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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

Ungehörig

von Gisela Blau, October 9, 2008

Musste es wirklich so kommen? Der Fall Wilkomirski wird zum Casus gegen die Schoa deklariert. Ist er das auch? Da erfindet ein biederer Schweizer eine Kindheit in zwei Konzentrationslagern, eine Unterdrückung im Schweizer Adoptiv-Elternhaus, eine Leidensgeschichte sondergleichen, und schon wird mit gerunzelter Stirne befürchtet, die gesamte Schoa sei gefälscht, die publizierten Erinnerungen echter Überlebender in Frage gestellt. Dabei sind erschwindelte Identitäten nicht unbedingt neu. Am anderen Ende der Welt, in Australien, ist genau das Gleiche passiert, dort sogar deklariert als Gewinnsucht. Es ist erstaunlich, wieviel Energie, manche Leute in eine lukrative Lebenslüge investieren. Auch die angeblichen Hitler-Tagebücher waren gefälscht, noch dazu von Hand. Ob der scheinbare Wilkomirski nun der eiskalt berechnende Betrüger ist, als den ihn sein Enttarner Daniel Ganzfried bezeichnet, oder ein Fall für das Narrenhaus, ist dabei eigentlich schon fast unerheblich. Kein grosser Chochem, kein kleiner Narr, lautet das Sprichwort. Tatsache ist, dass der Mann sich eine Identität angemasst hat, die nach seiner und der Überzeugung seiner Manipulanten in den zeitlichen Kontext passte, obwohl die Vergangenheitsdebatte noch gar nicht ausgebrochen war. Aber es waren die Jahre der Gedenktage: An den Aufstand im Warschauer Ghetto, an die Befreiung von Auschwitz, an das Kriegsende durch Waffenstillstand. Es erschienen zahlreiche Erinnerungsbücher. Kein Wunder: Ihre Autoren, jene Menschen, die ein menschenunwürdiges, unmenschliches Schicksal durchleiden mussten, hatten das letzte Drittel oder weniger ihres Lebens erreicht nd brachten es endlich fertig, sich ihre Erlebnisse von der Seele zu reden. Wer hätte da daran zweifeln müssen, dass auch das Manuskript von «Wilkomirski» echt war? Zu zweifeln ist allerdings am Urteilsvermögen und an der Aufrichtigkeit von Leuten, die damit einen Schlussstrich unter die gesamte Erinnerungs-Literatur ziehen wollen. Ludwig Hasler, Kulturchef der «Weltwoche», hat genau das getan: Er ruft dazu auf, das «Hantieren mit Holocaust-Identitäten» zu beenden. Das ist eine ungehörige Beleidigung aller Schoa-Überlebenden. Sie zeugt davon, wie sich Leute verhalten, die sich erst an den Leiden eines Wilkomirski delektierten und sich jetzt an seiner Enttarnung ebenso delektieren, wie der Historiker Jacques Picard sehr treffend sagt. Die richtigen Überlebenden, die eigentlich nur unter ihresgleichen Klartext reden können, sind jederzeit dazu bereit, Auskunft zu erteilen und allfällig vorhandene Dokumente zu präsentieren. Am ehesten wäre jetzt das Hantieren mit Pauschalurteilen zu beenden, zumal der Umgang mit Überlebenden nicht allen gegeben ist.





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