Ungewissheit und Spannung
Die ursprünglich aus Zürich stammende Dvorit Golub-Russak - seit 17 Jahren in Israel - wohnt seit sechseinhalb Jahren in Eshchar in Galiläa, wo sie zusammen mit ihrem Mann drei Kinder im Alter von zwölf, neuneinhalb und zwei Jahren grosszieht. Dvorit ist gelernte Reiseagentin, arbeitet heute aber in einer Textilfabrik, die Unterwäsche für Markenfirmen herstellt.
Die Ausschreitungen der letzten Tage der Israel-Araber haben den Tagesablauf in Eshchar, auch jenen der Familie Golub, empfindlich durcheinander gebracht. Die Einkaufsfahrten nach Sakhnin, Arrabe oder in andere arabischen Orte müssen unterbleiben, weil die Polizei jüdischen Israelis den Zutritt aus Sicherheitsgründen verwehrt. «Noch am Wochenende habe ich in Arrabe in aller Ruhe Keramik für unser Haus ausgesucht», erklärt Dvorit am Dienstag gegenüber der JR, «doch jetzt herrscht Spannung und Unsicherheit. Keiner weiss, was morgen sein wird.» Am Dienstag konnte wegen der herrschenden Situation ein Araber aus der Nachbarschaft, der im Haus der Golubs hätte arbeiten sollen, nicht nach Eshchar kommen.
Bis vor wenigen Tagen erledigte Dvorit ihre Einkäufe gerne und regelmässig in den umliegenden arabischen Orten. «Es ist näher, bequemer und billiger, und zudem sind Obst und Gemüse sehr frisch», sagt sie. Für das Ausmass und die Gewalt der Ausschreitungen macht sie kleine Gruppen von Extremisten verantwortlich; die überwiegende Mehrheit der Israel-Araber möchte in Ruhe gelassen werden, die Kinder zur Schule schicken und in Ehren den Lebensunterhalt verdienen. «Ganz unberechtigt ist die Wut unserer Nachbarn allerdings nicht», räumt Dvorit ein. «Sie werden nun einmal nicht gleichberechtigt behandelt.» Deshalb glaubt sie auch nicht, dass ein Waffenstillstand langfristig Abhilfe schaffen wird. «Wenn das Problem nicht an der Wurzel angepackt wird, geht es irgendwann wieder los», fürchtet sie. - Während unseres Gesprächs lärmen im Hintergrund zahlreiche Kinder; manchmal beginnt eines von ihnen zu weinen. «Weil heute in umliegenden Ortschaften Araber, die bei den Unruhen getötet worden sind, zur letzten Ruhe gebettet werden, bleiben alle Kindergärten in den jüdischen Orten geschlossen», erklärt Dvorit Golub-Russak.


