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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

«Unerschöpfliche Kenntnisse»

von Gisela Blau, October 9, 2008
Die Holocaust-Forscherin Sybil Milton ist auf dem jüdischen Friedhof in Chevy Chase, Washington DC, beigesetzt worden. Sie wurde nur gerade 59 Jahre alt, und sie hinterlässt eine schmerzliche Lücke, bei Freunden, Kollegen und auch in der Bergier-Kommission, deren Vizepräsidentin sie war. Sie war ein wunderbarer Mensch und eine unbestechliche Historikerin.

«Wir sind alle sehr traurig», sagt Jean-François Bergier, Präsident der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg (UEK). «Sybil Milton war für uns nicht nur eine Kollegin, sondern auch eine Freundin. Wir wussten, dass sie schwer krank war, aber wir dachten nicht, dass sie uns so rasch verlassen würde.» Die Kommission, sagt Bergier, fühle sich «allein gelassen»: «Sybil Milton wird uns sehr fehlen, nicht nur wegen ihrer immensen Kenntnisse, sondern auch wegen ihres Sensoriums, ihrer Sensibilität für viele Fragen.» Sie sei immer sehr entschieden und engagiert gewesen, pointiert, mit Sinn für Details und Zusammenhänge. Bergier bestätigt, dass sie stets ein besonderes Augenmerk auf Opfer und Helfer lenkte. «Sie hat diese Sicht im Flüchtlingsbericht eingebracht», sagt er.

Uneinigkeit wegen Ersatzwahl

Bergier denkt nicht, dass es nötig sein wird, einen Ersatz für Sybil Milton zu suchen und einzuweihen, «im Moment, da wir relativ nahe am Ziel und die Weichen gestellt sind», sagt er. «Es wird keine grossen Änderungen im Programm mehr geben.» Zuständig für diese Entscheidung sei jedoch der Bundesrat. Aber die Kommission, deren Exekutivausschuss sich am vergangenen Mittwoch traf, wie Bergier der JR im Vorfeld mitteilte, sei der gleichen Meinung wie er selber. «Es ist allerdings denkbar, dass wir vielleicht ein oder zwei Experten im Ausland konsultieren werden, mit Teilen des Schlussberichts, um ihre Meinung und ihre Reaktionen einzuholen. Ein Vollmitglied scheint uns im Moment jedoch nicht notwendig.»Die Kommission scheint hier allerdings nicht durchwegs der gleichen Ansicht zu sein wie ihr Präsident. Es entsteht der Eindruck, dass hier und dort durchaus ein Ersatz für Sybil Milton erwünscht wäre. Die Amerikanerin, noch dazu die einzige Frau in der Kommission, sollte die Synthese des Schlussberichts mit betreuen. Zunächst jedoch wird ihr Name noch auf dem Kommissions-Bericht über die Sinti und Roma stehen, der im November erscheinen soll. Hoffentlich befindet sich dann hinter ihrem Namen kein Kreuz, wie vergangene Woche in der «Schweizerzeit» gesehen, sondern eine jüdische Erinnerungsformel. An der Beerdigung vertrat der an der Universität Princeton lehrende Harold James die Kommission. Er schrieb zudem einen wunderschönen, respekt- und liebevollen Nachruf auf die Kollegin und Freundin (NZZ, 24. Oktober). In den USA geht die Rede von einer akademischen Ehrung für Sybil Milton, an der Jean-François Bergier teilnehmen würde. Traurig und betroffen ist auch Jacques Picard, der Sybil Milton schon kannte und schätzte, lange bevor es überhaupt eine UEK gab, in die dann beide gewählt wurden. «Sybil ist als Mitglied und Vizepräsidentin - insbesondere beim Bericht über die Flüchtlingspolitik - immer für eine konsequente Berücksichtigung der historischen Perspektive der Opfer eingetreten», sagt Picard. «Sie hat auch die in dilemmatischen Situationen stehenden Betroffenen (von den Grenzbeamten bis zu den Helfern und Helferinnen) zu würdigen gewusst, welche die Folgen von politischen Entscheiden zu tragen hatten, sich ihnen beugten, sie verstärkten oder ihnen auf ihre Art und Weise entgegenzutreten versuchten. Sie besass eine unerschöpfliche Kenntnis der Geschichte des Nationalsozialismus und insbesondere der NS-Verfolgungs-und Vernichtungspolitik sowie der Versuche, bedrohtes menschliches Leben zu retten.» Die Historikerin Regula Ludi, damals wissenschaftliche Mitarbeiterin der Unabhängigen Expertenkommission, war während der Erarbeitung des Zwischenberichts über die Flüchtlingspolitik die Teamleiterin und dadurch in engem Kontakt mit der amerikanischen Fachexpertin. «Ich habe Sybil Milton als intellektuell äusserst anregende, originelle und sehr anspruchsvolle Betreuerin unserer Forschungsarbeit kennen gelernt», sagt Regula Ludi. «Die Zusammenarbeit mit ihr war eine grosse Bereicherung - dank Sybils Sachkenntnissen und dank ihrer methodischen und theoretischen Souveränität. Sybil hat immer wieder daran erinnert, dass es bei unserer Forschungsarbeit letztlich um Menschen geht, um das Leiden von Menschen und um die Menschenwürde. Sie hat sich - frei von jeglicher Befangenheit - dafür eingesetzt, dass allen Opfern des Nationalsozialismus Gerechtigkeit widerfahre. Ich werde Sybil als Gesprächspartnerin und als Freundin sehr vermissen.»

