Verfehlter Einladungstext trübt Stimmung
Die auf der Tagungseinladung zu findende Aussage «Das (Un-)Heilige Land ist heute von Feindseligkeit, Ungerechtigkeit und Apartheid geprägt» hat den israelischen Botschafter Yitzach Mayer dazu veranlasst, im Namen Israels «dem EDA gegenüber seinen Unwillen zum Ausdruck zu bringen, da eine der Abteilungen im EDA die Publikation des an diesem Tag verteilten Materials subventioniert hat». Wie es weiter im Statement der Botschaft heisst, bedauere sie, «dass die Orientierungstagung, weit entfernt davon fairen Tourismus zu progagieren, von Anfang an auf eine einseitige politische Absichtserklärung angelegt war.»
Botschafter Mayer sah, wie er der JR gegenüber sagte, darin, dass die Veranstaltung unter der Flagge «Israel-Palästina» segelte, eben jenes einseitige politische Statement, sei doch der Staat Palästina noch gar nicht existent. Auch die Verknüpfung von Apartheid und Israel («Das hat seit 1975 niemand mehr gemacht») löste bei der Botschaft verständlicherweise höchsten Unmut aus. Offizielle israelische Stellen fühlen sich hinters Licht geführt und stellen die Frage, welchen Wirbel es etwa in den USA provoziert hätte, wenn eine von staatlichen Stellen subventionierte Veranstaltung Israel der Apartheid-Politik bezichtigt hätte. Kathy Malka, Direktorin des israelischen Verkehrsbüros in Zürich, die eigentlich gerne an der Podiumsdiskussion der Tagung teilgenommen hätte, wurde aufgrund einer Intervention des von diplomatisch-israelischen Kreisen in Bern alarmierten Jerusalemer Aussenministeriums von ihren Vorgesetzten im Touristtikministerium «zurückgepfiffen». Matthias Hui von der Fachstelle für Ökumene, Mission und Entwicklungszusammenarbeit der reformierten Kirchen Bern-Jura bedauerte dies der JR gegenüber sehr. Die bereits stattgefundenen Vorbereitungssitzungen mit Frau Malka seien von einer «guten, offenen und konstruktiv-kritischen Zusammenarbeit» geprägt gewesen. Frau Malka habe irritiert auf die Weisung von «oben» reagiert. Sie selber konnte nicht befragt werden, da sie sich zurzeit des JR-Redaktionsschlusses im Ausland befand. Die Tagung an sich sei, so Matthias Hui der JR gegenüber, durch die Unruhen im Vorfeld nicht negativ beeinflusst worden. Der JR kam in diesem Zusammenhang zu Ohren, dass für die anti-israelischen Töne in der Einladung nicht die mitorganisierenden kirchlichen Stellen verantwortlich zeichnen, sondern eine Person, die bei ihrer Ausreise aus Israel denkbar schlecht behandelt worden sei und deswegen noch eine gehörige Portion Israel-Frust abzuarbeiten hatte. - E.M. / JU
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«Schade, dass keine Israelis da waren»
Der schweizerisch-israelische Doppelbürger René Kirchheimer («Israel einmal anders»), erfahrener Tour Operator in Israel und Jordanien, hat an der umstrittenen Tagung in Bern teilgenommen. Die JR wollte von ihm wissen, was er von dem Lärm im Vorfeld des Anlasses halte.
Jüdische Rundschau: Wie empfanden Sie die Assoziation zwischen Israel und der ApartheidPolitik in der Einladung?
René Kirchheimer: Als in Israel lebender und arbeitender Schweizer hat mich diese Formulierung in der Einladung sehr gestört. Es war ungeschickt, dass die Einladenden in ihrem Text nicht Fairness haben walten lassen. Wenn man «faires Reisen» propagieren will, sollte man dies schon tun.
Jüdische Rundschau: Das offizielle Israel glänzte durch Abwesenheit.
René Kirchheimer: Ich empfand es als nicht gut, dass auf Druck der israelischen Botschaft hin Kathy Malka als offizielle Vertreterin des israelischen Tourismus in Bern nicht dabei sein durfte. Das Vorgehen des Botschafters ist verständlich, doch dann hätte er selber oder ein Vertreter der Tourismusbranche an die Veranstaltung gehen, das Wort ergreifen, die nötige Kritik üben und dann den Saal verlassen sollen.
Jüdische Rundschau: War die Veranstaltung anti-israelisch?
René Kirchheimer: Die Tagung stand sicherlich im Zeichen des Aufbaus einer palästinensischen Tourismusindustrie, doch war sie absolut nicht anti-israelisch und auch nicht gegen den israelischen Tourismus gerichtet.
Interview Jacques Ungar
Und das soll fair sein?
