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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Vergebung für zweitausend Jahre

von Yair Sheleg, October 9, 2008
Um die Aufmerksamkeit der Welt im Vorfeld seines Besuches im Heiligen Lande zu erhöhen, wird Papst Johannes Paul II am kommenden Sonntag eine dramatische Bitte um Vergebung für die Sünden der Kirche veröffentlichen. Gemäss Rabbi David Rosen, einem der führenden Köpfe im Dialog zwischen dem jüdischen Volke und dem Vatikan, wird die Entschuldigung sich nicht nur an die Juden, sondern auch an die Moslems und die Protestanten richten.
Dialog und Entschuldigung: Papst Johannes Paul II und Roms Rabbiner Toav. - Fotoarchiv JR

Am kommenden Sonntag, rund zwei Wochen vor seinem Besuch in Israel, wird Papst Johannes Paul II. wahrscheinlich eine dramatische Bitte um Vergebung für die Sünden der katholischen Kirche in den letzten 2000 Jahren veröffentlichen. Diese Erklärung, die gewisse Beobachter leicht zynisch «die Entschuldigung des Millenniums» nennen, lautet im offiziellen Kirchenjargon und im Geiste der katholischen Beichtkultur «Mea Culpa» (Meine Schuld). Rabbi David Rosen, Direktor des Israel-Büros der Anti-Diffamationsliga (ADL), ist ein führender Kopf im Dialog zwischen Juden und dem Vatikan. Laut ihm vorliegenden Informationen wird sich der Papst vor allem für die Sünden der katholischen Kirche gegen die Juden, die moslemische Welt (die von der Inquisition ebenfalls verfolgt worden ist) und die Protestanten auf die Brust schlagen. Mit der Erklärung sollen die religiösen Gefühle angefacht und die Aufmerksamkeit der Welt im Vorfeld des Papst-Besuches in Israel geweckt werden. Der Pontifex selber hat dieses Jahr zum «grossen Jubiläum» der Geburt Christi ausgerufen. «Als gebildeter Mann», sagt Rosen, «weiss der Papst sehr wohl, dass es sich um einen historischen Irrtum handelt, und dass Jesus nicht vor 2000 Jahren zur Welt gekommen ist. Als Meister in der Anwendung von Zeremonien und Symbolen aber wird er die Gelegenheit nicht auslassen und dieses symbolische Datum zur Förderung der Ziele nutzen, für welche er sich seit Beginn seiner Kadenz eingesetzt hat».

Wunsch nach Versöhnung

An vorderster Front steht der Wunsch nach einer grossen Versöhnung zwischen der römisch-katholischen Kirche und den anderen monotheistischen Religionen, vor allem dem Judentum. Dieses Ziel verfolgt der Papst seit seinem Amtsantritt 1978. Gleichzeitig will er die katholische Kirche und die Religion allgemein zurück in die Schlagzeilen des Weltgeschehens führen. Kürzlich hat Rabbi Rosen die Position des Staates Israel, des jüdischen Volkes und des Vatikans im Vorfeld des Papst-Besuches beschrieben. Rosen beschreibt die Stufen der Annäherung und der Veränderung in der theologischen Haltung der Kirche gegenüber dem Judentum. Er gelangt zum Schluss, dass «auf theologischer Ebene nicht mehr viel Fortschritt zu erwarten ist».
Rosen erinnert daran, dass die Kirche ursprünglich die Ansicht vertreten hatte, die Juden verdienten wegen ihrer Zurückweisung von Jesu Prophezeiung Leiden und Verachtung. Die dramatische Wende stellte sich, so bemerkt er, 1965 ein. Zum Ende des 2. Oekumenischen Konzils veröffentlichte die Kirche die Erklärung «Nostra Eta» (Unser Zeitalter), welche eine Wende um 180 Grad in der Haltung zum Judentum beinhaltete. Die Erklärung wies die bisher im Christentum vorherrschende «Philosophie der Verachtung» gegenüber dem Judentum ebenso zurück wie die kollektive jüdische Schuld und natürlich auch die Verantwortung der Juden für die Kreuzigung Jesu. Ferner hielt die Erklärung die Ewigkeit des göttlichen Bundes mit dem Judentum fest, verurteilte den Antisemitismus und unterstrich die jüdischen Wurzeln des Christentums. Rosen macht Papst Johannes XXIII, der die Kirche in den 50er Jahren führte und die Wende veranlasste, für die dramatische Entwicklung verantwortlich, obwohl er zwei Jahre vor der Veröffentlichung der Erklärung starb. Während seiner ganzen Kadenz war es laut Rosen der Wunsch Johannes Pauls II, die von seinem Vorgänger gezogene Furche zu vertiefen: «Effektiv hat niemand zur Versöhnung zwischen der Kirche und den Juden mehr beigetragen als der heutige Papst. Rund 30-mal hat er selber die Juden um Vergebung für die Sünden der Kirche gebeten, er hat den Antisemitismus eine Perversion genannt und das jüdische Volk ausdrücklich die \"älteren Brüder\" des Christentums genannt.» Da laut katholischem Glauben die Kirche als Körper und der Papst persönlich unfehlbar sind, war dies weder psychologisch noch theologisch ein leichtes Unterfangen. Das gilt natürlich für alle Päpste vor ihm, «doch», so betont Rosen, «gab es glücklicherweise nie ein offizielles Dokument in der Geschichte der katholischen Kirche, das sich spezifisch mit dem Status der Juden befasst hätte, sodass sich die Widerrufung eines in der Vergangenheit abgefassten Schriftstückes erübrigte».

