Ungefragte Fragen
Zu den politischen Gepflogenheiten der USA gehört es, dass jeder Kandidat für das Präsidentenamt (oder jedes andere öffentliche Amt) die Öffentlichkeit über seine Vergangenheit in Kenntnis setzt. Die Medien pflegen die Kandidaten mit früher gemachten Statements zu konfrontieren, mit ihren Bankkonti, mit ihren Haltungen zu bestimmten Themen und ihren Engagements.
Ein besonders herausstechendes Beispiel sind die Enthüllungen des «Miami Herald» über die ausserehelichen Eskapaden des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Gary Hart, die 1987 zu dessen Ausstieg aus dem Rennen führten. Entscheidend waren dabei weniger seine Beziehungen zu einem «Model» an sich, als vielmehr der irreparable Schaden, den die Affäre der Glaubwürdigkeit seiner Behauptung zufügte, er messe einem «aufrechten moralischen Benehmen» grosse Wichtigkeit bei. Die journalistischen Enthüllungen waren das Ergebnis unablässiger Versuche der Medien, Widersprüche zwischen Harts öffentlicher moralischer Haltung und seinem Privatleben aufzudecken.
Ariel Sharon zeigt sich während des Wahlkampfs täglich auf Märkten und in Einkaufszentren und scheint dabei die Bürden der Vergangenheit völlig zu vergessen, die er mit sich schleppt. Die Medien haben seine Kandidatur für das Amt des Premierministers als ganz normal und akzeptabel hingenommen. Sie plagen Sharon nicht mit harten Fragen und verschonen ihn mit peinlichen Detail-Konfrontationen aus seiner Vergangenheit. Offenbar haben die Medien sich einverstanden erklärt mit der von Sharons Wahl-Hauptquartier verfolgten Taktik: Sharons Vergangenheit wird vergessen, er präsentiert keine klaren Ideen und tritt als lächelnder, gutmütiger, erfahrener Staatsmann auf. Die Medien haben keinen Versuch unternommen, die trügerische Ruhe dieses neuen Image zu erschüttern.
Sharon sollte aber mit einer Reihe quälender Fragen bombardiert werden. Hier sind einige:
- Im November 2000 erklärten Sie, man hätte die zwei in Ramallah gelynchten Reserve-Soldaten retten können. Wie wäre das Ihrer Meinung nach möglich gewesen?
- Dem Vernehmen nach haben Sie Ehud Barak empfohlen, Jericho wieder einzunehmen und Geheimdienstchef Mohammed Dahlan umbringen zu lassen. Sind dies die Art von Massnahmen, die Sie als Premier zu ergreifen beabsichtigen?
- Bedauern Sie Ihren Besuch vom September auf dem Tempelberg, der zum Vorwand für die Auslösung der gegenwärtigen Intifada benutzt wurde? Würden Sie sich wieder gleich verhalten?
- Am ersten Tag des israelischen Rückzugs aus Libanon warfen Sie Barak vor, er würde damit Schande über Israels Armee bringen. Halten Sie an dieser Ansicht fest?
- Im April 2000 warnten Sie vor einer arabischen Flut, die unsere Strände und Strassen als Folge eines Friedens überfluten und das Leben der Juden erschüttern würde. Wäre es Arabern in dem von Ihnen anvisierten Friedensabkommen untersagt, Israel zu besuchen?
- Woran dachten Sie, als die Araber Galiläa im Dezember 1980 warnten, die Tragödie von 1948 würde sich wiederholen, wenn sie ihre Haltung nicht mässigten?
- Nachdem das Abkommen von Wye Plantation mit Ihrer Beteiligung als Aussenminister in der Regierung Netanyahu unterzeichnet worden war, riefen Sie die Siedler auf, jeden Hügel zu besetzen und einen Anspruch auf ihn zu erheben. Wie ist diese Empfehlung mit dem Abkommen und seinem Geist in Einklang zu bringen? Stellt sie nicht einen Aufruf zur Verletzung des Gesetzes und zur illegalen Besitznahme von Objekten dar?
- Während einer Kabinetssitzung am 1. Juni 1980 erklärten Sie, die Sicherheit stehe über allen Gesetzen. Ist das noch immer Ihre Ansicht?
- Warum haben Sie in Ihrer Autobiografie nichts von Ihren Versuchen erwähnt, im Vorfeld der Wahlen von 1977 einen politischen Pakt mit der Linken zu schliessen?
- Und warum fehlt in besagter Schrift jeder Hinweis auf die Zusammenkunft hoher IDF-Offiziere, die Ihr Verhalten während des Libanonkrieges scharf kritisiert haben?
- Wie viele Tage haben Sie effektiv in dem Haus im moslemischen Viertel der Jerusalemer Altstadt verbracht, das der Staat Ihnen vor 14 Jahren zur Verfügung gestellt hat und das seither rund um die Uhr bewacht wird? Werden Sie das Haus auch als Premierminister behalten?
- Die Erfahrung zeigt, dass viele der militärischen Aktionen unter Ihrem Kommando unerwartete Dimensionen angenommen und Ihre Vorgesetzten überrascht haben. Das gilt für die Operationen bei Kibya, Kalkilya, Gaza, Kuntilla, auf dem Mitla-Pass und als Höhepunkt im Libanonkrieg. Gibt es eine Garantie dafür, dass dieses Verhaltensmuster sich nicht wiederholt, wenn Sie Premierminister sind und niemand da ist, um Ihre Handlungsweise zu überwachen?
Diese Reihe von Fragen könnte noch lange fortgesetzt werden.
Haaretz


