, dass viele der Palästinenser sich des Risikos bewusst waren, als sie einen Stein aufnahmen und ihn gegen einen bewaffneten Soldaten warfen.
Zu den israelischen Toten aber zählen nicht nur Soldaten, die an ihren Stellungen angegriffen worden sind, sondern auch Zivilisten, die auf den Strassen der Westbank und des Gazastreifens fuhren. Hinzu kommen auch Kinder und Eltern, die vor den Augen ihrer Kinder ermordet worden sind. Zur erwähnten Zahl gehören auch Opfer von Messerstechern, Scharfschützen, der 16-jährige Junge, der von einer Palästinenserin per Internet nach Ramallah gelockt und dort umgebracht wurde, oder die zwei Soldaten, die sich verirrten und (ebenfalls in Ramallah) vom fanatisierten Mob gelyncht wurden. In anderen Worten: Die Israelis haben mehr als genug Gründe, um sich verunsichert zu fühlen. Wie hätten Sie unter solchen Umständen gewählt?
Der eigentliche Verlierer dieser Wahl ist nicht der so isoliert um einen Frieden ringende Ehud Barak, sondern Palästinenser-Führer Yasser Arafat. Barak hatte den Palästinensern praktisch alles offeriert, was sie erhoffen konnten: Fast die ganze Westbank, eine Hauptstadt in Jerusalem und die Autorität über islamische heilige Stätten. Arafat antwortete, indem er ein Ausmass der Gewalt entweder vom Zaume brach oder zumindest tolerierte, dass sogar linksgerichtete Israelis an der Kompromissbereitschaft der Palästinenser zweifeln liess. Weil er Israel gegenüber zu gemässigt war, wurde König Abdullah von Jordanien 1951 ermordet. Sein Nachfolger, König Hussein, überlebte diverse Mordanschläge. Und Ägyptens Präsident Anwar Sadat wurde von militanten Moslems erschossen, weil er mit Israel einen Friedensvertrag unterzeichnet hatte, während Yitzchak Rabin von einem Mitjuden wegen seines Versuchs umgebracht wurde, Frieden mit den Palästinensern zu schliessen.
Im Nahen Osten kann Mässigung tödlich sein, und wir alle haben Verständnis, wenn Arafat kalte Füsse bekommt. Als für ihn aber der Moment kam, sich vom Guerilla-Führer zum Staatsoberhaupt zu wandeln, brachte er es nicht fertig. Derzeit herrscht er über eine Diebesbande - ein Regime, in dem seine Genossen sich an der Beute erfreuen, die mit dem Blut der Freiheitskämpfe erkauft worden ist, und in dem eine Art Grenz-Justiz praktiziert wird. Ein Prozess ist nicht mehr als eine Verzögerung zwischen Anklage und Hinrichtung. Arafat hat wenig getan, um den fast täglichen Morden an Juden Einhalt zu gebieten. Vielleicht glaubte er, die Gewalt würde ihn nichts kosten. Ein Jude würde umgebracht, Barak würde die Suspension der Friedensgespräche anordnen, sie nach einem oder zwei Tagen aber wieder aufnehmen.
Die Gewalt forderte aber ihren Preis. Nicht nur hat sie die Israelis ihres Gefühls der Sicherheit beraubt. Sie führte auch dazu, dass sie begannen, sich über die Natur bzw. die Kultur des Volkes Gedanken zu machen, mit dem sie es zu tun hatten. Welche Art von Menschen greifen Schulbusse an? Wer legt eine Bombe auf einem Marktplatz? Wer ermordet voller Vergnügen unbewaffnete Reservisten und taucht dann seine Hand in das Blut des Sterbenden? Wer zerstört eine religiöse Stätte (das Josephsgrab), und wer erfreut sich am so genannten Märtyrertod von Kindern? Wer denn?
Das palästinensische Volk hegt einen tiefen Groll. Ihr Land wurde ihnen genommen. Viele von ihnen leben unter Besetzung. Sie sind der Verfolgung, Einschüchterung und den Launen des israelischen Militärs ausgesetzt, welches die extremen Siedler verteidigt, die oft nicht zu verteidigen sind. Israel kümmert sich wenig über den gelegentlichen Tod eines unschuldigen Zivilisten, der zu nahe dem Ziel eines israelischen Mordanschlags gestanden hat. Der Ärger der Palästinenser ist kein Wahnsinn; er ist sehr wohl am Platz. Doch Arafat wäre verpflichtet gewesen, im Hinblick auf einen potenziellen Frieden dazu Sorge zu tragen, dass Israel Vertrauen hat in seine Führung. Das misslang ihm so jämmerlich, dass sogar die amerikanischen Offiziellen, die den Friedensprozess voranzutreiben pflegten, nie sicher waren, ob Arafat je imstande sein würde, seine Pistole ein für allemal wegzulegen.
Als Folge seiner eigenen Handlungen steht Arafat jetzt Sharon gegenüber. Der ex-General weiss genau, dass sein überwältigender Sieg auf das Konto jener 50 jüdischen Opfer des palästinensischen Terrorismus geht. Zurzeit wenigstens ist der Friedensprozess ebenso tot wie diese Menschen. Und Arafat steht, zu seiner eigenen Schande sei es gesagt, mit dem rauchenden Gewehr in der Hand da.
(c) 2001, Washington Post Writers Group