Enttäuscht nach Holocaust-Entschuldigung

In diesem Zusammenhäng erläutert Rosen auch das im März 1998 veröffentlichte Dokument über die Verantwortung der katholischen Kirche im Holocaust. Viele Juden waren enttäuscht, dass das Dokument unterschied zwischen der persönlichen Verantwortung individueller Christen und der Verantwortung der Kirche als Ganzes. Dies stand im Gegensatz zu früheren Erklärungen der deutschen und französischen Bischöfe, die eine allgemeine Verantwortung akzeptiert hatten und bemerkten: «Die Christen waren schuldig in ihren direkten und indirekten Rollen, die zum Holocaust führten.» Rosen demgegenüber: «Das Dokument ist von grosser Wichtigkeit, vor allem in Bezug auf die Holocaust-Leugner. Es ist eine Verlautbarung, die eine Milliarde Gläubige verpflichtet. Effektiv ist es heute theologisch unmöglich, gleichzeitig Katholik und Holocaust-Leugner zu sein.» Als gebürtiger Pole ist, wie Rosen hinzufügt, der Holocaust ein «zentrales Element» im Bewusstsein von Papst Johannes Paul II. «Ich habe rund 12 kurze und eine längere, ernsthafte, 15 Minuten dauernde Konversation mit ihm geführt. In der letzteren wollte er nur über den Holocaust sprechen. Er betonte die Zentralität, die dieses Ereignis im menschlichen Bewusstsein einnehmen müsse. Die Zentralität, wie er sie sieht, ist in Bezug auf das jüdische Volk Segen und Fluch zugleich. Als Pole sieht er sein eigenes Volk auch als Leidende im Holocaust und hat Mühe (abgesehen von der Verantwortung Individueller), Verantwortung für die polnische Kirche und die katholische Kirche als Ganzes zu übernehmen».Es dürfte kein Zufall sein, dass die meisten theologischen Themen, die noch immer Konfliktstoff zwischen der katholischen Kirche und dem jüdischen Volk bilden, den Holocaust betreffen. Dazu gehört der vorläufig eingefrorene Versuch, Papst Pius XII heiligzusprechen, der in den Jahren des Holocausts im Amt war und für sein Schweigen heftig kritisiert worden ist. Ferner wäre der Versuch zu nennen, neben dem KZ-Gelände Auschwitz ein Karmeliterkloster zu errichten, sowie die Kanonisierung der Jüdin Edith Stein, die zum Katholizismus übergetreten war und im Holocaust ermordet wurde. Die jüdische Welt sieht in all diesen Fällen eine Beeinträchtigung des Andenkens an den Holocaust und seiner für die Juden besonderen Bedeutung.
Angesichts der Tatsache, dass der heutige Papst selber im Holocaust (er war damals ein Novize) nichts getan hatte, um Juden zu retten, empfiehlt der amerikanische Rabbiner Dr. Arthur Herzberg, den Papst in Israel mit Respekt, aber wachsam zu begrüssen. Rosen lehnt diese Haltung ab: «Während des Krieges tat der heutige Papst nichts zugunsten der Juden, doch war er damals ein junger Mann ohne Position. Unmittelbar nach dem Kriege aber, als er sein erstes Amt erhalten hatte, setzte er sich mit voller Kraft für die Rückkehr während des Holocausts adoptierter Kinder zu ihren Eltern ein.» Rosen kritisiert auch die Ultra-Orthodoxie, die den Papst wegen der durch seinen Besuch entstehenden Entweihung des Schabbats angreifen. Auch für die beiden Oberrabbiner, die den Papst nur in ihrem Büro empfangen, und nicht etwa an der Westmauer, hat Rosen wenig Verständnis. «Wenn die Ultra-Orthodoxie sich wegen der Entweihung des Schabbats solche Sorgen macht, sollten sie sich vielleicht mit den sich jede Woche auf den Fussballfeldern wiederholenden Ereignissen befassen. Es ist populistisch, ein aus ihrer Warte leichteres Ziel anzuvisieren und vielleicht auch anti-christliche Gefühle anzufachen. Anstatt Pauschalurteile abzugeben, hätten die Rabbiner spezifische Vorschläge zur Reduktion der Entweihung des Schabbats unterbreiten können. Die Oberrabbiner machten einen grossen Fehler, als sie das Treffen mit dem Papst in ihr Büro verlegten. Hechal Schlomo, der Sitz des Oberrabbinats, besitzt keinerlei religiöse Bedeutung, während eine Visite der Mauer zusammen mit dem Papst eine viel stärkere Botschaft hätte ausstrahlen können.» Die theologischen Probleme zwischen dem jüdischen Volk und dem Vatikan sind laut Rosen gelöst. Das kann etwa daran abgelesen werden, dass beim bevorstehenden Zweijahres-Treffen zwischen der jüdischen ökumenischen Kommission und der vatikanischen Kommission für den Dialog mit den Juden erstmals nicht die Sünden der Vergangenheit zur Diskussion stehen werden, sondern Pläne für eine künftige Zusammenarbeit.

