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Revue Juive Nr.01 Ausgabe: Nr. 1 » October 15, 2008

«Überall dort wo Juden wohnen»

von Alexis Canem, October 9, 2008
Vor zweihundert Jahren wurde in Hanau Moritz Daniel Oppenheim geboren. Den genauen Termin weiss man nicht. Es könnte der «7. oder 8. Jänner» gewesen sein, gibt die «Grosse Jüdische National-Bibliothek» als Geburtsdatum an. Ihm zu Ehren zeigt gegenwärtig das Jüdische Museum in Frankfurt/Main eine umfangreiche Retrospektive mit über 120 Werken. Damit ist diese Schau die bisher grösste Ausstellung über diesen Maler des «jüdischen Selbstbewusstseins», der, wie Direktor Heuberger erklärt, es wie kein anderer vor oder nach ihm «vermochte, bewusst gelebte jüdische Identität mit seiner Arbeit als Künstler zu vereinen.»
Moritz Daniel Oppenheim: Maler des jüdischen Selbstverständnisses. - Foto PD

Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Deutschland kaum einen jüdischen Haushalt, in dem sich nicht eine Arbeit von Moritz Daniel Oppenheim befand. Er war ein begehrter Künstler. Viele vornehme Familien liessen sich von dem «Hausmaler der Rothschilds» porträtieren und das von 1866-1913 in 15 Auflagen als Buch oder lose Blätter erschienene Werk «Bilder aus dem altjüdischen Familienleben» war bis zum 1. Weltkrieg das «wohl am meisten verkaufte deutsch-jüdische Buch» welches, wie 1884 die Zeitung «Der Israelit» berichtet, man überall dort «findet, wo Juden wohnen.»
Doch dann geriet der Künstler in Vergessenheit. Erheblich daran beteiligt war die Kulturpolitik der deutschen Nationalsozialisten, denen von Anfang an Oppenheims Malerei nicht gefiel. Denn er war nicht der erste jüdische Maler der Neuzeit, sondern präsentierte mit seiner Themenauswahl ein selbstbewusstes jüdisches Bürgertum, das stolz auf seine eigenen Leistungen und Kultur war. Gemälde und Grafiken von Oppenheim wurden konfisziert, vor der Öffentlichkeit verborgen oder in Auktionen zu Schleuderpreisen verkauft.

