Ursula Kochs letzter Auftritt
«Es war schwierig, mit der Identitätsfrage aufzuwachsen», schilderte Ursula Koch in einem äusserst offenen Gespräch ihre persönliche Auseinandersetzung mit ihrer Familiengeschichte. Als Tochter eines aus Osteuropa stammenden Juden und einer christlichen Schweizerin war die Idenditätsfrage für sie prägend. «Die Juden akzeptierten mich nicht als Jüdin und für die Nichtjuden war ich jüdisch», erinnerte sich Koch vor über 100 Jugendlichen während des Kabalat Schabbat vom vergangenen Freitagabend. Und sie wies darauf hin, wie sie ihrer Herkunft wegen ausgegrenzt wurde. Interviewt von Radiomoderator David Karasek schilderte Koch mit viel Humor, Offenheit und Einblicken hinter die Kulissen ihren politischen Werdegang. Im anschliessenden brillianten Referat zum von der Studentenschaft nicht ganz glücklich gewählten Thema «Rechtsextremismus» grenzte Koch Fremdenfeindlichkeit ab und wertete die politische Rechte in der Schweiz anhand eines Definitionskatalogs des Freiburger Historikers Urs Altermatts. Die SVP sei nachweislich keine rechtsextremistische Partei, SVP-Präsident Blocher kein Faschist. Jedoch, so Koch, spiele die Partei mit rechtem Gedankengut und grenzt sich bewusst nicht nach rechts ab. Koch rief die Behörden auf, sich vermehrt gegen Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu positionieren. Eine engagierte Diskussionsrunde um die Fragen Parteienfinanzierung, Auftreten der SP gegenüber der SVP, SP-Öffentlichkeitsarbeit oder die Rolle der Medien, in der Koch äussert souverän, differenziert und geduldig antwortete, beschloss den offiziellen Teil des Abends. Kochs Auftritt vor der Studenschaft stiess durchwegs auf Begeisterung und positive Kritik. Für die neue Leitung des VJSZ kann der Abend als voller Erfolg gewertet werden, der die Mischung aus gesellschaftlichen und inhaltlichem Anliegen bestens traf. Sosehr der letzte öffentliche Auftritt von Ursula Koch im Nachhinein symbolischen Gehalt annimmt, für viele Teilnehmer war die Nachricht des Rücktritts gleichsam ein Schock, der nach dem souveränen Auftritt im VJSZ, der eine mutige und engagierte SP-Frau zeigte, viel Bestürzung hervorief. (vgl. Editorial).