Politische Differenzen, theologische Ruhe

Im Gegensatz zur theologischen Ruhe sind die politischen Differenzen in den letzten Jahren klar hervorgetreten. Aus theologischer Sicht hätte der Vatikan, so Rosen, die diplomatischen Beziehungen zu Israel schon Mitte der 60er Jahre aufnehmen können, doch wurde dies aus politischen Gründen bis vor wenigen Jahren aufgeschoben. Die Kirche wollte die guten Beziehungen zur arabischen Welt aufrecht erhalten, da sich viele ihrer Besitztümer in arabischen Ländern befinden. Wichtiger noch war die Überlegung, dass viele christliche Araber, nicht zuletzt unter den Palästinensern, eine Annäherung des Vatikans an Israel vor dem Beginn eines Auftauens der arabisch-israelischen Fronten nicht akzeptiert hätten. Es ist kein Zufall, sagt Rosen, dass die politische Annäherung zwischen dem Vatikan und Jerusalem parallel zur politischen Normalisierung zwischen Arabern und Israelis stattfand. Die bilaterale Konferenz zwischen dem Vatikan und Israel wurde 1992, nach der Madrider Konferenz, eingerichtet, während das Abkommen zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen im Dezember 1993 unterzeichnet wurde.
Der Zeitpunkt für die bevorstehende Visite hängt ebenfalls mit dieser Entwicklung zusammen, wie Rosen erklärt: «Der Papst wäre gerne schon viel früher gekommen; er hat von diesem Besuch seit Beginn seiner Kadenz gesprochen. Doch die Leute in seinem \"Aussenministerium\" befanden, solange die israelisch-arabischen Beziehungen nicht von einer gewissen Ruhe gekennzeichnet sind, wäre eine solche Visite nicht opportun. Nicht ausgeschlossen, dass der Papst im Falle einer rascheren Entwicklung des Friedensprozesses schon früher nach Israel gekommen wäre, doch ist es genauso gut möglich, dass gewisse Kreise im \"Aussenministerium\" die Visite auch heute noch nicht gerne sehen.»
In politischer Hinsicht enthüllt Rosen, dass das letzte Monat unterzeichnete und von Israel scharf kritisierte Abkommen zwischen dem Vatikan und der PLO, das den Palästinensern bei der Bestimmung des Status von Jerusalem eine Rolle zuerkennt, schon seit fünf Jahren in den Schubladen bereit gelegen hatte: «Die Palästinenser selber waren verantwortlich für die Verzögerung bei der Unterzeichnung, bekundeten sie doch all die Jahre Mühe, der Forderung der Kirche nach einer Freiheit der Religionsausübung in Gebieten der Autonomie zu entsprechen. Zwar wollten sie nicht den dort lebenden Christen den Islam aufzwingen, doch verlangten extremistische islamische Kreise, dass den Christen in Übereinstimmung mit dem Koran der Status beschützter Menschen (Dhimmi) verliehen werde, die zur Sicherung ihres Wohlergehens eine besondere Abgabe zahlen müssen. Erst jetzt war Arafat mutig genug, die volle, bedingungslose Freiheit der Religionsausübung zuzugestehen.»
Im Übrigen ist der Vatikan verärgert über Israel, das in zwei für die Kirche wichtigen Punkten eine zögernde Haltung eingenommen hat. Einmal ging es um die Gewährung der juristischen Autonomie, welche der Kirche gestattet, ihre internen Angelegenheiten selbständig wahrzunehmen. Diesem Wunsch des Vatikans wurde nach langem endlich entsprochen. Damit schloss sich ein historischer Kreis, waren es in der Vergangenheit doch die Juden, die in christlichen Ländern die legale Autonomie verlangt hatten. Der zweite Wunsch der Kirche - die offizielle Befreiung von gewissen Steuern - hängt noch in der Luft. Laut Rosen gibt es noch einen dritten Punkt, über dessen Nichterfüllung der Vatikan weniger verärgert als vielmehr erstaunt ist. Bei der Aufnahme der Beziehungen wurde vereinbart, dass die Kirche und Israel weltweit gemeinsam das Phänomen des Antisemitismus bekämpfen würden. «Der Vatikan versteht nicht, warum Israel diesen Punkt nicht in die Tat umsetzt.»
Haaretz