Irrwege der Kunst

Dazu zählten auch mehrere Werke, die dem Enkel Alfred Oppenheim gehörten, oder die er treuhänderisch verwahren sollte. Ihm gelang 1939 die Flucht nach England, doch sein Besitz, der bereits in Kisten verpackt war, wurde von der Spedition nicht weiter transportiert, sondern blieb auf Anordnung der Gestapo in Deutschland, wo die beschlagnahmten Arbeiten versteigert wurden. Manche Werke gelangten so in das Magazin Frankfurter Museen, andere verschwanden spurlos. Was übrig blieb waren die Listen und Protokolle der Versteigerungen. Sie wurden nach dem Krieg der Nachweis dafür, welche Kunstwerke sich die Museen ungerechtfertigt angeeignet hatten. Die Frankfurter Museen gaben die Sachen ihren früheren Besitzern zurück. Doch 224 Werke von Oppenheim, rechnete Museumsdirektor Heuberger aus, bleiben nach wie vor verschollen. Auch das Gemälde «Besuch in der Skulpturengalerie» hielt man für verloren. Doch als man die Ausstellung vorbereitete, tauchte es plötzlich wieder auf. Heute ist es im Besitz des Hanauer Museums Schloss Phillipsruhe, jenem Kunstinstitut, das gerade Werke Oppenheims als einen ihrer Sammlungs- und Forschungsschwerpunkte hat, weil er ja in Hanau geboren wurde. In den sechziger Jahren tauchte das Bild im Kunsthandel auf, wurde gekauft und gelangte dann ins Museum. Über die wahren Eigentumsrechte «haben wir nichts gewusst» erklärt Museumsdirektor Dr. Meise. Schlampige Recherche der Mitarbeiter oder bewusstes Täuschungsmanöver? Eigentlich müsste das Bild jetzt den Erben zurückgegeben werden. «Der Sachverhalt ist kompliziert», so Dr. Meise, «aber wir diskutieren darüber.»
Viele Bilder, die in der Ausstellung gezeigt werden, sind bekannt, ohne dass man unbedingt wusste, dass sie von Moritz Daniel Oppenheim gemalt wurden. Zu sehen sind beispielsweise schöne Porträts von Heinrich Heine und Ludwig Börne oder in zahlreichen Varianten Mitglieder der Familie Rothschild. Diese Bilder hingen einst in den Geschäftsräumen des internationalen Bankhauses oder schmückten die Privaträume der verstreuten Familie, die auch dadurch zum Zusammenhalt aufgerufen wurde. Lobenswert zu erwähnen ist der sehr schöne Katalog, (45 Mark), in dem auch bisher verschollene Bilder abgebildet sind. Zu diesen zählt «Jom Kippur bei den Rothschilds» von 1849. Vielleicht findet man das Original nun doch noch, in einem Archiv, Museum oder Privathaushalt.
Jüdisches Leben zeigen die Werke Oppenheims in allen Varianten. Seine Porträts erzählen von einer Generation, die das Ghetto verlassen konnte und nun voller Selbstvertrauen um ihren Platz in der Gesellschaft ringt. Dass die nichtjüdische Umwelt vertragsbrüchig nicht zu ihren Zusagen stand, ist ein Thema mancher Werke, darunter die «Rückkehr» eines Freiwilligen aus den Befreiungskriegen von 1813/14. Als Oppenheim das Bild 1833/34 malte, war Napoleon schon lange besiegt und die jüdischen Bürgern verliehenen Rechte längst zurückgenommen worden. Ihr Leben durften die Juden für Deutschland geben, sie sollten kämpfen mit der Gefahr, dabei schwer verwundet zu werden oder für immer Krüppel zu bleiben - den nichtjüdischen Bürgern gleichberechtigt sollten sie nicht sein. In anderen Bildern warnt Oppenheim vor der Assimilation. Dazu zählt das Gemälde «Versuchung», in dem ein Mohr von einer christlichen Schönheit zum Trinken von Alkohol und damit zur Aufgabe seines Glaubens verleitet werden soll, ebenso wie «Joseph und das Weib des Potiphar». Weitaus bekannter ist das Bild «Lavater und Lessing bei Moses Mendelssohn» von 1856, bei dem Mendelssohn zum Übertritt zum Christentum gedrängt wird. Meisterhaft ist die Standhaftigkeit und Stärke Mendelssohn gegenüber diesem Missionsversuch, bei dem auch Lessing anwesend ist, dargestellt. Ein anderes Bild zeigt die Heimkehr eines Sohnes, der am Schabbes bei seiner nach alter Tradition lebenden Familie eintrifft und damit eine Diskussion über die neue politische Emanzipation auslöst und ob man für diesen Fortschritt alte orthodoxe Vorschriften überschreiten dürfe. Eine Debatte, die in der Frankfurter liberalen jüdischen Gemeinde damals besonders heftig geführt wurde. Zu Toleranz ruft Oppenheim in seinem, an Lessings Parabel angelehnte «Betrachtung der Ringe», während der Hauptzyklus mit Szenen aus dem Ghetto die Frage stellt, wie weit sich Juden in eine bürgerliche Gesellschaft integrieren können, ohne ihre Identität zu verlieren.

Heile jüdische Welt im Widerspruch

Ob eine traditionell begangene Hochzeit unter der Chuppa gezeigt, ein kleiner Junge im Talmud unterwiesen wird, ein anderer seinen Bar Mitzwa- Vortrag im häuslichen Kreis hält, eine Mutter die Schabbeskerzen segnet, während ihr Mann mit dem Sohn zur Synagoge geht oder der heimgekehrte Familienvater gerade die Kinder segnet - stets wird eine heile jüdische Welt gezeigt, die im krassen Widerspruch zur sozialen Realität steht. Ein Vorwurf, den ihm damals einige Zeitgenossen machten. Doch nicht romantisch verklärt sind Oppenheims Bilder, die, so Georg Heuberger, zeigen, welche «Sicherheit und Geborgenheit religiöse Tradition vermitteln kann. Seine Bilder bildeten einen Kontrapunkt zu der alles umfassenden Assimilation und wurden gerade deshalb zu einem Fluchtpunkt in die Tradition für die Enkelgeneration der aus dem Ghetto entlassenen jüdischen Familie.» Heute noch sind viele dieser aufgeworfenen Fragen aktuell, wodurch diese Ausstellung mehr ist als nur ein kunsthistorischer Rückblick auf alte jüdische Bräuche und Lebensgewohnheiten. Auch an uns wird die Frage gestellt, wieweit wir gehen können, ohne unsere Identität zu verlieren und die alte, doch immer noch aktuelle Forderung gestellt, unsere Wurzeln, unsere Tradition dabei nicht zu vernachlässigen und zu vergessen.


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