Und doch!
Jahrelang herrschte zwischen Israel und Libanon bei Metulla ein reger kleiner Grenzverkehr. Dabei strömten bei weitem nicht nur die IDF-Soldaten «zum Schutze des nördlichen Israels», wie es offiziell hiess, ins Nachbarland. Auch in umgekehrter Richtung tat sich einiges. Hunderte, manchmal tausende von Bewohnern Südlibanons verdienten ihren Lebensunterhalt in den Hotels und auf den Feldern Galiläas. Kinder aus der «Sicherheitszone» durften regelmässig zur Entspannung zum grossen Nachbarn in den Süden, und Gleiches galt auch für Kranke, die in israelischen Spitälern gepflegt wurden.
Und doch: Der Situation haftete etwas Unnatürliches, Surrealistisches an. Israels Soldaten hielten, zusammen mit einer verbündeten Miliz, ein Stück Land besetzt, das ihnen nicht gehörte. Ohne ein umfassendes Friedensabkommen mussten die Arbeiter, Kinder und Kranke in den Augen Beiruts als Verräter gelten. Mit seinem «Guten Zaun» schuf Israel sich auf kurze Sicht zwar Freunde unter einem verschwindend kleinen Teil der Libanesen, schürte beim Rest aber einen täglich eskalierenden Hass.
Der «Gute Zaun» gehört vorerst der Vergangenheit an. Zwar stehen Israelis und Libanesen sich heute näher und offener gegenüber als in den letzten 22 Jahren, doch der Ton des Dialogs, der da geführt wird, ist schrill, feindselig, unversöhnlich. Intifada-like bewerfen Libanesen Soldaten auf der anderen Seite des Zauns mit Steinen, die Israelis reagieren mit Gummikugeln. Die libanesische Seite droht mit Plastikattrappen von Katyusha-Raketen, IDF-Soldaten halten ihre Bürger vom Zaun fern. Und doch: Solange die Waffen schweigen, ist der Dialog das einzige Mittel, um den «Guten Zaun» wiederzubeleben, diesmal für ganz Israel und ganz Libanon. Dass der Dialog heute noch in zahllose Monologe zerfällt, darf nach den letzten 22 Jahren niemanden verwundern. Das Spiel ist zwar nicht ungefährlich, doch steter Tropfen sollte aber auch hier letztlich den Stein höhlen.