Frei von Vorurteilen

Auch Kommissionspräsident Bergier legt grössten Wert auf die Feststellung, dass Sybil Milton stets völlig frei von allen Vorurteilen und vor allem von jeglichen Druckversuchen für die UEK tätig war. Er fand einen gegenteiligen «Nachruf» in der welschen Zeitung «Le Temps» nicht nur deplatziert, sondern auch falsch: «Jeder Vorwurf, die Historikerin Milton habe versucht, die USA gut wegkommen zu lassen, ist lächerlich. Sie verliess sogar das Holocaust Memorial Museum, um völlig unabhängig zu sein. Sie opferte zugunsten der Kommission ihre Karriere, und dafür müssen wir sie besonders ehren.» Vorwürfe von einseitigem Lobbying sind tatsächlich lächerlich. Wer Sybil Milton kannte, wusste um ihren souveränen, unabhängigen Geist, der professionell keinerlei Vorurteile oder Rücksichtnahmen kannte. Persönlich war die zierliche Historikerin eine warmherzige, witzige Frau, die mit schelmischem Zwinkern wunderbar boshafte Bemerkungen über alles und alle äussern konnte. Trotz ihrer gewaltigen Arbeitslast und ihrer schweren Krankheit (non-Hodgkins Lymphoma) brachte sie es auch noch fertig, sich nach dem Wohlergehen von allerlei Leuten zu erkundigen, die sie mochte. Sybil Halpern kam am 6. Oktober 1941 in New York zur Welt. Ihre Eltern waren nach dem Anschluss an Nazideutschland aus Österreich geflüchtet. Sie besuchte zuerst eine Schule für Musik und Kunst, bevor sie sich der politischen Geschichtsforschung zuwandte. Sie studierte u.a. in München und erhielt ein Doktorat in moderner deutscher Geschichte an der kalifornischen Universität Stanford, wo sie anschliessend als Dozentin tätig war, bis sie Chefin des Leo-Baeck-Archivs in New York wurde. Dort lernte Jacques Picard sie kennen.

Der Holocaust und die Kunst

Milton, die fliessend Deutsch sprach, arbeitete in Berlin und Bonn in historischen Kommissionen mit. In letzter Zeit war sie Beraterin bei der Erarbeitung einer CD-Rom mit Begleitbuch namens «Lernen aus der Geschichte. Projekte zu Nationalsozialismus und Holocaust in Schule und Jugendarbeit», die im April 2000 von der deutschen Regierung in Berlin vorgestellt wurde. Sybil Milton schrieb neben ihrer Beratertätigkeit zahllose wichtige Bücher und wissenschaftliche Beiträge. Sie setzte sich unerbittlich dafür ein, dass auch die Schicksale weiterer Gruppen von Verfolgten der NS-Zeit gebührend erforscht und publiziert wurden. So widmete sie sich den Sinti und Roma, den Zeugen Jehovas, und von ihr stammt ein gerade in seiner Nüchternheit erschütternder Forschungsbericht über nichtjüdische Kinder in Konzentrationslagern (Jahrbücher des Wiesenthal-Zentrums). Sie gilt als die Historikerin, die am umfassendsten die aufgefundenen Dokumente der Konzentrationslager erforschte. Die Historikerin war auch eine Expertin der NS-Kunst. So beriet sie Gremien zum Thema Raubkunst und einige Museen vor entsprechenden Ausstellungen. Ihre letzte derartige Arbeit wird erst ab September 2002 zu würdigen sein: «Der letzte Ausdruck: Kunst aus Auschwitz» im Kunstmuseum der Northwestern University in Chicago. 1982 erhielt Sybil Milton in den USA einen Nationalen jüdischen Buchpreis für das Werk «Kunst des Holocaust», das sie 1981 zusammen mit Janet Blatter und ihrem Mann Henry Friedlander geschrieben hatte. Sie war auch die Autorin von «In Fitting Memory: the Arts and Politics of Holocaust Memorials», das 1991 bei der Wayne State University Press erschien und Fotos von Ira Nowinski enthält.

Das letzte Buch

Henry Friedlander war gleichzeitig der (zweite) Ehemann und kongeniale Co-Autor für Sybil Milton. Friedlander wurde 1930 in Berlin geboren, 1941 ins Ghetto von Lodz und nach Auschwitz deportiert. 1944 kam er nach Neuengamme und Ravensbrück, und 1947 in die USA. Er konnte deutsche Geschichte studieren, bearbeitet seither als Forscher, Autor und Dozent die verschiedenen Aspekte des Holocaust und lehrt heute als Professor für jüdische Studien am Brooklyn College der City University von New York. Er schrieb zahlreiche grundlegende Bücher, und 1980 publizierte er zusammen mit Sybil Milton ein Werk über die Ideologie, Bürokratie und den Völkermord im Holocaust. Viele weitere gemeinsame Arbeiten folgten.
Bis zu ihrem langen Klinik-Aufenthalt in Bethesda arbeitete Sybil Milton, so lange sie dazu die Kraft besass, an ihrem letzten Buch «The Camera as Weapon and Voyeur: Photography of the Holocaust as Memorial Evidence» (Die Kamera als Waffe und Voyeurin: Fotografie des Holocaust als Beweise für die Erinnerung). Ihr Mann will es an ihrer Stelle beenden.





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