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Kritische Kolumne

Ernst L. Ehrlich

Über Seligsprechungen

Die Katholische Kirche hat beschlossen, zwei Päpste selig zu sprechen: Papst Pius IX. (1846-1878) sowie Papst Johannes XXIII. (1881-1963). Diese Päpste könnten nicht gegensätzlicher sein.
Papst Pius IX. hat es verstanden, die historische kirchliche Judenfeindschaft mit dem säkularisierten Antisemitismus zu verbinden; insofern ist er ein Pionier, 1872 gab er den Kulturkampf als jüdischen Angriff aus, im April 1873 beschimpfte er die «verdammten Juden», weil sie geldgierig seien und Lügen und Injurien gegen den Katholizismus förderten. Er begrüsste den Raub eines jüdischen Kindes, das den Eltern entrissen und als Katholik erzogen wurde. Im Zusammenhang mit dem Antisemitismus steht der Kampf gegen den Modernismus in der Kirche. Selbstverständlich hatten diese judenhetzerischen Auslassungen auch Folgen in den katholischen Medien, so etwa in der deutschen Zeitung «Germania» und in der «Civiltà Cattolica». In Letzterer werden die Juden als Anarchisten, Kirchenfeinde und Freimaurer bezeichnet. Papst Pius IX. verstand es, das ganze Vokabular antijüdischer Verketzerung aus Jahrhunderten aneinanderzureihen. Hier haben wir ein klassisches Beispiel, wie der Antijudaismus mittelalterlicher Form mit dem Antisemitismus neuer Prägung verschmolzen wurde. Was immer man sich bei der Seligsprechung dieses Papstes gedacht haben mag, die Juden liess man wieder über die Klinge springen, ganz abgesehen davon, dass es sich um einen der reaktionärsten Päpste des 19. Jahrhunderts handelte. Von besonderer Bedeutung für die spätere Entwicklung in Deutschland ist, dass die judenfeindliche Haltung von Pius IX. im deutschen Katholizismus durchaus eine schädliche Wirkung hinterliess. Hier sind Bausteine für das geschaffen worden, was in unserer Zeit erfolgte: Die Juden werden als Feinde ausgegrenzt. Pius IX. hatte sich in seinem fanatischen Antiliberalismus und gleichzeitig in seinem Groll gegen das Judentum heillos verrannt.
Anders Johannes XXIII., der in der Katholischen Kirche die grosse Wende brachte. Sein Name wird immer mit der Judenerklärung verbunden sein, die zwei Jahre nach seinem Tode vom Zweiten Vatikanischen Konzil angenommen wurde und eine veränderte Haltung der Katholischen Kirche gegenüber den Juden brachte. Was auf diesem Gebiet seit dem Konzil gegenüber den Juden geschah, kann nicht überschätzt werden. Auf allen Gebieten gab es hier neue Anstösse. Ein besonderes Verdienst kommt dem jetzigen Papst Johannes Paul II. zu, der als junger Mann in Krakau die Kamine von Auschwitz hat rauchen sehen. Umso erstaunlicher ist es, dass er, der wirklich ein persönliches Verhältnis zu Juden und Judentum besitzt, es zugelassen hat, dass Pius IX. selig gesprochen wird. Es zeigt sich eine merkwürdige Unempfindlichkeit; wenn Pius IX. geehrt werden sollte, nahm man durchaus seine Judenhetze in Kauf. So könnte der Gegensatz zu Johannes XXIII. nicht grösser sein.
Wenn man das Geschehen innerhalb der Kirche betrachtet, gewinnt man den Eindruck, dass sich zwei feindliche Lager gegenüberstehen: Die einen fallen zurück in ein Spätmittelalter, die anderen preisen mit Recht den guten Papst Johannes, der die Fenster der Kirche öffnete und für das Recht und die Gerechtigkeit eintrat, aber auch für ein neues Verhältnis zum jüdischen Volk. Es ist der Katholischen Kirche zu wünschen, dass in ihr schliesslich jene Richtung siegt, die Papst Johannes als ihr Vorbild und Symbol betrachtet und entsprechend handelt.





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