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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

«Verflucht sei Yossi Sarid»

von Jacques Ungar, October 9, 2008
Recht umständlich und darauf bedacht, sich ja keine publizistische Blösse zu geben, versuchen Shas und Meretz, die Hauptakteure der jüngsten israelischen Koalitionskrise, vom hohen Ast herabzuklettern, auf den sie sich gegenseitig hinaufkatapultiert hatten. Eine Versöhnung wäre aber nur ein vorläufiger Burgfrieden.
Ovadia Yossef: Harte Worte. - Foto KY

Ausgebrochen war die Krise am vergangenen Schabbatabend, als Rabbi Ovadia Yosef, das geistige Oberhaupt der Shas-Partei, Erziehungsminister Yossi Sarid von der links-liberalen Meretz-Partei aufs ärgste beschimpfte (vgl. Editorial). Obwohl der Rabbiner kurz darauf betonte, er sei gegen physische Gewalt, verstanden extreme Kreise in seiner Gefolgschaft die Botschaft durchaus «richtig»: Wenige Stunden nach seinen Äusserungen sah man in verschiedenen charedischen (ultra-religiösen) Gegenden Jerusalems und auch in Bne Berak Sarid darstellende Puppen von Bäumen und improvisierten Galgen herabbaumeln. Vor dem Hause Ovadia Yosefs lieferten sich seine Befürworter und Gegner heftige Wortschlachten, und nur ein starkes Polizeiaufgebot konnte ein physisches Aneinandergeraten der Kontrahenten verhindern. Bei Meretz verurteilte man die Worte des Rabbis als «Aufforderung zum Mord». Beim Anhören des von Shas-Demonstranten skandierten Slogans «Yitzchak (Rabin) wartet auf Yossi (Sarid)» konnte es einem tatsächlich kalt den Rücken hinablaufen.
Obwohl niemand in der Führung von Shas auch nur andeutungsweise zugegeben hätte, dass der für seine oft mehr als originellen Äusserungen bekannte Rabbi diesmal einen Schritt zu weit gegangen war, schien Ovadia Yosef selber einzusehen, dass die Geister, die er gerufen hatte, sich selbständig zu machen drohten. Also veröffentlichte er eine schriftliche Erklärung, in welcher er wiederholte, jeglicher Art physischer Gewalt abhold zu sein. Von der von Minister Sarid geforderten expliziten Entschuldigung war dies aber noch sehr weit weg. Am Montag doppelte Ovadia Yosef daher nach und wiederholte über den Äther - bezeichnenderweise über den Shas-Piratensender «Stimme der Wahrheit» -, dass er physische Gewalt gegen jede Person zurückweise. Das sei nicht der «Weg der Torah». Sarid reagierte mit der Bemerkung, das sei keine Entschuldigung, sondern eine effektiv an die Adresse von Rechtsberater Elyiakim Rubinstein gerichtete Äusserung. Nachdem Rubinstein seit Samstagabend mehrfach hatte durchblicken lassen, er könnte die Eröffnung einer Untersuchung gegen den Shas-Boss anordnen, haben die ausgestrahlten Sätze des Rabbis zumindest die Verschiebung seines Beschlusses um mehrere Tage zur Folge gehabt.
Ehud Barak ist in einer wahrlich nicht beneidenswerten Lage. Einerseits steht er vor der Tatsache, dass der Anführer der Shas-Partei den Chef eines Koalitionspartners auf eine Art und Weise «zusammengestaucht» hat, die bei aller Anerkennung der tiefen religiös-ideologischen Gräben zwischen den beiden Parteien nicht zu verstehen, geschweige denn zu billigen ist. Andrerseits weiss Barak ganz genau, dass er ohne die 17 Mandate von Shas in der Knesset keine einzige Abstimmung im Friedensprozess wird gewinnen können. In den letzten Wochen hat ihm Shas mit der Unterstützung der Opposition in der Jerusalem-Frage schon mehr als einmal einen Warnschuss vor den Bug gefeuert. Shas und Meretz werden sich wahrscheinlich ein weiteres Mal versöhnen, haben beide mit einem Auffliegen der Koalition zum jetzigen Zeitpunkt doch mehr zu verlieren als zu gewinnen. Je weiter aber die Verhandlungen mit Syrien und den Palästinensern fortschreiten, desto weniger Rücksicht werden die beiden Parteien bei ihren Auseinandersetzungen auf Koalitionsüberlegungen nehmen. Baraks Aufgabe, sowohl den Friedensprozess voranzutreiben, als auch sein Regierungsbündnis zusammenzuhalten, gleicht von Woche zu Woche mehr der Quadratur des Zirkels als einer politischen Herausforderung, und sein interner Handlungsspielraum wird stets enger.


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