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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Vergöttere nicht Sonne und Mond

von Eva Burke, October 9, 2008
Über die kommende Sonnenfinsternis zerbrechen sich Astrologen und Astronomen die Köpfe. Während Wissenschafter dieses rare Ereignis durch Berechnungen und Theorien zu erklären versuchen, haben unsere weisen Vorväter das Thema kurz und bündig mit Aggadot, moralistischen Legenden, abgehandelt. Etwas andere Überlegungen zu einem Thema, dass die ganze Welt beschäftigt.
Sonnenfinsternis: Die jüdischen Quellen lassen keine Spekulationen zu. - Foto Reuters

Eine Mondfinsternis ist, nach den Lehren der Aggadot, ein böses Zeichen für Juden, wobei die Begründung in dem von den Juden befolgten Kalender liegt, der nach dem Mond und nicht nach der Sonne berechnet ist. Gründe für eine Mondfinsternis könnten in vier verschiedenen Sünden gefunden werden: Fälschung, falsche Zeugenaussage, Züchten von Kleinvieh in Erez Israel und das Fällen von Obstbäumen (vgl. Suk. 29a). Eine Sonnenfinsternis hingegen bedeute, so die Aggada, nicht unbedingt Gutes für das jüdische Volk. Vielmehr sei sie ein schlechtes Omen für die gesamte Welt. Auch sie wurzelt in vier Sünden, unter anderem im Begehen von Ehebruch oder darin, den Tod eines Oberrichters nicht genügend betrauert zu haben (En Jakob Fol. 29). Dabei lässt es die Aggada jedoch nicht bleiben. Wird die Eklipse am östlichen Horizont erblickt, kündet sie schlimme Nachrichten für die Bevölkerung dieses Weltteils an, vollzieht sie sich jedoch am westlichen Horizont, ist sie für den westlichen Bevölkerungsteil Bote von Unheil. Passiert die Sonnenfinsternis am Zenit, wird die gesamte Welt von Bösem befallen. Ist die Farbe der Eklipse Rot wie Blut, kündet sie Krieg an, ist die Eklipse Grau, bedeutet sie Hungersnot. Wechselt sie von Rot auf Grau, muss man sich auf beides - Krieg und Hungersnot - gefasst machen.

Nationen werden sich fürchten

Tritt die Eklipse bei Morgen- oder Abenddämmerung ein, ist Böses zu erahnen. Dieses lässt auf sich warten, wenn die Sonnenfinsternis spät abends oder während der Nacht (!) passiere. So steht es in der Aggada. Um die Verwirrung noch zu vervollständigen, fügt die Aggada gleich hinzu, dass die Symbolik der Zeichen auch vertauscht werden kann. «Keine Nation werde bestraft, nur ihre Götter.» Allenfalls müsse sich der gläubige Jude diesbezüglich nicht sorgen, sagte doch der Prophet Jeremijahu (10:2): Fürchte dich nicht vor den Zeichen im Himmel, obwohl die Nationen («gojim») sich vor diesen fürchten. «Die Nationen werden sich fürchten, nicht aber Israel» (B. Suk 29a). Davor meinte Jeremijahu noch: Lerne nicht von den anderen, folge nicht ihrem Beispiel! In anderen Worten: Vergöttere nicht Sonne und Mond! Man vermeint fast, aus dem Munde des biblischen Propheten die heute ausgesprochenen Warnungen der Ophthalmologen zu vernehmen, am nächsten Mittwoch um die frühe Mittagsstunde nicht in den Himmel zu gucken.

«Von Juden steht nichts geschrieben»

Unterdessen dürfte die Eklipse dennoch manch einen innerhalb der jüdischen Gemeinde unangenehm berühren - trotz Aggadot -, da ein «moderner Prophet», der den Verlauf der Börsenkurse vorauszusagen wisse, verlauten liess, dass am nächsten Mittwoch die Kurse in London fallen werden. «Ich glaube, dass die Sonneneklipse, im Gegensatz zum Millennium, das überdies auf einen Schabbat fällt, uns Juden nicht wesentlich berühren wird, nicht mehr oder weniger als andere Menschen», meinte Shlomo Levine, ein Londoner Lubavitcher Rebbe. Schmunzelnd verwies er dann auf einen Zeitungsartikel, der voraussagt, dass am kommenden Mittwoch Bienen zu summen, Vögel zu zwitschern aufhören und Hunde zu jaulen anfangen werden. «Von Juden», bemerkte der Rebbe lachend, «steht nichts geschrieben. Das ist gut.» Um jedoch die Arbeit der Wissenschafter nicht ganz zu verunglimpfen, möge auch der Talmud zitiert werden, der die Attribute von Weisheit und Einsicht mit der Fähigkeit, Jahreszeiten und den Kurs der Planeten zu berechnen, gleichsetzt (B. Shab 75b).





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