Verfilzte Strukturen
In der Nacht auf den Dienstag einigten sich die Arbeiter der staatlichen israelischen Wassergesellschaft «Mekorot» und Vertreter des Finanzministeriums auf ein Zweijahres-Abkommen. Damit fanden Wochen voller Streiks und Sanktionen ein vorläufiges Ende. Den Höhepunkt hatten die Helden von «Mekorot» herbeigeführt, als sie letzte Woche bei Temperaturen von bis zu 40 Grad die Wasserzufuhr zu Dutzenden von Städten und Ortschaften reihum störten oder ganz unterbanden. Mit ihren Aktionen protestierten die Mekorot-Leute gegen die drohende Entlassung von rund 300 Angestellten, und gleichzeitig forderten sie eine Lohnanpassung. Dabei verdient der Vorsitzende der Arbeitnehmervereinigung heute schon 33 000 Shekel im Monat (über 12 000 Franken), und der Durchschnittslohn liegt bei «Mekorot» umgerechnet bei über 6000 Franken, auch für Schweizer Verhältnisse ganz beachtlich.
Derzeit kracht es in Israel wieder einmal unüberhörbar zwischen Arbeitgebern und -nehmern. Die Angestellten der Nationalversicherung empfangen seit geraumer Zeit schon kein Publikum und beantworten nicht einmal mehr telefonische Anfragen. Auch die Arbeitsämter streiken, was unter anderem Stellenlosen verunmöglicht, die für den Erhalt der Arbeitslosenversicherung nötigen Formulare unterzeichnen zu lassen. Und was geschieht, wenn Anfang September die Schulen ihre Tore wieder öffnen sollen, weiss heute noch niemand, haben doch 4000 bis 6000 Lehrer die Kündigung erhalten. Dass auch das Personal des Histadrut-Gewerkschaftsbundes erneut in den Ausstand getreten ist, ist weniger aufregend, hätte diese morode und überflüssige Organisation doch vor Jahren schon den Konkurs anmelden müssen.
Schon die Regierung Netanyahu ist mit ihren Privatisierungsprogrammen auf Grund gelaufen, und jetzt scheint auch Ehud Barak mit den verfilzten Wirtschaftsstrukturen Israels, deren Wurzeln bis in die Mandatszeit zurückreichen, seine liebe Mühe zu bekunden. Bringt er aber nicht den Mut auf, die ärgsten gordischen Knoten durchzuhauen - die Telefongesellschaft Bezeq und El Al gehören auch zu ihnen - und die gigantischen Personalüberhänge im öffentlichen Sektor zu reduzieren, wird auch er als ein Politiker in die Geschichte eingehen, der von einer fortschrittlichen Wirtschaft träumt, sich dabei aber von archaischen Arbeitnehmerverbänden und Protekzia-Strukturen in Fesseln legen lässt.