Die Organisatoren der Tagung «Palästina/ Israel: Fair reisen» verteilten in Bern einen «Leitfaden zur Reisevorbereitung». Ein Durchblättern der Broschüre lässt eine erschreckend einseitige Interpretation des Fairness-Begriffs zu Tage treten.
- Ist es fair, das Heilige Land durchs Band weg in «Palästina und Israel» zu unterteilen? Nimmt man damit nicht ein mögliches Resultat langwieriger politischer Verhandlungen voraus? Mit seiner Wortwahl betreibt der sich fair geben wollende Leitfaden Manipulation und Begriffsverwirrung.
- Ist es fair, dem Abschnitt über die Schoah, in der die Juden «unter Hitler systematisch verfolgt und umgebracht wurden», einen Abschnitt über die «Naqba», die palästinensische «Katastrophe», gegenüberzustellen? So wurden «mit der Ausrufung des Staates Israel Hunderttausende von Palästinensern vertrieben». Kein Wort davon, dasss die Ausrufung des States Israel für die umliegenden Araberstaaten das Signal für einen Angriff auf Israel war. Kein Wort davon, dass Tausende der nichtjüdischen Bewohner von ihren eigenen, teils im Ausland sitzenden Anführern zum Verlassen Israels aufgefordert worden sind. Über all dem aber regt der indirekt geschaffene Vergleich zwischen Schoah und Naqba den nur schlecht informierten Leser einmal mehr zur Assoziation zwischen dem systematisch betriebenen Judenmord der Nazis und den Leiden an, welchen die Palästinenser im Rahmen des israelisch-arabischen Konfliktes ausgesetzt waren und zum Teil noch sind. Angesichts derartiger Ungeheuerlichkeiten wundert es schon nicht mehr, dass wir im gleichen Abschnitt lesen müssen, dass viele der Menschen, die damals geflohen sind, «bis heute Flüchtlinge sind und in Armut leben, ohne Staatsbürgerschaft und ohne Zukunftsperspektiven». Stellen wir uns vor, Israel hätte die Juden, die aus arabischen und moslemischen Staaten herausgeworfen wurden, ebenso in Flüchtlingslager gepfercht und bis heute als politisches Faustpfand dort behalten, wie die Araber dies mit den palästinensischen Flüchtlingen getan haben.
- Ist es fair, palästinensische Terroristen als «Aktivisten» zu verharmlosen?
- Ist es fair, den Wandel der «pionierhaften Kibbuzniks vorwiegend aschkenasisch-europäischer Herkunft zu postzionistischen Städtern» zu beklagen, die «über Computer mit der reichen Welt vernetzt sind»? Soll den Juden Israels etwa weniger das Recht eingeräumt werden, «mit der reichen Welt vernetzt» zu sein, als den im Leitfaden aufgeführten schweizerischen kirchlichen, Friedens- und anderen Organisationen, die fast ausnahmslos über eine E-Mail-Adresse verfügen? Oder wollte da wieder mal eine besonders perfide Autorenhand indirekt an die weltumspannende Verschwörung reicher Juden erinnern?
- Ist es fair, von der «Umwandlung des demokratisch-jüdischen Staates in einen sekulären Rechtsstaat» zu sprechen, gegen die sich «nicht nur Ultraorthodoxe wehren, die sich als Sachwalter von Bibel und Talmud verstehen»? Hat man noch nicht begriffen, dass die Bestimmung der Staatsform Israels einzig und allein Sache der Bürger Israels ist?
- Ist es fair, direkt an die Erwähnung der Landung auf dem israelischen Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv Folgendes zu schreiben: «Dort, wo einst arabische Dörfer lagen, stehen heute gläserne Bürogebäude von Hightech-Firmen und ziehen sich Autobahnen durch die Landschaft.» Wollen die Vertreter des «fairen» Tourismus das Rad der Geschichte tatsächlich um mehr als hundert Jahre zurückdrehen? Die Broschüre trägt den Untertitel «Auf neuen Wegen durchs Heilige Land». Was Wort- und Begriffswahl sowie die plumpen subkutanen Beeinflussungs- und Manipulationsversuche angeht, sind diese Wege aber nicht neu, sondern ausgetreten. Sie werden auch immer verlassener, gelangen nach und nach doch auch die Konfliktpartner der Israelis, ebenso wie die Ewiggestrigen im jüdischen Volke selber, zum Schluss, dass der Rückwärtsblick in die Geschichte des jüdisch-arabischen Streits die Lösung nicht näher bringt. Die eidgenössische Direktion für Entwicklungszusammenarbeit (Deza) hat die Tagung von Bern und damit auch die Herstellung der mehr als bedauernswerten Broschüre mit über 30 000 Franken unterstützt - Und das soll fair sein?


